Bankräuber vor Gericht Der letzte Ganove

Der 70-jährige Michael J. steht vor Gericht, weil er in den vergangenen Jahren drei Banken überfallen haben soll. Im Prozess spricht der Rentner lieber über seine goldene Vergangenheit als über seine Taten.

Der Angeklagte Michael J. posiert im Hamburger Landesgericht für die Fotografen
Axel Heimken/ DPA

Der Angeklagte Michael J. posiert im Hamburger Landesgericht für die Fotografen


Michael J. ist ein Mann vieler Worte. Noch bevor er den Mund öffnet, schleudert er den Anwesenden seine erste Meinung entgegen. Er präsentiert einen dicken Aktenordner. "Banker bunkern eine Milliarde Euro für Pensionen" steht darauf geschrieben, Buchstaben ausgeschnitten aus einer Zeitung. Oft verstecken sich Angeklagte hinter ihren Ordnern, Michael J. posiert mit geradem Rücken für die Fotografen. Er lächelt. Die Verhandlung, so scheint es, ist sein großer Auftritt.

Je nachdem, wie das Urteil ausfällt, könnte es sein letzter sein.

Zum Prozessauftakt verteidigt sich Michael J. vor dem Hamburger Landgericht. Anfang Januar 2019 wurde er direkt vor einer Sparkassenfiliale in Hamburg festgenommen, die er zuvor ausgeraubt haben soll. Auch 2011 und 2017 soll er Banken überfallen haben. Die Staatsanwaltschaft wirft Michael J. räuberische Erpressung in drei Fällen, unerlaubten Waffenbesitz und schwere Körperverletzung vor.

Ein Mafioso aus Oberbayern

Michael J. trägt Jackett und Krawatte, sein gewelltes Haar ist ordentlich nach hinten gekämmt. Am linken Handgelenk prangt eine massive Golduhr. In seinem Auftreten erinnert er an einen italienischen Mafioso in alten Hollywood-Filmen. Doch Michael J. stammt nicht aus Sizilien, sondern aus Benediktbeuren in Oberbayern.

Nicht nur in seinem Aufzug, auch in seiner Straftat wirkt Michael J. wie aus der Zeit gefallen. Banküberfälle werden seit Jahren immer seltener. Zu gering die Beute. Zu hoch das Risiko, erwischt zu werden. Michael J. soll in den drei Überfällen rund 25.000 Euro erbeutet haben.

Elf Verhandlungstage sind angesetzt, um über Michael J.s mutmaßliche Straftaten zu entscheiden. Als Serientäter droht ihm Sicherungsverwahrung, der 70-Jährige würde dann wohl im Gefängnis sterben.

Michael J. gibt alles, damit es dazu nicht kommt. Am ersten Prozesstag sollte nur die Anklage verlesen werden. Eigentlich. Denn der Angeklagte nutzt jede Möglichkeit, um sich selbst wörtlich einzubringen. Immer wieder unterbricht er das Gericht, um aus seiner Vergangenheit zu erzählen: Er zeigt Urlaubsfotos und erzählt von den Sterne-Hotels, in denen er gearbeitet hat. "Absolutes Tophotel" oder "überaus renommierte Gastronomie", sagt er dann.

Michael J. bestreitet die ihm vorgeworfenen Taten nicht. Aber es ist ihm sehr wichtig, dass sie im rechten Licht präsentiert werden. Grund für die Überfälle waren seiner Lesart zufolge eine zu geringe Rente und drohende Steuer- und Versicherungszahlungen.

Es ist nicht der erste Prozess, bei dem der 70-Jährige als Angeklagter vor dem Richter steht. Im Jahr 1972 überfiel Michael J. seine erste Bank. Auf achteinhalb Jahre Gefängnis folgten sieben weitere Raubzüge und dreizehneinhalb weitere Jahre Knast. Damals war Michael J. bekannt als der "Donnerstagsräuber", denn seine Überfälle folgten einer Regelmäßigkeit: Am Donnerstag, wenn die Banken erst um 18 Uhr schlossen, stürmte der Mann Geldinstitute in Hamburg, Hannover und Ulm - und floh auf einem Fahrrad.

"Kassenbox auf, sonst werde ich schießen"

Im Jahr 1990 führte er eine Gefängnis-Revolte in der Hamburger Justizvollzugsanstalt Santa Fu an. Mit dem ehemaligen RAF-Mitglied Peter-Jürgen Boock - die beiden saßen zur Zeit des Aufstands gemeinsam in Santa Fu ein - stritt er sich in der Tageszeitung "taz" über die Selbstmorde in Stammheim.

