Anschlag in Halle "In meinen Kopf geht einfach nicht rein, warum er das getan hat"

Zwei Tote, mehrere Verletzte: Der antisemitische Anschlag von Halle versetzt die Universitätsstadt in einen Schockzustand. Wie reagiert man angemessen auf solch eine Gewalttat?

Marius Mestermann/ SPIEGEL

Aus Halle an der Saale berichtet


Dass der 9. Oktober 2019 in Halle ein Tag des Gedenkens werden würde, war schon lange klar. Vor genau dreißig Jahren hatten die Menschen hier, vor der jahrhundertealten Marktkirche in der Altstadt, friedlich für einen Systemwechsel in der DDR demonstriert, bis die Polizei gewaltsam eingriff.

Doch eine geplante Filmvorführung am Mittwochabend samt Zeitzeugengespräch wird kurzfristig abgesagt, weil ein anderes Ereignis den Gedenktag überschattet. Am Mittag sind bei einem Angriff auf die jüdische Gemeinde der Stadt in Sachsen-Anhalt zwei Menschen getötet und weitere verletzt worden.

Nach SPIEGEL-Informationen handelt es sich bei dem mutmaßlichen Täter um den 27-jährigen Stephan B. aus Sachsen-Anhalt. Ein von ihm live gestreamtes Video zeigt, wie er eine Passantin in der Nähe des jüdischen Friedhofs sowie einen Gast in einem Dönerimbiss in der Nähe der Synagoge erschießt (mehr über die Hintergründe erfahren Sie hier).

Video: "Wie ein Geisterstadt"

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Aus dem Video ergeben sich auch klare Hinweise auf das Motiv. "Wir gehen von einer rechtsextremistischen und antisemitischen Motivation der Tat aus", sagte ein Sprecher der Bundesanwaltschaft dem SPIEGEL. Der Tatverdächtige wurde im Laufe des Nachmittags festgenommen.

Am Abend erinnern lediglich die Polizeiwagen an den Straßenecken der Altstadt und das abebbende Sirenengeheul an die dramatischen Ereignisse des Tages. Um kurz nach 18 Uhr gibt die Polizei bekannt, dass die "Gefährdungslage für die Bevölkerung" nicht mehr akut sei.

Vereinzelt eilen Menschen durch die regennassen Gassen nach Hause, ansonsten ist die Innenstadt wie leergefegt. Bis auf den Marktplatz, wo sich nach und nach Menschen um einen kleinen Metallblock scharen, erst einige wenige, dann schließlich einige Hundert.

Der Metallblock, ein sogenanntes Geoskop, soll eigentlich auf eine geologische Besonderheit in der Gegend hinweisen. An diesem Abend dient er als Schrein, auf den die Hallenser Dutzende Gedenkkerzen und Blumen legen. Angesichts der Menschenmenge ist es beinahe gespenstisch still, hier und da murmeln Menschen "Warum?" oder "Ich verstehe es nicht", andere umarmen sich.

Dann ergreift jemand das Wort: Valentin Hacken, Jurastudent und Sprecher von "Halle gegen Rechts". Das Bündnis hat kurzfristig zu der Mahnwache aufgerufen. Hacken erklärt, dass keine Redebeiträge geplant seien, es soll eine stille Andacht sein.

Schweigen gegen den Hass

In dem Moment merkt man: Das Wichtigste ist, dass die Menschen nicht mit ihren Gedanken allein sein müssen. Wie der Mann, der eine Israelflagge über den Schultern trägt und auf die flackernden Kerzenlichter starrt. Eine Stunde lang verharrt er fast regungslos. Der Schock sitzt tief bei den Hallensern.

"Was heute passiert ist, hat viele von uns fassungslos gemacht und schockiert. Das war ein unglaubliches Maß an Brutalität, mit dem der oder die Täter da vorgegangen sind", sagt Hacken dem SPIEGEL. Dabei hätte es wohl noch viel schlimmer kommen können. Denn der Täter versuchte offenbar, in die Synagoge im Paulusviertel einzudringen, wo sich am höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur etwa 70 bis 80 Menschen aufhielten. Er scheiterte an der gesicherten Tür.

Der Student Matthias Bille wohnt unweit des Tatorts. Nach der Arbeit holt er sich oft einen Döner in dem Laden, in dem am Mittwochmittag ein Mann erschossen wurde. Zu dem Zeitpunkt ist Bille zu Hause, ein Freund schickt ihm ein Foto, auf dem das Opfer zu sehen ist. "Das war echt abgefahren", sagt der 25-Jährige und ringt um Fassung.

Doch er verspürt nicht nur Trauer, da ist auch Wut, Abscheu gegen den Täter. "In meinen Kopf geht einfach nicht rein, warum er das getan hat - und wenn es in meinen Kopf nicht geht, wie soll es dann den Familien der Opfer gehen?"

"Zeigen, dass wir mehr sind"

Ähnlich sieht es Sophie Winter, die seit knapp vier Jahren in Halle wohnt. Die junge Mutter konnte ihr Kind über Stunden nicht aus der Kita holen, weil die Polizei keine Entwarnung gab. Die Mahnwache macht ihr Mut, sie sieht viele bekannte Gesichter. Winter sagt aber auch: "Dass man aus dem Haus geht und es liegt so eine Schwere über dem Viertel, das habe ich hier noch nie erlebt." Auch Kathrin Dinebier, die in den Neunzigern nach Halle zog, war zutiefst verstört, als sie von dem Anschlag hörte: "Ich habe gedacht: Das passiert doch in unserer Provinzstadt Halle nicht."

Doch nicht alle Teilnehmer der Mahnwache kennen die Stadt so gut. Die 21-jährige Lea-Marie ist erst seit zwei Tagen in Halle, in der kommenden Woche beginnt ihr erstes Semester an der Martin-Luther-Universität. "Ich bin hier, um Anteilnahme zu zeigen und dass wir mehr sind", sagt sie. Ihr Kommilitone Leon hat gerade erst eine Wohnung in einer Seitenstraße der attackierten Synagoge bezogen. Dort blieb er, während der Einsatz lief. "Das war ziemlich gruselig", sagt er.

Ähnlich geht es dem gebürtigen Hallenser Peter Kubiak, der bis vor einigen Jahren ebenfalls nahe der Synagoge gewohnt hat. "Es wühlt einen umso mehr auf, je näher es einem ist", sagt Kubiak. Er stand vor genau dreißig Jahren an derselben Stelle, damals beim Friedensgebet. Am Mittwochabend sagt er: "Ich hätte nicht gedacht, dass es Ereignisse geben könnte, die einen nochmal so durchrütteln - nur in ganz anderer Art."

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