Gewaltvorwürfe gegen Polizei, Reaktionen, Ermittlungen Das ist der Stand nach dem umstrittenen Einsatz beim Hamburger Derby

Ein Beamter malträtiert beim Hamburger Fußballderby einen mutmaßlichen Hooligan. Die Polizeiführung äußert Zweifel am Vorgehen, hält den Gesamteinsatz aber für gelungen. Dennoch gibt es Druck auf Innensenator Grote.
Polizeieinsatz beim Derby am Millerntor-Stadion des FC St. Pauli

Polizeieinsatz beim Derby am Millerntor-Stadion des FC St. Pauli

Foto: Daniel Bockwoldt / dpa

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Die Szene dauert kaum länger als eine Minute. Zu sehen ist sie auf einem privaten Twitter-Video, das am vorigen Freitag entstand. Der Clip zeigt den Polizeieinsatz vor dem Fußballderby des Hamburger SV gegen den FC St. Pauli. Mehrere Polizisten in Schutzmontur halten eine Reihe St.-Pauli-Anhänger am Boden. Da kniet sich ein Beamter hin und schlägt einem Mann dreimal mit der Faust in die Nierengegend. Kurz darauf nimmt der Polizist den Ellenbogen und trifft mit zwei Hieben den Nacken des Mannes.

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Der Fall regt die Stadt auf. Das »Hamburger Abendblatt« nannte das Verhalten des Polizisten »eine Schande« . Ein Beamter schlage auf einen Wehrlosen ein. Die Bilder seien »erschütternd, verstörend und skandalös«. Die Linke forderte, der Polizeieinsatz müsse »politisch aufgearbeitet« werden. Von einer »Grenzüberschreitung« des Polizisten sprach der Kriminologe Thomas Feltes, der Eingriff sei offensichtlich nicht verhältnismäßig: »Nichts entschuldigt diese Gewalt.«

Die Szene aus dem Twitter-Video ereignete sich vor dem Spiel am St.-Pauli-Stadion unweit der Reeperbahn. Eine Gruppe von etwa 250 Hooligans des FC St. Pauli sei auf einen Zug von HSV-Anhängern zugelaufen, der von Polizisten eskortiert worden sei. So schildert es Mirko Streiber, der Vizepräsident der Hamburger Polizei, dem SPIEGEL. »Die Hooligans haben gezielt die Auseinandersetzung mit den HSV-Fans und der Polizei gesucht.«

Die Kollegen hätten mehr als 30 Teilnehmer der Gruppe in Gewahrsam genommen. »Das war richtig und wichtig, um eine Eskalation auch im weiteren Einsatzverlauf zu verhindern«. Zu der »Hooligan-Gruppe« zählte demnach der Mann auf dem Twitter-Video. Bei dem Polizisten, der ihm die Schläge verpasst habe, handele es sich um einen Bundespolizisten. Insgesamt war die Polizei mit mehr als 1400 Beamten im Einsatz, etwa 400 kamen von auswärts.

Es gebe Zweifel daran, dass der Bundespolizist verhältnismäßig gehandelt habe, räumt auch Streiber ein. Daher habe die Hamburger Polizei noch am Wochenende Strafanzeige gegen den Kollegen erstattet, wegen des Verdachts auf Körperverletzung im Amt. Nun müssten die Staatsanwaltschaft und das Dezernat Interne Ermittlungen der Innenbehörde entscheiden, ob eine Straftat vorliege.

Polizeivize warnt vor eiligen Schlüssen

»Ich werbe dafür, das Ergebnis dieser Prüfung abzuwarten und keine vorschnellen Schlüsse zu ziehen«, sagte Streiber. Der Bundespolizist wende »die Zwangsmaßnahmen offensichtlich an, um die Arme des Mannes auf dem Rücken fixieren zu können«. Dadurch solle ein »sicherer Transport« des Mannes erreicht werden. Außerdem sei so auszuschließen, »dass es zur weiteren Gegenwehr kommt«.

Bei dem Betroffenen, der selbst bislang offenbar keine Anzeige erstattete, handelt es sich nach Angaben aus Polizeikreisen um einen 37-jährigen Italiener. Er war offenbar für das Spiel eingeflogen, wohl um sich an Krawallen zu beteiligen. Nach dem Spiel wurde er aus dem Gewahrsam entlassen.

Wie »Bild« und »Abendblatt« berichten, fand die Polizei bei ihm Kokain und Ecstasy. Die Polizei kennt ihn schon länger als Gewalttäter. So soll er 2015 in Frankfurt am Main an Ausschreitungen beteiligt gewesen sein. Für sein Verhalten vor dem Derby zeigte ihn die Polizei an wegen Verdachts auf Landfriedensbruch und Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte.

Druck auf den Innensenator

Innensenator Andy Grote (SPD), der oberste Chef der Polizei, äußerte sich erstmals am Montag zu dem Vorfall. Er könne »gut verstehen, dass viele von den Bildern in dieser Videosequenz schockiert sind«. Polizeiliche Gewaltanwendung müsse im Einzelfall »immer erforderlich und verhältnismäßig« sein. »Das erscheint in diesem Fall zumindest zweifelhaft.«

Gut möglich, dass die Sache dem Senator politisch noch gefährlich wird. Er steht wegen mehrerer Affären unter Druck. Der Linkenpolitiker Deniz Celik, Vize des Landesparlaments, forderte Grotes Rücktritt. Nach der jüngsten »Polizeigewalt« zeige sich erneut, dass der SPD-Mann »eine Fehlbesetzung« sei.

Der FC St. Pauli teilte am Montagabend mit , es seien »mehrere Personen durch den Einsatz verletzt« worden. Die Polizei sei »laut zahlreichen Augenzeugenberichten und Videos rücksichtslos« vorgegangen. Man verlange »Aufklärung über das offenkundig unverhältnismäßige Vorgehen«. Eine Fanvereinigung sammle derzeit Gedächtnisprotokolle von Betroffenen. Das klang so, als sei nicht nur die Szene auf dem Twitter-Video aus Sicht des Klubs ein Problem.

Polizeivize Mirko Streiber versprach, man gehe »allen Vorwürfen nach«. Unterm Strich aber sei der Polizeieinsatz beim Derby »ein Erfolg« gewesen. »Es ist der Polizei zu jedem Zeitpunkt gelungen, die beiden äußerst verfeindeten Fanlager auseinanderzuhalten.«

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.