Doppelmord am Jungfernstieg Der tödliche Machtanspruch des Mourtala M.

"Sie ist mein Blut", sagte Mourtala M. über seine kleine Tochter Mariam. Als der Verlust des Sorgerechts absehbar war, wollte er sich an der Mutter rächen - und ermordete sie und das Mädchen. Nun wurde er verurteilt.

Mourtala M. (gepixelt) mit Dolmetscher am Landgericht Hamburg
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Mourtala M. (gepixelt) mit Dolmetscher am Landgericht Hamburg

Von Wiebke Ramm


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Ganz am Ende richtet Richter Joachim Bülter das Wort noch einmal direkt an den Angeklagten: "Ich wünsche Ihnen, Herr M., dass Sie in der nächsten Zeit zu etwas mehr Einsicht gelangen können, was Sie angerichtet haben." Er wünsche ihm auch, dass er sich in der Haft psychiatrisch behandeln lasse. Ein Dolmetscher übersetzt die Worte. Richter Bülter schaut zur Anklagebank. Mourtala M. hält den Kopf gesenkt. Hin und wieder blickt er zur Uhr, während das Gericht das Urteil verkündet.

Die erste Große Strafkammer des Landgerichts Hamburg hat Mourtala M. wegen Mordes an seiner 21 Monate alten Tochter Mariam und wegen Mordes an ihrer Mutter Sandra P. zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt. Die Kammer stellte außerdem die besondere Schwere der Schuld fest und folgte damit dem Antrag der Staatsanwaltschaft. Der Angeklagte habe getötet, um seine Macht- und Besitzansprüche an dem Kind durchzusetzen.

Dass er das kleine Mädchen grausam ermordet und zum Objekt seiner Rache an seiner ehemaligen Lebensgefährtin gemacht habe, mache die Tat besonders verwerflich, sagt der Richter. Sollte das Urteil rechtskräftig werden, wäre damit nahezu ausgeschlossen, dass der 35-Jährige nach 15 Jahren aus dem Gefängnis kommen kann.

Er maßte sich an, Mutter und Kind für sein eigenes Fehlverhalten zu bestrafen

Die Tat geschah am Vormittag des 12. April 2018 am Hamburger S-Bahnhof Jungfernstieg, vor den Augen zahlreicher Passanten. Mourtala M. wurde zum zweifachen Mörder, weil er es nicht hinnahm, dass er seine Tochter nicht mehr sehen sollte. Statt an sich zu arbeiten und seine Aggressionen in den Griff zu bekommen, um irgendwann vielleicht doch wieder an dem Leben seines Kind teilhaben zu können, maßte er sich an, das Mädchen und die junge Mutter für sein eigenes Fehlverhalten zu bestrafen, sagt der Richter.

Richter Bülter spricht von "bedrückenden und schweren Lebensumständen" des Angeklagten und stellt doch fest, dass diese "das hohe Maß an Schuld" nicht linderten, das Mourtala M. ganz allein auf sich geladen habe. Der Angeklagte stammt aus einem Dorf im Niger. Als der Vater starb, habe er versucht, seine Mutter und seine Geschwister zu ernähren. Er habe Arbeit in Libyen gesucht und sei nach Ausbruch des Bürgerkriegs 2011 mit einem Schiff in Richtung Italien geflohen. Sechs Flüchtlinge starben, als das Schiff vor Lampedusa einen Felsen rammte.

Spätestens im April 2013 sei Mourtala M. nach Hamburg gekommen. In Deutschland sei er geduldet gewesen, bis er Anfang 2018 eine befristete Aufenthaltserlaubnis erhielt. Ein wesentlicher Grund dafür war, dass inzwischen auch behördlich feststand, dass er der Vater von Mariam war.

2013 hatten sich Sandra P. und Mourtala M. kennengelernt. Im Juli 2016 kam Mariam zur Welt. Ein knappes Jahr später trennte sich Sandra P. von ihm. Seine Tochter wollte er trotzdem sehen, wann immer ihm danach war. Sandra P. bemühte sich, sagt der Richter. Sie gab Mourtala M. eine Chance nach der anderen. Auch als sie sich in einen anderen Mann verliebt hatte, wollte sie ihrem Ex-Partner den Umgang mit seiner Tochter weiter ermöglichen. Doch Mourtala M. sei immer wieder aggressiv geworden, habe auch mehrfach Todesdrohungen ausgesprochen. Sandra P. nahm sie nach Überzeugung des Gerichts nicht ernst.