Im Jahr 2000 wurde er aus dem Gefängnis entlassen und lebte ein - seines Zeichens - bescheidenes Leben mit seiner Mutter. Am 10. Januar 2019 sollte er zu seinem wohl letzten Bankraub losziehen, denn dieser endete mit seiner Festnahme. Michael J. marschierte in eine Filiale der Hamburger Sparkasse. Er zog seine Waffe der Marke Chester und richtete sie auf zwei Bankmitarbeiter. "Kassenbox auf, sonst werde ich schießen", habe er geschrien, und schiebt hinterher: "Eigentlich kann ich gar nicht auf Menschen schießen." Folgt man den Vorwürfen der Anklage, soll er aber genau dies im Jahr 2017 getan haben: Bei einem Überfall auf eine Bank an der Hamburger Holstenstraße soll Michael J. einem unbeteiligten Bankmitarbeiter in den Bauch geschossen haben. Der Mann überlebte schwer verletzt nach einer Notoperation.

Was steckt in der gelben Kiste?

Michael J. wird von den Anwälten Johannes Rauwald und Gerhard Strate verteidigt. Strate gilt in Hamburg als Starverteidiger. Der Angeklagte scheint seinen Rechtsbeistand jedoch mehr als schmückendes Beiwerk denn als seine Verteidigung zu verstehen.

Während seiner Zeit im Gefängnis habe sich Michael J. ein umfangreiches Wissen über das deutsche Recht angeeignet, wie er durch seine Verteidiger verlesen lässt. Deshalb wolle er auch selbst Anträge einreichen.

Michael J.s erster Antrag betrifft eine gelbe Kiste. Sie ist für ihn von großer Bedeutung. Denn in dieser Kiste sammelte der Räuber Dinge, auf die er stolz ist: Zeitungsartikel über seine Führung im Santa Fu-Aufstand, Beglaubigungen über seine Bildung im Rechtswesen, Urteile des Bundesverfassungsgerichts, die er durch Beschwerden und Klagen erreicht hat. Während seines ersten Gefängnisaufenthalts reichte Michael J. 330 Eingaben bei den Hamburger Justizbehörden ein, sie betrafen die Lebensumstände der Insassen. In einigen Fällen habe er durchaus recht bekommen, gibt Verteidiger Strate an. Der Hamburger Anwalt vertrat Michael J. bereits in den Neunzigerjahren: Als die Hamburger Justizbehörde den beschwerdefreudigen Insassen nach Bayern verlegte, klagte der sich mit Strates Hilfe zurück nach Hamburg.

Nach Michael J.s Ansicht befindet sich in dieser Kiste entlastendes Material. Bei einer Hausdurchsuchung wurde sie beschlagnahmt und bislang nicht allen Parteien zugänglich gemacht. Deshalb wirft J. dem Staatsanwalt Lars Mahnke Befangenheit vor. Der Antrag wird aber als unbegründet abgewiesen.

"Er war sehr freundlich"

Wenn Aussagen des Gerichts Michael J. missfallen, dann schürzt er spöttisch die Lippen. In den Pausen tigert er vor dem Publikumsraum auf und ab. Immer wieder fixiert er einzelne Zuschauer mit einem starren Blick.

Drei Zeugen werden am Vormittag gehört, einer davon ist der Polizeibeamte Rohan G.

"Er war sehr freundlich", erinnert sich Rohan G. Immer wieder habe sich der Angeklagte bedankt, dass man bei der Festnahme nicht auf ihn geschossen habe. Michael J. bedankt sich auch vor Gericht noch einmal für den "vorbildlichen Einsatz", gibt aber trotzdem an, dass er blaue Flecken und geschwollene Handgelenke von der Verhaftung davongetragen habe.

Der Polizeibeamte berichtet, ihm sei bei der Fahrt ins Präsidium aufgefallen, wie sehr der Bankräuber gedanklich um sich selbst kreiste, ohne Empathie für die bedrohten Bankangestellten zu zeigen. "Er hatte selbst Angst, erschossen zu werden, aber die Angst der Angestellten vor seiner Waffe, die schien er nicht nachvollziehen zu können." Immer wieder habe Michael J. gesagt: "Aber ich habe ja nichts gemacht."



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