Reaktionen Die Presseschau zum antisemitischen Angriff in Halle

"Das hat es in der Bundesrepublik noch nicht gegeben": Die Gewalttat von Halle ist Thema in internationalen Medien. Einige verweisen auf den NSU, andere auf das Christchurch-Attentat. Ein Überblick.

NY Times

"New York Times" (USA)

"Das Vorgehen des Angreifers weist eine frappierende Ähnlichkeit zum Amoklauf eines Rechtsextremisten vor mehr als sechs Monaten gegen zwei Moscheen im neuseeländischen Christchurch auf, der seine Morde live in sozialen Medien streamte. 51 Menschen starben bei dieser Attacke. Wie der Christchurch-Mörder nahm auch der Angreifer von Halle sich selbst auf - in einem 35-minütigen Video voller Schüsse, Chaos und hasserfüllter Sprache."

"Leipziger Volkszeitung"

"In Halle betreibt die 'Identitäre Bewegung' mitten in der Stadt ein Haus - jene 'Identitäre Bewegung', die das Bundesamt für Verfassungsschutz im Sommer als eindeutig rechtsextrem eingestuft hat und die unter anderem Kontakte zu Teilen der AfD unterhält. In Sachsen-Anhalt - genauer: in Tröglitz - war es auch, wo im Frühjahr 2015 eine Flüchtlingsunterkunft brannte und der tapfere Bürgermeister Markus Nierth zurücktrat. Die Landesregierung hat die Gefahren von rechts später immer mal wieder unter dem Eindruck des Erstarkens der AfD relativiert - fatalerweise. Was für Halle gilt, gilt für das ganze Land. Die Militanz der rechtsextremistischen Szene wächst. Sie tritt immer unverhohlener auf und sickert teilweise sogar in die Sicherheitsbehörden ein."

"Haaretz" (Israel)

"Wegen liberaler Werte werden Juden überall zum ersten Ziel weißer Suprematisten. Die Schüsse an der Synagoge in Ostdeutschland waren nicht nur eine antisemitische Attacke. Sie waren auch ein Angriff auf Immigration und solche Werte, die mit Juden in Verbindung gebracht werden."

"Il Corriere della Sera" (Italien)

"Niemanden erstaunt die Tatsache, dass der brutalste Angriff der vergangenen Jahre hier geschah. In den vergangenen Tagen hatten die Behörden die jüdischen Gemeinden in der Region gewarnt, sie warnten sie vor dem Risiko möglicher Anschläge. Das war nicht bloß eine gewöhnliche Vorkehrung für den bevorstehenden Feiertag Jom Kippur, sondern eine Folge jenes Windes, der in diesem Land weht - in Sachsen, das seit immer, seit dem Tag der Wiedervereinigung, für ein ungelöstes Problem steht: wie ein permanent siedender Topf voller Rassismus, Frust und Identitätsproblemen."

"Frankfurter Allgemeine Zeitung"

"Martialisches Auftreten konnte bislang in das Reich einer verirrten rechtsextremistischen Subkultur verwiesen werden. Dass sie sich aus ihren Verstecken traut und in dieser Form aus Worten Taten werden lässt, hat es in der Bundesrepublik noch nicht gegeben. (...) Traurige Wahrheit ist doch, dass sich rechtsextremistische und antisemitische Gefährder in Deutschland schon seit Jahren wieder frei im Bodensatz der Gesellschaft bewegen können, einem Bodensatz, der nicht nur in Sachsen-Anhalt politisch Morgenluft wittert."

SPIEGEL ONLINE

"Liberation"(Frankreich)

"Nach dem jüngsten Verfassungsschutzbericht des Bundesinnenministeriums, der jährlich veröffentlicht wird, wird die Zahl der als 'gewalttätig' eingestuften rechtsextremen Personen auf 12.700 geschätzt. Darüber hinaus meldete die Regierung im August die Zahl von 8.605 Verbrechen und Straftaten, die im ersten Halbjahr 2019 Rechten zugerechnet wurden. Diese Zahl steigt, und das sollte sich ändern, weil derartige Straftaten bei Ermittlungen nicht immer schnell als solche qualifiziert werden. Die Deutschen erinnern sich an das Beispiel der Neonazi-Zelle NSU, die in den 2000er-Jahren mehrere rassistische Morde begangen hat: Die Behörden haben diese neonazistischen Verbrechen jahrelang zu Konflikten innerhalb ausländischer Gemeinschaften gemacht, während ein Teil der Presse sie 'Döner-Morde' nannte."

"La Repubblica" (Italien)

"Nur eine gepanzerte Tür hat Stephan B. daran gehindert, das jüdische Fest Jom Kippur in Blut zu tauchen und die dramatischste Wunde der deutschen Identität wieder zu öffnen. Auch wenn es sein Hauptziel verfehlt hat, ist das gestrige Attentat auf die Synagoge von Halle ein Signal, das nicht länger ignoriert werden kann: Das Feuer der Intoleranz ist zurückgekehrt, um in unseren Ländern mit einer nie zuvor gesehenen Gewalt zu brennen. Das von Halle ist kein Einzelfall. Und man kann es nicht auf eine Episode des Wahnsinns reduzieren. Wir stehen stattdessen vor der schwersten Bedrohung unserer Demokratien."

mxw/far/dpa



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