Prozess gegen SS-Wachmann Das letzte Wort

Bruno D. ist angeklagt wegen Beihilfe zum Mord in 5230 Fällen. Sein Verteidiger plädiert auf Freispruch für den ehemaligen SS-Wachmann im Konzentrationslager Stutthof. Der 93-Jährige müsste vor Gericht nichts sagen - aber tut es doch.
Von Julia Jüttner, Hamburg
Angeklagter Bruno D. im Landgericht Hamburg: Beim Prozess muss er den Überlebenden aus dem KZ Stutthof ins Gesicht sehen

Angeklagter Bruno D. im Landgericht Hamburg: Beim Prozess muss er den Überlebenden aus dem KZ Stutthof ins Gesicht sehen

Foto: DANIEL BOCKWOLDT/ AFP

Bruno D. muss in familiärer Hinsicht ein erfülltes Leben gehabt haben. Es ist ein Eindruck, den man im Prozess gegen ihn gewinnt. Zu fast allen 44 Verhandlungsterminen im Landgericht Hamburg begleiteten ihn seine Ehefrau, seine Töchter, seine Enkelkinder. Für sie waren in diesem nur bedingt öffentlichen Verfahren Plätze reserviert.

Bruno D. ist 93 Jahre alt. Das Verbrechen, das ihm vorgeworfen wird, liegt mehr als 75 Jahre zurück: Von August 1944 bis April 1945 war er Wachmann im Konzentrationslager Stutthof bei Danzig. Zu Beginn des Prozesses sagte Bruno D., er verstehe nicht, warum man ihn wegen Beihilfe zum Mord in 5230 Fällen anklage und damit seinen Lebensabend zerstöre. Teilte seine Familie diese Meinung?

Auch seine Ehefrau, seine Töchter, seine Enkelkinder hörten die Ausführungen der Sachverständigen über den systematischen Massenmord der Nationalsozialisten in Stutthof an Juden und politischen Gegnern. 65.000 von ihnen wurden grausam getötet. Bruno D.s Familie hörte auch die erschütternden Schilderungen von KZ-Überlebenden und deren Angehörigen über Folter, Willkür und Sadismus im Lager

Bruno D. sei "schwer erschüttert"

Es machte den Anschein, dass sie dies nicht unberührt ließ. Haben sie mit ihrem Ehemann, Vater, Großvater zu Hause noch einmal über seine Arbeit in der 1. Kompanie des SS-Totenkopfsturmbanns auf einem der 25 Türme in Stutthof gesprochen?

Es klingt so, als Bruno D.s Verteidiger Stefan Waterkamp an diesem vorletzten Verhandlungstag sein Plädoyer hält. Die Familie sei Bruno D.s Anker, sie habe ihm geholfen, diesen Prozess durchzustehen. Die Gräueltaten der Nazis, die vor Gericht noch einmal eindringlich ans Tageslicht kamen, seien "nicht spurlos" an seinem Mandanten vorübergegangen. Im Gegenteil: Es habe Bruno D. "schwer erschüttert".

Das sagt dieser dann auch selbst, im sogenannten letzten Wort, das im deutschen Strafprozess einem Angeklagten nach den Plädoyers und vor dem Urteil zusteht. Bruno D. muss nichts sagen, aber er tut es.

"So etwas darf niemals wiederholt werden"

"Es sind nur ein paar Worte", beginnt Bruno D. seine kurze Rede. Er atmet schwer. Ihm sei es ein Bedürfnis, seine "Gedanken und Gefühle" auszudrücken. Es habe ihn viel Kraft gekostet, sich 75 Jahre nach seiner Amtszeit als Wachmann vor Gericht verantworten zu müssen. Es habe ihm aber auch die Möglichkeit gegeben, sich mit dieser Zeit auseinanderzusetzen.

"Durch die Berichte der Zeugen und die Gutachten ist mir erst das ganze Ausmaß der Grausamkeiten und die Leiden bewusst geworden. Heute möchte ich mich bei denen, die durch die Hölle des Wahnsinns gegangen sind und bei deren Angehörigen entschuldigen. So etwas darf niemals wiederholt werden."

Ein letztes Mal betont Bruno D., was er während des Prozesses mehrfach sagte : Er habe auf einem der Türme Wache stehen "müssen". Niemals hätte er sich freiwillig bei der SS oder einer anderen Einheit gemeldet - "erst recht nicht in einem KZ". "Dass ich als Wachmann auf einem der Posten stehen musste, belastet mich heute noch sehr", sagt der 93-Jährige. Hätte er eine Möglichkeit gesehen, sich dieser Aufgabe zu entziehen, "hätte ich sie mit Sicherheit genutzt".

Wusste Bruno D., dass er Unrecht tat?

Oberstaatsanwalt Lars Mahnke hatte Bruno D. immer wieder vorgehalten, dieser hätte sich versetzen lassen können. Das verneint Verteidiger Waterkamp in seinem Schlussvortrag. Vielmehr habe das jugendpsychiatrische Gutachten bewiesen, dass Bruno D. als junger Rekrut gewohnt war, zu gehorchen. "Es ging ihm darum, seinen Dienst zu erledigen." So sei Bruno D. erzogen worden: raushalten, Konflikte vermeiden.

Zudem sei fraglich, ob Bruno D. - der nie rechtsstaatliche Verhältnisse erlebt habe und in der Nazizeit aufgewachsen sei - überhaupt bewusst gewesen sei, dass er etwas Verbotenes tat, als er nach Stutthof kam. Aus damaliger Sicht habe der Dienst als KZ-Wachmann der "irrsinnigen, mörderischen Ideologie der Nationalsozialisten" unterlegen.

Verteidiger Waterkamp fordert einen Freispruch für Bruno D. und für den Fall einer Verurteilung plädiert er auf eine Bewährungsstrafe. "Einen Strafvollzug würde er nicht überleben." Auch sollten Bruno D. nicht die Kosten des Verfahrens auferlegt werden. "Es würde ihm seine wirtschaftliche Existenz nehmen."

Nebenklagevertreter fordern keine Haftstrafe für Bruno D.

Nach der Verhandlung, auf dem Flur, fragt Verteidiger Waterkamp noch einmal: "Was kann man ihm konkret vorwerfen?" Generell werde Bruno D. zu Last gelegt, mit seinem Dienst als Wachmann das Unrecht im Lager gefördert zu haben. "Aber 70 Jahre lang war das nicht klar", sagt Waterkamp. "70 Jahre lang wurde kein einziger Wachmann verfolgt."

Durch eine Änderung in der Rechtsprechung konnte erst 2011 mit John Demjanjuk erstmals ein ehemaliger Wachmann wegen Beihilfe zum Mord in mehr als 28.000 Fällen verurteilt werden. Demjanjuk hatte Dienst im Vernichtungslager Sobibor geleistet. Seither wird gegen Wachleute von Konzentrations- und Vernichtungslagern ermittelt - auch wenn ihnen keine eigenhändigen Mordtaten nachgewiesen werden können.

Oberstaatsanwalt Mahnke hat für Bruno D. eine Jugendstrafe von drei Jahren gefordert. Viele Nebenklagevertreter stellten keinen konkreten Strafantrag, einige wollten im Auftrag ihrer Mandanten ausdrücklich nicht, dass der 93-Jährige in Haft kommt. Bei ihnen bedankte sich Verteidiger Waterkamp für diese Haltung. Sie verdiene "allergrößten Respekt".

Am Donnerstag soll das Urteil verkündet werden.

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