Terrorverdacht im 9/11-Umfeld Ermittler in Hamburg verhinderten offenbar Anschlag

Die Hamburger Polizei hat nach eigenen Angaben einen islamistischen Terroranschlag vereitelt. Abdurrahman C. soll Chemikalien für den Bau einer Bombe besessen – und versucht haben, unter anderem eine Handgranate zu kaufen.
Taqwa-Moschee im Hamburger Bezirk Harburg bei einer Razzia 2016: Der Tatverdächtige besuchte sie laut Ermittlern regelmäßig

Taqwa-Moschee im Hamburger Bezirk Harburg bei einer Razzia 2016: Der Tatverdächtige besuchte sie laut Ermittlern regelmäßig

Foto: Christian Charisius / picture alliance / dpa

Sicherheitsbehörden haben in Hamburg offenbar einen geplanten Anschlag eines Islamisten verhindert. Der 20-jährige Deutsch-Marokkaner Abdurrahman C. habe unter anderem versucht, im Darknet eine Waffe und eine Handgranate zu kaufen, teilte die Polizei am Freitag mit.

C. geriet dabei nach SPIEGEL-Informationen an verdeckte Ermittler. Die Beamten gingen zum Schein darauf ein. Ende August wurde der Mann bei der inszenierten Übergabe festgenommen. Bei einer Durchsuchung wurden zudem noch Chemikalien für den Bau einer Bombe gefunden. Er befindet sich unter anderem wegen Verdachts des Verstoßes gegen das Waffen- und das Kriegswaffenkontrollgesetz in Untersuchungshaft.

16 Wohnungen durchsucht

Innensenator Andy Grote sprach auf einer Pressekonferenz von einem »sehr, sehr ernsten Vorgang«, den wir »so noch nicht hatten«. Die potenzielle Sprengkraft der Chemikalien sei geeignet gewesen, jedenfalls im Nahbereich, »erhebliche« Zerstörungen anzurichten, sagte der SPD-Politiker.

Innensenator Grote: »Sehr, sehr ernster Vorgang«

Innensenator Grote: »Sehr, sehr ernster Vorgang«

Foto: Chris Emil Janssen / IMAGO

Die Sicherheitsbehörden gehen jetzt davon aus, dass eine konkrete Anschlagsgefahr nicht mehr bestehe. Der Fall zeige, dass »das Sicherheitsnetzwerk der Landes- und Bundesbehörden sehr gut funktioniert hat«, sagte der Leiter des Landeskriminalamts, Mirko Streiber.

Vater bereits als Islamist aufgefallen

In den vergangenen Tagen wurden laut Ermittlern die Wohnungen von 16 Kontaktpersonen aus dem Umfeld C.s durchsucht, Handys und andere Speichermedien beschlagnahmt. Mehr als 130 Polizisten waren an den Razzien beteiligt.

Dem Verfassungsschutz war C. vor den Ermittlungen als erweiterter Kontakt von Hamburger Islamisten bekannt. Allerdings galt C. nicht als Protagonist der Szene. Sein Vater war nach SPIEGEL-Informationen bekannt mit Islamisten aus dem Umfeld der 9/11-Attentäter. C.s Vater war zudem Mitverantwortlicher der berüchtigten Al-Quds-Moschee am Hamburger Steindamm, sie ist inzwischen von den Sicherheitsbehörden geschlossen.

Propagandavideos konsumiert

Als 15-Jähriger zog C. den Erkenntnissen der Ermittler zufolge mit seiner Familie von Deutschland nach Marokko – er kehrte angeblich zum Studium vor Kurzem nach Hamburg zurück. Ein Studienkolleg in Wismar schloss er laut dem Leiter des Hamburger Staatsschutzes, Claus Cortnumme, jedoch nicht erfolgreich ab, sodass keine Immatrikulation an einer Hochschule unmittelbar bevorstand.

Dozierende des Kollegs in Wismar hätten ihn als introvertierten Einzelgänger beschrieben, so Cortnumme. Er habe nicht mit Frauen gesprochen – und immer wieder die Taqwa-Moschee im Hamburger Bezirk Harburg besucht, die als Treffpunkt radikaler Islamisten gilt.

Auswertungen von C.s Datenträgern hätten »ein vorherrschend durch Gewalt geprägtes Aggressionspotenzial« ergeben, sagte Cortnumme. Der junge Mann habe sich ausgiebig mit Sprengstoffen, Propagandavideos und Giften befasst. Er habe sich zudem vertieft mit dschihadistischem Salafismus und dem Märtyrertod auseinandergesetzt.

Allerdings haben die Behörden nach eigenen Angaben bislang keine Hinweise auf einen konkreten Zeitpunkt oder ein Ziel für den mutmaßlich geplanten Anschlag. Details zum Motiv konnten die Ermittler ebenfalls nicht benennen, C. habe sich in dem Verfahren gegen ihn bislang nicht geäußert.

Laut Staatsschutz hatte C. unter anderem ein Kilogramm Kaliumnitrat und ein Kilogramm Schwefel besessen, woraus sich nach Ansicht der Experten Schwarzpulver für einen Sprengsatz herstellen lässt. Die Chemikalien beschaffte er sich laut Ermittlern unter anderem über den Onlineshop eines Fleischhandels in Österreich, die Verkäufer waren demnach jedoch nicht in mutmaßliche Anschlagspläne eingeweiht.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Textes stand, dass der Vater des Beschuldigten Kontakt zu einem Informanten von Osama bin Laden hatte. Den Ermittlungen zufolge hatte der Vater Kontakt zum Umfeld der 9/11-Attentäter. Wir haben die Stelle korrigiert.

apr/kha/rol