Ein Familiengericht hatte Mourtala M. zeitweise untersagt, sich Mariam und Sandra P. zu nähern. Später durfte er seine Tochter unter Aufsicht regelmäßig sehen. Mourtala M. reichte das nicht. Er wollte das gemeinsame Sorgerecht. "She is my blood", Mariam sei sein Blut, sagte er laut der Familienrichterin, die im Mordprozess als Zeugin aussagte.

In seinen Augen bedeutete dies: Niemand habe ihm zu sagen, ob und wann er sein Kind sehen könne. Am 11. April 2018 signalisierte ihm das Familiengericht, dass sein Antrag auf gemeinsames Sorgerecht keinen Erfolg haben wird. Am Tag darauf stieß er mit dem Messer zu, heimtückisch und aus niedrigen Beweggründen, wie das Gericht feststellte.

Mourtala M. wählte selbst den Notruf

Noch am Morgen des 12. April 2018 hatte er seine Tochter gesehen, unter Aufsicht eines Familienhelfers. Mariam habe sich ängstlich und scheu gegenüber dem Angeklagten verhalten, hatte dieser in der Hauptverhandlung gesagt. Mourtala M. sei gekränkt gewesen. In einer Einlassung hatte er gesagt, dass er glaubte, der neue Freund von Sandra P. habe durch einen Voodoo-Zauber auf das Kind eingewirkt.

Nach Überzeugung des Gerichts dachte Mourtala M. ursprünglich darüber nach, den neuen Freund von Sandra P. zu töten. Ohne konkreten Tatplan habe er am Morgen des 12. April ein Küchenmesser in seinen Rucksack gesteckt. Dass er Sandra P., deren neuen Freund und Mariam gegen 10.45 Uhr an einem S-Bahnhof wiedersah, sei Zufall gewesen. In der S-Bahn kam es zum Streit. Sandra P. habe Mourtala M. gesagt, wenn er sich weiter so aggressiv verhalte, könne er Mariam nicht mehr sehen. An der Haltestelle Jungfernstieg stiegen sie aus. Nach Überzeugung des Gericht entschloss sich M. zu diesem Zeitpunkt zu töten.

Sandra P. sah die Gefahr nicht. Für einen Moment ließ sie Mariam im Buggy bei Mourtala M. und drehte den beiden den Rücken zu. Er nahm das Messer und stach es seiner Tochter erst in den Bauch und durchschnitt dann den Hals des Kindes. Als Sandra P. nach Mariam sehen wollte, rammte er seiner Ex-Partnerin das Messer in den Rücken. Den Freund ließ er am Leben, drohte ihm und rannte dann weg. Wenig später wählte Mourtala M. selbst den Notruf, gestand die Tat und ließ sich festnehmen.

"Alle Zeugen sind bis heute psychisch belastet"

Der Angeklagte sei zur Tatzeit voll schuldfähig gewesen, sagt der Richter. Das Gericht folgt damit der Einschätzung des psychiatrischen Gutachters. Der Angeklagte habe eine impulsiv-narzisstische Persönlichkeitsakzentuierung, eine Persönlichkeitsstörung sei das nicht. Das er an Voodoo-Zauber glaube, entspreche seiner kulturellen Herkunft. Erst in der Untersuchungshaft habe er eine Psychose entwickelt. Mourtala M. fühlt sich durch Mitgefangene und Bedienstete verfolgt und über den Fernseher und das Radio abgehört. Eine Behandlung verweigert er.

Die furchtbare Tat ereignete sich vor den Augen zahlreicher Menschen. Der Richter sagt: "Alle Zeugen sind bis heute psychisch belastet." Den Angehörigen wünscht er, dass sie "irgendwann zur Ruhe kommen mögen" und eines Tages ihren schweren Verlust überwinden könnten. Die vier Söhne von Sandra P., die zu Halbwaisen geworden sind, sind in psychiatrischer Behandlung. "Auch sie haben ein Lebenslang", sagt Opferanwältin Claudia Krüger nach dem Urteil, "wie der Angeklagte."

Mourtala M.s Verteidiger Tim Burkert, hatte die Tötungen als Affekttat dargestellt und auf Totschlag plädiert. Sein Mandant leide an einer wahnhaften Störung und sei nur eingeschränkt schuldfähig. Ob er das Urteil anfechten wird, wollte er auf Nachfrage nicht sagen.


Zusammengefasst: Am 12. April 2018 erstach Mourtala M. seine Ex-Partnerin und die gemeinsame Tochter an der S-Bahnstation Jungfernstieg in Hamburg. Dafür hat ihn nun das Landgericht Hamburg zu lebenslanger Haft verurteilt und zugleich die besondere Schwere der Schuld festgestellt. Nach Überzeugung des Gerichts handelte M. heimtückisch und aus niederen Beweggründen. Er habe seine Besitz- und Machtansprüche an der Tochter durchsetzen wollen.

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