Urteil im Prozess um geschütteltes Baby Dreimal lebenslang

Ein Vater schüttelt seine neugeborene Tochter, sie bleibt schwerbehindert. Das Landgericht Hamburg hat den 41-Jährigen nun zu vier Jahren Gefängnis verurteilt. Die eigentliche Strafe ist viel höher.

Babyhand (Symbolbild)
DPA

Babyhand (Symbolbild)

Von und Elke Spanner


Als Michel F. im vergangenen November aus der Untersuchungshaft freikam, ging er sofort wieder arbeiten. Der stellvertretende Filialleiter hatte seinen Kollegen im Supermarkt gesagt, er bummele Überstunden ab. Er sagte ihnen dann auch nicht, was er an seinen freien Tagen oder nach der Frühschicht machte: Er besuchte im Krankenhaus Nele, seine zweite Tochter, die er im Alter von fünf Wochen so stark geschüttelt hat, dass sie irreversible Hirnschäden erlitt. Sie wird den Rest ihres Lebens geistig behindert bleiben.

Michel F. durfte nur unter Aufsicht zu Nele. Das Mädchen im Arm, setzte er sich auf einen Stuhl im Flur der Klinik, so konnte ihn das Personal besser sehen.

Seit dem Frühjahr ist Nele bei Pflegeeltern untergebracht, Michel F. und seine Frau dürfen sie alle drei Wochen für zwei Stunden sehen. Sie reden jeden Tag von ihr, sie würden gern mehr Zeit mit ihr verbringen. Wann und ob Nele je wieder bei ihrer Familie, in der Nähe ihres Vaters leben darf, wird das Familiengericht entscheiden.

Zuerst entscheidet jedoch die Große Strafkammer 21 des Hamburger Landgerichts, der Vorsitzende Richter Stephan Sommer verkündet am Nachmittag das Urteil: Michel F. soll für vier Jahre ins Gefängnis. Die Kammer spricht ihn wegen versuchten Totschlags, gefährlicher und schwerer Körperverletzung schuldig. "Das ist wirklich kein gewöhnlicher Fall," sagt Sommer.

Die Kammer ist davon überzeugt, dass Michel F. in der Nacht auf den 1. Oktober 2017 seiner fünf Wochen alten Tochter einen Faustschlag gegen den Kopf versetzt und sie eine Woche später, in den frühen Morgenstunden des 8. Oktober 2017, heftig geschüttelt hat.

Nele, sagt der Vorsitzende, wurde bereits in ungünstige Verhältnisse reingeboren. Der Vater war schon vor ihrer Geburt in einer Überforderungssituation. Im Job war er stark belastet, nach Feierabend forderte seine Frau viel von ihm ein. Mit dem zweiten Kind habe er Aufgaben übernommen, von denen er hätte wissen müssen, dass sie für ihn unerfüllbar waren: von 0 bis 5 Uhr kümmerte er sich um das Baby, das Koliken hatte und nachts sehr viel schrie. Dann ging er zu seiner Frühschicht im Job.

Hemmschwelle überschritten

Die erste für Nele bedrohliche Situation sei für sich betrachtet noch ein Augenblicksversagen gewesen, sagt Richter Sommer: Als Nele wieder einmal pausenlos schrie, schlug Michael F. ihr hart mit der Hand gegen den Kopf. Ab dem Moment, sagt der Richter, wurde der liebende Vater zu einer Gefahr für sein eigenes Kind. Ab dem Moment sei eine Hemmschwelle überschritten gewesen, jetzt habe sich etwas verändert.

Spätestens jetzt hätte der Vater sich externe Hilfe holen müssen. Jetzt sei ihm klar gewesen, dass er für das Baby eine Gefahr darstellt. Doch er holte keine Hilfe. Er setzte seine Nachtschichten am Babybettchen fort. Die Katastrophe, so der Richter, nahm ihren Lauf.

Die Kammer hält Michel F. zugute, dass er bei seiner Schüttelattacke nicht die Absicht hatte, das Baby zu töten. Aber ein Tötungsvorsatz könne eben auch anders aussehen. Michel F. habe zumindest davon ausgehen müssen, dass das Schütteln zu tödlichen Verletzungen führen könne. "Wer so eine Gefahr setzt, billigt auch ihre Konsequenzen", sagt Sommer.

Bedenklich sei auch das Verhalten nach der Tat gewesen: Michel F. legte sich ins Bett und schlief. Dass er die schweren Verletzungen des Babys nicht erkannt haben will, glaubt ihm die Kammer nicht.

Michel F. weint. Er hat das Leben seiner Tochter, sein eigenes und das der ganzen Familie zerstört. Er weiß das. Der psychiatrische Gutachter attestierte ihm einen Mangel an Empathie, berichtete aber auch, wie Michel F. von Schuldgefühlen und Scham sprach. Und davon, wie "happy" und "überglücklich" er und seine Frau nach Neles Geburt gewesen seien, so sehr hatten sie sich ein zweites Kind gewünscht. "Es hätte so ein schönes Leben werden können", habe Michel F. bilanzierend zusammengefasst, so der Sachverständige.

Marion F. hält zu ihrem Mann. An diesem letzten Verhandlungstag sitzt sie neben ihrer Mutter im Zuschauerraum, die beiden Frauen halten sich an der Hand. Vor Gericht beschrieb Frau F., wie ihr Mann zu Unrecht mit Gewalttätern, Stief- und Ersatzvätern in eine Schublade gesteckt werde, die im Suff, im Rausch, aus Narzissmus oder purer Aggressivität Kinder verletzten oder töteten. Sie schilderte eindringlich, wie sie als Paar die Warnsignale verharmlosten, wie sie glaubten, sich nur zusammenreißen zu müssen, dann würde schon alles gut werden.

Auch die Frau macht sich schwere Vorwürfe

Nichts wurde gut, aber vieles schlimmer. Sie versanken in einer verhängnisvollen Kombination aus Übermüdung, Verzweiflung und Entkräftung und Michel F. verlor die Beherrschung. Seine Frau macht sich schwere Vorwürfe. Sie glaubt, den Grad seines Erschöpfungszustandes verkannt zu haben.

Vor dem Urteil fragte die Staatsanwältin noch: "Wie soll es denn für Sie weitergehen, Herr F.?" Er weinte, schluckte und antwortete: "Ich möchte nicht ins Gefängnis."

Denn die eigentliche Strafe, das weiß Familie F. längst, lautet: lebenslänglich. Für den Vater. Für Nele. Für die gesamte Familie.



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