Mafia in Südamerika Die Gier nach Frauenhaar

In Lateinamerika blüht das Geschäft mit Frauenhaar. Banden überfallen Passantinnen und schneiden ihnen die Zöpfe oder ganze Büschel ab. Venezuelas Präsident Nicolás Maduro hat der Haar-Mafia den Kampf angesagt: "Unsere Mädchen sind heilig."

AP

Aus Popayán berichtet 


"Haare", sagt Diana Pito, "Haare sind bei uns ein Statussymbol." Eine lange und dichte Mähne sei in Südamerika das klassische Ideal der Schönheit, betont die junge Frau und fährt sich mit den gespreizten Fingern durch das schwarze Haar, so wie es Frauen in Werbespots für Shampoo zu tun pflegen.

Diana Pito sitzt in einem Café in der kolumbianischen Stadt Popayán, trinkt Pfefferminztee aus einem Glas und erzählt eine Geschichte, die irgendwo zwischen Räuberpistole und Organisierter Kriminalität angesiedelt ist. Sie berichtet davon, wie sich Frauenhaar in ihrem Land zu einer begehrten Ware verwandelt hat - und wie sich Haardiebe mit Messern und Scheren an Zöpfen und Ponys der Kolumbianerinnen vergreifen.

"Seit drei Jahren ungefähr gibt es einen wachsenden Markt für Frauenhaar", berichtet die 28-Jährige, die bei einer Menschenrechtsorganisation arbeitet. Echthaarperücken und vor allem Verlängerungen, sogenannte Extensions, erfreuten sich immer größerer Beliebtheit. Was früher nur Models und Schönheitsköniginnen schmückte, gilt in weiten Teilen Südamerikas inzwischen als hip. Und in manchen Städten Kolumbiens suchen die Friseurgeschäfte regelrecht nach Haarspenderinnen. "Kaufe Frauenhaar - in Büscheln oder als Ganzes" - steht an Schönheitssalons.

Haare im Wert von 1,3 Millionen Dollar

Auch international steigt offensichtlich die Nachfrage. Nach Informationen der spanischen Zeitung "El País" ist das Geschäft mit Echthaar ein zunehmend lohnendes Business. Demnach importierten allein die USA seit 2011 Haare im Wert von 1,3 Millionen Dollar (rund 980.000 Euro). Die Branchenorganisation Professional Beauty Association (PBA) registriert in den USA eine steigende Zunahme des Ankaufs von Echthaar in den Friseursalons. Und in Großbritannien werden mit Echthaarverlängerungen jedes Jahr bis zu 70 Millionen Euro umgesetzt.

Es sei vor allem ein Styling-Thema, glaubt Diana Pito. So stünden Afro-Kolumbianerinnen darauf, sich glatte Strähnen ins Haar zu flechten oder Perücken aufzusetzen, um dem gängigen Schönheitsideal näherzukommen. "Außerdem halten Echthaar-Verlängerungen ein Jahr und die aus Kunststoff nur einen Monat."

Auch Diana Pito hat vor rund einem Jahr ihr Haar verkauft. "Ich hatte damals keinen Job und brauchte Geld." Für ihre rund 90 Zentimeter langen Haare zahlte der Friseur Diana 200.000 Peso, umgerechnet knapp 80 Euro.

Es sind die berühmten Peanuts, wenn man bedenkt, dass auf dem Schwarzmarkt in Kolumbien für Echthaarperücken bis zu tausend Euro zu erzielen sind. "Und mein Haar reichte locker für zwei Haarteile", weiß Pito.

Angst vor Racheakten der Haar-Mafia

Aber das Angebot ist rar und die Nachfrage groß. Dementsprechend hoch sind die Gewinnspannen. Und wo viel Geld zu verdienen ist, sind die Mafias in Kolumbien nicht weit. Einer Bekannten von Diana haben vor einem Jahr in Popayán zwei Jungs auf dem Moped die Haare abgeschnitten und sie dabei verletzt. Die junge Frau wartete an der Haltestelle auf den Bus, als das Moped neben ihr hielt. Der Sozius zückte eine Schere und schnitt in aller Eile, wobei er ihr den halben Hals aufschlitze. Darüber reden will Dianas Freundin nicht, zu groß ist die Angst vor Racheakten der Haar-Mafia.

Manche Friseure und Perückenmacher kaufen nur Haare von Leuten, die sie kennen. Die meisten aber nähmen die menschliche Haarware, ohne nach der Herkunft zu fragen ab, erzählt ein Coiffeur. Auch er will lieber ungenannt bleiben.

Das Zentrum der Haar-Mafia ist Kolumbiens Südwesten. Aus Städten wie Popayán werden immer wieder Angriffe auf Frauen gemeldet, in Santander de Quilichao konzentrieren sich die Ankäufer der Haare, und die Fabriken und Flechter von Perücken befinden sich in der Großstadt Cali.

