Nebenklagevertreterin im Halle-Prozess »Die Eltern tragen eine große moralische Verantwortung«

Durch »Schweigen, Wegsehen und Unter-den-Teppich-kehren« haben sich die Eltern des Halle-Attentäters laut einer Anwältin mitschuldig gemacht. Auch für den Angeklagten fand sie deutliche Worte.
Der wegen Mordes angeklagte Stephan Balliet (mit Verteidiger Thomas Rutkowski, r.)

Der wegen Mordes angeklagte Stephan Balliet (mit Verteidiger Thomas Rutkowski, r.)

Foto: Ronny Hartmann / dpa

Im Prozess zum rechtsterroristischen Anschlag auf eine Synagoge in Halle (Saale) sind die Schlussvorträge der Nebenklage fortgesetzt worden. Dabei hat die Anwältin Assia Lewin die Familie des Angeklagten für die Taten mitverantwortlich gemacht. »Die Eltern tragen eine große moralische Verantwortung«, sagte sie vor dem Oberlandesgericht (OLG) Naumburg.

Die Juristin vertritt zwei Überlebende aus der Synagoge. Mindestens durch »Schweigen, Wegsehen und Unter-den-Teppich-kehren«, hätten die Eltern, bei denen Stephan Balliet bis zuletzt wohnte, die Radikalisierung und Bewaffnung ihres Sohnes zugelassen.

Eltern und Schwester hatten vor Gericht die Aussage verweigert, laut dem Angeklagten aber nichts von den Plänen gewusst. Der 28-Jährige hatte im Verfahren empfindlich auf Fragen zu seiner Familie reagiert. Lewin sagte nun, dass Balliet seiner Familie nie wieder in Freiheit begegnen werde und diese sich für ihn schämen müsse. Lewin wandte sich in ihrem Schlussvortrag auch direkt an den Angeklagten. »Ihre Taten waren weder mutig noch heroisch, sondern feige und verachtenswert«, warf sie dem Mann vor. »Niemand wird sich an Sie erinnern.«

Am 9. Oktober 2019 hatte er versucht, 51 Menschen zu töten, die in der Synagoge von Halle den höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur feierten. Er scheiterte an der massiven Tür, erschoss daraufhin die Passantin Jana L. und später in einem Döner-Imbiss Kevin S. Auf der anschließenden Flucht verletzte er weitere Menschen. Der Prozess läuft seit Juli vor dem OLG Naumburg, aus Platzgründen findet er jedoch in Magdeburg statt.

Balliet hat die Taten gestanden und mit antisemitischen, rassistischen und antifeministischen Verschwörungstheorien begründet. Die Bundesanwaltschaft fordert eine lebenslange Freiheitsstrafe mit anschließender Sicherheitsverwahrung und die Feststellung der besonderen Schwere der Schuld. Sie wirft dem Angeklagten unter anderem Mord und versuchten Mord vor. Das Urteil erwartet das Gericht am 21. Dezember.

bbr/dpa