Häusliche Gewalt Kinder sind bei Trennungen besonders gefährdet

Wenn die Eltern sich trennen, werden Kinder häufig Opfer von Gewalt. Gefahr droht aber auch aus sozialen Netzwerken. Die Deutsche Kinderhilfe macht auf die Situation der betroffenen Kinder aufmerksam.

DPA

Es sind alarmierende Zahlen: Obwohl Gewalt in der Erziehung gesellschaftlich immer weniger akzeptiert ist, sterben in Deutschland jede Woche zwei Kinder an den Folgen. Im vergangenen Jahr sind die Zahlen der unter 14-jährigen Todesopfer von Gewalt um 2,3 Prozent auf 133 gestiegen. Das teilte die Deutsche Kinderhilfe unter Berufung auf die polizeiliche Kriminalstatistik 2016 mit.

Oft gebe es einen Zusammenhang zwischen Trennungen und häuslicher Gewalt, sagte Rainer Becker, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Kinderhilfe, in Berlin. Daher sei es wichtig, wenn es im Bekanntenkreis eine Trennung gebe, achtzugeben: "Das sind die Zeiten, wo die Kinder besonders gefährdet sind."

Statistisch gesehen säßen in jedem Klassenzimmer zwei von Gewalt betroffene Kinder, sagte die Psychologin und Expertin für Cybercrime und sexuelle Gewalt, Julia von Weiler. "Das heißt, jeder von uns kennt betroffene Kinder, und das heißt, jeder kennt Täter oder Täterinnen", sagte sie.

Täter agieren in sozialen Netzwerken

Die Verbreitung von Smartphones spiele dabei eine große Rolle, meint von Weiler. "Mit dem Smartphone bin ich immer bei dir, egal wo du bist, egal was du machst, ich bin auch da", schilderte sie das Unsicherheitsempfinden von Kindern und Jugendlichen, mit denen über das Smartphone Kontakt aufgenommen wurde. Soziale Netzwerke und Onlinespiele seien einfache Zugangsmöglichkeiten für Täter, weil sie dort schon viele Informationen über Kinder sammeln könnten.

Laut dem hessischen Oberstaatsanwalt Andreas May verlagert sich insbesondere die Kinderpornoszene immer mehr ins Darknet. "In diesen Foren wird sexueller Missbrauch verniedlicht, verharmlost", sagte May. Sexuelle Gewalt gegen Kinder sei ein typisches Kontrolldelikt.

Das Darknet lässt sich nur mit spezieller Software, beispielsweise dem Tor-Browser, erreichen. Es wird sowohl von Kriminellen genutzt als auch von Dissidenten, Aktivisten und Journalisten. Anfragen werden beim Absender verschlüsselt, dann gelangen sie durch ein globales Verteilernetz von Tausenden Servern zum Ziel.

Die Datenmengen im Zusammenhang mit der Anfang Juli abgeschalteten Kinderpornoplattform Elysium seien "der schiere Wahnsinn", sagte May. Die Plattform hatte mehr als 87.000 Mitglieder. Seit Ende vergangenen Jahres war dort weltweit kinderpornografisches Material ausgetauscht worden.

Alle sozialen Milieus betroffen

Entgegen herrschender Vorurteile ziehe sich Gewalt gegen Kinder durch alle sozialen Milieus, sagte Kathinka Beckmann, Professorin für Pädagogik an der Hochschule Koblenz. So gebe es Schläge, sexuelle Gewalt, Demütigung, Einsperren aber auch Fälle, in denen Kinder über Nacht in der Badewanne sitzen mussten, weil sie eine Vier in Mathe haben. Es komme in allen sozialen Schichten vor.

Wichtig sei es, Strafverfolgungsbehörden und Jugendeinrichtungen finanziell und personell angemessen auszustatten, sagte Beckmann. Gewalt gegen Kinder sei noch immer ein Alltagsphänomen.

So gibt knapp ein Drittel (30,8 Prozent) der Bundesbürger in einer Studie an, in der Kindheit körperliche oder emotionale Gewalt erfahren zu haben, fast jeder siebte (13,9 Prozent) Deutsche ist demnach Opfer sexuellen Missbrauchs geworden. Das ergab eine repräsentative Umfrage unter etwa 2500 Bundesbürgern zwischen 14 und 94 Jahren, die Forscher der Universität Ulm im vergangenen März vorstellten.

brt/dpa



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