Halle Das selbst gebaute Waffenarsenal des Attentäters

Der Täter von Halle führte zahlreiche Waffen und Sprengsätze mit sich - offenbar selbst zusammengebaut. Im Netz basteln Waffennarren seit Jahren an immer ausgefeilteren Modellen.

Polizei in Wiedersdorf: Auch hier schoss der Täter von Halle auf Menschen
Klaus-Dietmar Gabbert/DPA

Polizei in Wiedersdorf: Auch hier schoss der Täter von Halle auf Menschen

Von Alexander Epp


Im Internet kursiert ein elfseitiges Dokument, das mutmaßlich der Attentäter von Halle erstellt hat; nach ersten Prüfungen wird es als "authentisch" bewertet, wie aus Sicherheitskreisen verlautete.

In dem Dokument sind selbst gebaute Schusswaffen aufgelistet: zwei improvisierte Schrotflinten, eine Einzelschusspistole, eine halbautomatische Schusswaffe mit Kunststoffteilen aus dem 3D-Drucker und eine Maschinenpistole vom Typ "Luty" 9mm.

Die Waffen decken sich mit denen, die in dem selbst gedrehten Video des Täters von Halle zu sehen sind. Laut dem elfseitigen Dokument war es ein erklärtes Ziel des Täters, die Tauglichkeit improvisierter Waffen unter Beweis zu stellen.

Dieser Zusammenhang wirft ein Schlaglicht auf die dunkle Seite des Internets, wo sich Waffennarren über Eigenkonstruktionen austauschen und Baupläne hochladen. Eine Szene, in der sich anscheinend auch der Täter von Halle umtrieb.

Schusswaffen wie die "Luty" wurden extra dafür entwickelt, komplett ohne offizielle Waffenteile zu funktionieren. "Man muss im Grunde nur in einen Baumarkt gehen und kann sich die Teile dort zusammensuchen", sagt Waffenexperte N.R. Jenzen-Jones. Er leitet Armament Research Services, eine private Organisation, die weltweit Daten zu Waffen sammelt und analysiert.

Die Selbstbau-Maschinenpistole des Engländers Philip Luty besitzt bei vielen Waffennarren Kultstatus. Sie ist ein politisches Statement, ihr Erfinder wollte damit sagen: Wer eine funktionsfähige Waffe bauen will, der kann das auch - egal wie sehr der Staat sich bemüht, das zu verhindern. Zur Herstellung braucht es meist nicht viel mehr als mittelmäßiges Know-how.

Das gilt auch für den Bau der improvisierten Schrotflinten, die der Täter von Halle benutzte, sie könnten simpler nicht sein. Zwei Rohre und eine Schraube genügen, um eine funktionsfähige Waffe zu bauen, deren Ursprung sich nicht nachverfolgen lässt - für die Sicherheitsbehörden ein zunehmendes Problem.

"Mit viel Energie geplant"

In dem Manifest dokumentiert der Täter detailgetreu, welche Schusswaffen er am Körper tragen wird, wann sie zum Einsatz kommen sollen und was geplant ist, wenn eine Waffe nicht mehr funktioniert. Er beschreibt die Zusammensetzung des Sprengstoffs, mit dem er später versuchen wird, die Eingangstür zur Synagoge aufzusprengen und erklärt, wie er die Schusswaffen-Munition produzierte. "Man kann erkennen, dass der Attentäter recht viel Ahnung von Selbstbauwaffen hat. Vor allem aber merkt man, dass er das sehr lange mit viel Energie geplant hat", sagt Jenzen-Jones.

Selbst gebaute Schusswaffen lassen sich in Konfliktzonen weltweit finden, kommen aber in der Regel dort zum Einsatz, wo der Zugang zu konventionellen Waffen erschwert ist. Das Prinzip, rudimentäre Waffen aus Metall in Eigenregie zu bauen, ist alt. Relativ neu hingegen ist die Entwicklung sogenannter Hybridwaffen, die mithilfe von 3D-Druckern hergestellt werden. In der Waffenbau-Szene ist dies seit Jahren ein Trend. Digitale Bauanleitungen werden getauscht, erweitert, realisiert und erprobt (mehr dazu in dieser Visual Story des SPIEGEL).

Manche Teile dieser Hybridwaffen können von herkömmlichen Pistolen stammen. Ein Großteil besteht aber aus Polylactiden - Kunststoff, der aus dem 3D-Drucker kommt. In den USA erregte etwa der Aktivist Cody Wilson mit Waffen aus dem 3D-Drucker Aufsehen. Nach juristischen Auseinandersetzungen bekam er schließlich das Recht, Baupläne online zu verkaufen.

In Deutschland darf nur eine Schusswaffe bauen, wer über die entsprechende Herstellungserlaubnis verfügt - zum Beispiel Büchsenmacher oder große kommerzieller Waffenbauer. Auf illegalen Waffenbau stehen bis zu zehn Jahre Freiheitsstrafe.

Die selbst gebauten Hybridwaffen sind oft fehleranfällig, es kann sogar dazu kommen, dass sie sich in der Hand in Einzelteile zerlegen. Auch der Täter von Halle nutzte eine solche Hybridwaffe. Und sie schien nicht gut zu funktionieren. In dem Tatvideo hört man ihn fluchen, man sieht, wie es mehrfach zu Fehlfunktionen kommt, wie die Waffe blockiert oder nicht feuert.


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