Kaum konkrete Zahlen

Doch nicht nur in Kolumbien passieren diese bizarren Verbrechen. Auch aus Argentinien und Brasilien werden Überfälle auf üppige Haarpracht gemeldet. Vor allem aber in Venezuela haben die Fälle in der jüngsten Zeit so sehr zugenommen, dass sich der Präsident selbst der Sache annahm. Staatschef Nicolás Maduro forderte die Sicherheitskräfte bei einer öffentlichen Veranstaltung auf, "mit harter Hand gegen die Mafia vorzugehen", die den Venezolanerinnen die Haare abschneidet. "Unsere Mädchen sind heilig", versicherte Maduro. Man nennt die Haardiebe in Venezuela "Piranhas", nach dem südamerikanischen Raubfisch.

In den venezolanischen Städten schlagen die Haar-Piranhas vor allem in Einkaufszentren zu. Frauen haben in lokalen Medien immer wieder davon berichtet, dass sie ihre langen Haare oder Zöpfe los waren, ehe sie den Überfall richtig bemerkt haben. In der Ölmetropole Maracaibo setzt Bürgermeisterin Eveling de Rosales sogar verdeckte Ermittler ein, um den Banden das Handwerk zu legen. Denn ein wirtschaftlicher Umstand befeuert gerade in Venezuela den illegalen Haarhandel: Durch die Devisenbeschränkungen sind Importe teuer und kompliziert geworden.

Welche Dimensionen der Haarraub in Lateinamerika angenommen hat, ist schwer zu beurteilen. Polizei und Justiz können kaum konkrete Zahlen nennen, da Frauen das Delikt nur selten zur Anzeige bringen. Medien berichten jedoch immer wieder von Angriffen auf langhaarige Frauen und Mädchen.

Was aus ihrem eigenen Haar wurde, weiß Diana Pito nicht. Sie hatte ihre Haare damals einer Freundin übergeben, die Kontakt zu einer Perückenwerkstatt in Cali hatte. "Auf dem Weg dorthin sind ihr selbst die Haare gestohlen worden", sagt Diana.



insgesamt 13 Beiträge
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sexobjekt 05.09.2013
1.
offensichtlich sind die glorreichen Errungenschaften des Sozialismus in vielen Frauenköpfen noch nicht angekommen. Die USA sind schuld, latürnich.
Megg 05.09.2013
2.
In Absatz 6 berichtet Diana, dass der Frisör ihr umgerechnet 80 Euro für ihre Haare bezahlt hat. Im letzten Absatz sagt sie, die seien ihrer Freundin gestohlen worden. Was denn nun?
RafaelC. 05.09.2013
3. Angstkampagne ohne Opfer
Das merkwürdige an der Geschichte in Venezuela ist, dass zuerst im mit Kolumbien benachbarten Bundesstaat Zulia diverse Medien Haardiebstahl meldeten und für Unruhe sorgten, sodass der Präsident ankündigte, die Mafias zu verfolgen, aber bei der Suche nach Opfern in den nächsten Tagen kein einziges gefunden wurde, keine Anzeige bei der Polizei, nichts. Es stellte sich heraus, dass es sich lediglich um ein Gerücht gehandelt hatte, mit dem man natürlich wunderbar Stimmung machen kann. Keine Beweise, keine Mafia, kein nennenswerter Handel mit Echthaar; der einzige Perückenhersteller des Landes konnte saubere Lieferketten zeigen. Schön, wenn der Spiegel drei Wochen, nachdem sich das erledigt hat, nun die Geschichte auch "aufdeckt". Vielleicht kommt ja in einem Jahr ein Dementi? Warum ist die gesamte Venezuela-Berichterstattung bei Spiegel Online eine einzige Gerüchteküche ohne brauchbare Information?
juttakristina 05.09.2013
4.
Ich finde das auch etwas seltsam. Erst hat sie ihr Haar einem Friseur verkauft und dann hat sie es einer Freundin übergeben? Und geraubt? Also wenn man dem Bericht folgt, hätte es sein können, dass man der Freundin die Haare abschneidet. Ich gehe aber nicht davon aus, dass sie die abgeschnittenen Haare der Freundin offen in der Hand trug, vor allem wenn man weiß, wie begehrt das ist. Wie kommt man darauf, sie zu überfallen, wenn die Haare in einer Tasche oder so waren? Woher wussten die, dass sie Haare bei sich hatte?
tekie2 05.09.2013
5.
Zitat von MeggIn Absatz 6 berichtet Diana, dass der Frisör ihr umgerechnet 80 Euro für ihre Haare bezahlt hat. Im letzten Absatz sagt sie, die seien ihrer Freundin gestohlen worden. Was denn nun?
Sie hat sie verkauft. Ihrer Freunding aber wurden sie geklaut.
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