Antisemitismus in Halle an der Saale Weißes Pulver per Post

Stoff-Hakenkreuze, Drohbriefe, verdächtige Substanzen im Briefkasten: In Halle häuften sich zuletzt antisemitische Vorfälle. Es gibt viele offene Fragen - aber auch erste Ermittlungserfolge.
Davidstern auf der Synagoge in Halle: Weißes Pulver per Post

Davidstern auf der Synagoge in Halle: Weißes Pulver per Post

Foto: Ronny Hartmann/ AFP

Der Brief landete an einem Donnerstag im Briefkasten der Synagogengemeinde in Halle, der Hausmeister brachte ihn dem Gemeindevorsitzenden. Karl Sommer öffnete den Umschlag ohne Argwohn, wie er sagt: "Ich dachte, da schreibt irgendein Mitglied, das einen Rollator braucht." Doch der Absender war sicherlich kein Jude. Sondern augenscheinlich ein Rechtsextremist und Antisemit.

Oben rechts auf dem Schreiben prangte ein Schwarz-Weiß-Foto Adolf Hitlers, darunter der Schriftzug "Heil Hitler". Beunruhigender jedoch war das, was sich Sommer zufolge außerdem in dem Umschlag befand: ein weißes Pulver. Wenig später standen Ermittler des Landeskriminalamts vor der Tür.

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Der Fund des Drohbriefes in der reformjüdischen Synagogengemeinde vor anderthalb Wochen ist nur einer von mehreren antisemitischen Vorfällen in jüngster Vergangenheit in Halle. Zuletzt hatten binnen weniger Tage ein oder mehrere Unbekannte zweimal Hakenkreuze aus Taschentüchern vor das Gemeindezentrum der orthodoxen Jüdischen Gemeinde gelegt.

Hakenkreuze aus Stoff

In allen drei Fällen sind noch viele Frage offen, klar ist aber schon jetzt: In Halle an der Saale gibt es offenkundig ein Problem mit Antisemitismus - ausgerechnet in jener Stadt, die im Oktober zum Schauplatz eines Attentats auf die dortige Synagoge geworden war. Ein Rechtsextremist tötete beim Angriff auf das Gotteshaus der orthodoxen Gemeinde zwei Menschen.

Zumindest im Fall der Stoff-Hakenkreuze gibt es inzwischen vielversprechende Ermittlungsansätze: Beamte identifizierten auf Videoaufnahmen vom Tatort einen 64-Jährigen, wie die Polizei nun mitteilte . Der Mann wurde demzufolge bereits vernommen, er soll das verfassungsfeindliche Symbol in beiden Fällen ausgelegt haben. Unklar ist bislang, was genau der Täter damit bezweckte.

"Jeder ist bei uns willkommen, ob Jude oder nicht Jude"

Karl Sommer, Vorsitzender der Synagogengemeinde Halle

Der Fall hat auch deshalb ein erhebliches Empörungspotenzial, weil ein Polizist darin eine äußerst fragwürdige Rolle spielt: Der Beamte soll beim Einsatz am Gemeindezentrum am vergangenen Dienstag auf das Stoff-Hakenkreuz getreten sein - später meldeten die Beamten, sie hätten nichts gefunden. Die Polizei ermittelt nun wegen des Verdachts der Strafvereitelung im Amt gegen den Mann, zudem eröffnete sie ein Disziplinarverfahren.

Fluchtversuch aus der JVA

Erst wenige Tage zuvor war es dem Attentäter von Halle gelungen, im Gefängnis über einen 3,40 Meter hohen Zaun zu klettern und sich minutenlang innerhalb der Haftanstalt frei zu bewegen. Die zuständigen Beamten wurden daraufhin in andere Bereiche versetzt, der Häftling in eine andere JVA verlegt. Das Gefängnis in Halle liegt keine zwei Kilometer von der Synagoge entfernt.

"Das ist unfassbar, dass er es fast geschafft hat. Mir fehlen die Worte", sagte der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde, Max Privorozki, am Donnerstag der Nachrichtenagentur dpa. Es sei kaum vorstellbar, was alles hätte passieren können, wenn der Häftling entkommen wäre.

Das alles wirft die Frage auf, ob Juden in Deutschland Vertretern des Staates uneingeschränkt vertrauen können. Wie sollen sie sich angesichts solcher Verdachtsmomente gegen Polizisten und Vollzugsbeamte einigermaßen sicher fühlen?

Der Vorsitzende der Synagogengemeinde zeigt sich gefasst. Er habe keine große Angst vor antisemitischen Übergriffen, sagt Karl Sommer, aber viele seiner mehr als 360 Gemeindemitglieder sähen das anders: "Meine Leute haben Angst", sagt er. Massiven Polizeischutz wolle er aber trotzdem nicht: "Da werden ja die Attentäter angelockt." Die Offenheit seiner Gemeinde, die sich als liberal verstehe, sei ihm wichtig: "Jeder ist bei uns willkommen", sagt Sommer, "ob Jude oder nicht Jude."

Die Polizei geht trotzdem lieber auf Nummer sicher: Sie hat die Schutzmaßnahmen für die Synagogengemeinde erweitert und den Staatsschutz eingeschaltet.