News-Briefing Das ist über den Angriff in Halle bekannt

Zwei Menschen sind tot, mindestens zwei verletzt, der Täter wollte in die Synagoge eindringen: Nach einem Angriff in Halle ermittelt der Generalbundesanwalt. Der Überblick.

Einsatzkräfte eines SEK in Halle: Mehrere Täter, mehrere Opfer
Swen Pförtner/DPA

Einsatzkräfte eines SEK in Halle: Mehrere Täter, mehrere Opfer


News-Briefing

Was ist passiert?

In Halle an der Saale sind am Mittag zwei Menschen getötet und mindestens zwei verletzt worden. Laut Polizei wurde ein Mann in einem Imbiss erschossen, eine Frau erlag in der Nähe eines Friedhofs ihren Verletzungen. Zudem wurden ein Mann und eine Frau mit Schussverletzungen ins Universitätsklinikum eingeliefert und operiert.

Die Tat ereignete sich im Paulusviertel nördlich der Altstadt. Der Täter versuchte auch, in die dortige Synagoge einzudringen - scheiterte jedoch bei dem Versuch. In der Synagoge hatten sich nach Angaben der jüdischen Gemeinde anlässlich des Feiertags Jom Kippur mehr als 70 Menschen versammelt.

Bei einem Schusswechsel mit der Polizei wurde der Täter verletzt, er flüchtete daraufhin in einem Auto. Einige Zeit später wurde er an der B91 festgenommen.

Nach SPIEGEL-Informationen handelt es sich bei dem Festgenommenen um den 27-jährigen Stephan B. aus Sachsen-Anhalt, der die Tat mit einer Helmkamera filmte. Aus dem Video ergeben sich klare Hinweise auf ein antisemitisches und rechtsextremes Motiv.

Die Polizei hatte anfangs vor mehreren möglichen Täter gewarnt, inzwischen gehen die Behörden davon aus, dass der Täter in Halle alleine handelte.

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Was bedeutet das?

Die Bundesanwaltschaft hat die Ermittlungen übernommen. "Wir gehen von einer rechtsextremistischen und antisemitischen Motivation der Tat aus", sagte ein Sprecher der Behörde dem SPIEGEL.

Der Zentralrat der Juden übte scharfe Kritik an den Sicherheitsbehörden. Dass die Synagoge "an einem Feiertag wie Jom Kippur nicht durch die Polizei geschützt war, ist skandalös", sagte Zentralratspräsident Josef Schuster. "Diese Fahrlässigkeit hat sich jetzt bitter gerächt." Die Tat an Jom Kippur habe die jüdische Gemeinschaft aufs Tiefste in Sorge versetzt und verängstigt.

Die Grünen im Bundestag beantragten eine schnellstmögliche Sondersitzung des Parlamentarischen Kontrollgremiums, wie Fraktionsvize Konstantin von Notz der "Welt" sagte. Das Gremium kontrolliert die Arbeit des Bundes im Bereich der Nachrichtendienste, also des Militärischen Abschirmdiensts, des Bundesnachrichtendiensts und des Bundesamts für Verfassungsschutz.

Das Wichtigste im Überblick:

  • Den Ermittlern liegt das Video vor, das der Attentäter offenbar mithilfe einer Helmkamera aufnahm. Der Film zeigt, wie er eine Passantin in der Nähe des jüdischen Friedhofs sowie einen Gast in einem Döner-Bistro in der Nähe der Synagoge erschießt.
  • Aus dem Video ergeben sich klare Hinweise auf ein antisemitisches und rechtsextremes Motiv. So schimpft der Täter mehrfach über "Juden" und spricht auch von "Kanaken".
  • Der Täter trug einen Helm sowie Kleidung, die einer Kampfmontur ähnelten, wie in Aufnahmen von Augenzeugen zu sehen ist.
  • Die Behörden riefen die Bevölkerung dazu auf, Gebäude in Halle bis auf Weiteres nicht zu verlassen - diese Warnung wurde am frühen Abend aufgehoben.
  • Max Privorozki, der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde in Halle, schilderte dem SPIEGEL, wie er den Angriff in der Synagoge erlebte. "Der Täter schoss mehrfach auf die Tür und warf auch mehrere Molotowcocktails, Böller oder Granaten, um einzudringen. Aber die Tür blieb zu, Gott hat uns geschützt. Das Ganze dauerte vielleicht fünf bis zehn Minuten", sagt der Gemeindevorsitzende.
Andreas Splett/ AFP

Welche Reaktionen gibt es?

  • Die Bundesregierung zeigte sich bestürzt. Regierungssprecher Steffen Seibert sprach von "schrecklichen Nachrichten". Unmittelbar nach der Tat sagte Seibert, er hoffe sehr, "dass die Polizei den Täter oder die Täter möglichst schnell fassen kann und kein weiterer Mensch in Gefahr kommt".
  • Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) sagte über die Attacke: "Es wurden durch sie nicht nur Menschen aus unserer Mitte gerissen, sie ist auch ein feiger Anschlag auf das friedliche Zusammenleben in unserem Land." Der CDU-Politiker kündigte an, von einer Konferenz in Brüssel vorzeitig nach Sachsen-Anhalt zurückzukehren.
  • Das Europaparlament gedachte der Opfer mit einer Schweigeminute. In Gedanken sei man bei Deutschland, der deutschen Polizei und bei der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland, sagte Parlamentspräsident David Sassoli.
  • Die Vereinten Nationen verurteilten den Angriff scharf. Generalsekretär António Guterres bewerte den Vorfall als "eine weitere tragische Demonstration von Antisemitismus", sagte ein Uno-Sprecher in New York. Den Familien der Opfer, der Bundesregierung und den Menschen in Deutschland sprach Guterres sein Beileid aus, den Verletzten wünschte er eine rasche Genesung.
  • Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu bezeichnete den Angriff als einen "weiteren Ausdruck für Antisemitismus in Europa". Die Attacke habe am jüdischen Nationalfeiertag Jom Kippur stattgefunden und damit am "heiligsten Tag für unser Volk". Netanjahu forderte die Behörden in Deutschland auf, "weiterhin entschlossen gegen das Phänomen des Antisemitismus vorzugehen".

mxw/dpa/AFP

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