KZ-Überlebender als Zeuge in Prozess gegen SS-Wachmann Das Unerträgliche ertragen

"Leichen im Lager waren Alltag": Marek Dunin-Wasowicz war Häftling im KZ-Stutthof, seine Erlebnisse verarbeitete er ein Leben lang. Vor Gericht ist der 93-Jährige nun dem früheren SS-Wachmann Bruno D. begegnet.
Angeklagter Bruno D. (l.), Zeuge Marek Dunin-Wasowicz (am 28.10.): Blickkontakt vermieden

Angeklagter Bruno D. (l.), Zeuge Marek Dunin-Wasowicz (am 28.10.): Blickkontakt vermieden

Foto: Christian Charisius/AFP

Marek Dunin-Wasowicz betritt den Saal 300 des Landgerichts Hamburg an einem Stock. Er ist 93 Jahre alt und trägt einen dunklen Anzug mit Einstecktuch, ein weißes Hemd und Krawatte. Ruhig blickt er zur Anklagebank. Dort sitzt Bruno D., auch 93 Jahre alt. Er stand von August 1944 bis April 1945 als SS-Wachmann auf einem der Türme des Konzentrationslagers Stutthof nahe Danzig. Die Nationalsozialisten ermordeten dort 65.000 Menschen, mehr als 100.000 Juden und politische Gegner hielten sie dort unter menschenunwürdigen Bedingungen gefangen.

Marek Dunin-Wasowicz war einer der Gefangenen. Er ist nicht nur ein wichtiger Zeitzeuge, sondern auch ein wichtiger Zeuge im Prozess gegen Bruno D., dem Beihilfe zum Mord in 5230 Fällen vorgeworfen wird. Deshalb ist Dunin-Wasowicz aus Warschau nach Hamburg gereist.

Es wirkt so, als meide Bruno D. den Blick zum Zeugenstand. Aber es wirkt nicht so, als höre er weg. Marek Dunin-Wasowicz ist gekommen, um zu beschreiben, wie das unzumutbare Leben als Inhaftierter im KZ Stutthof war; welche Unterschiede gemacht wurden zwischen Juden und politisch Verfolgten wie ihm. Mit seinen Brüdern und seinen Eltern hatte er den Widerstand gegen die Deutschen unterstützt.

Marek Dunin-Wasowicz mit Anwalt Rajmund Niwinski: "Ich war ein Warschauer Schlitzohr"

Marek Dunin-Wasowicz mit Anwalt Rajmund Niwinski: "Ich war ein Warschauer Schlitzohr"

Foto: Jasper BASTIAN / AFP

Für das Verfahren ist vor allem wichtig, zu erfahren, was SS-Wachmänner wie Bruno D. von den Gräueltaten der Nazis im Lager mitbekamen, mitbekommen haben müssen - und inwiefern sie, auch wenn sie wie Bruno D. keinen Gefangenen eigenhändig getötet haben, durch ihre Arbeit Beihilfe zum Massenmord leisteten.

Er beschreibt, wie im Lager Menschen verschwanden

Marek Dunin-Wasowicz beschreibt, wie im Herbst 1944 Tausende Juden ins Lager transportiert wurden, wie sie die letzten eineinhalb, zwei Kilometer von der Bahnstation zum Lager liefen und von SS-Leuten in die Baracken "gejagt" wurden oder im Schlamm vor dem Lager, vor dem Stacheldraht, ausharren mussten. Ganze Familien, Frauen, Männer, Kinder, Junge, Alte. Alle streng bewacht. Sie wurden nicht registriert, bekamen keine Nummer wie andere Inhaftierte, sie blieben anonym, nur gekennzeichnet durch einen Davidstern auf der Brust und am Hosenbein, so erzählt es Marek Dunin-Wasowicz. "Das waren Massentransporte."

Doch was geschah mit ihnen? Im Lager, an den Arbeitsstätten habe man diese Menschen nicht gesehen. "Die waren auf einmal weg - wo sollten sie sein?", fragt der Zeuge aus Polen. "Es musste etwas passiert sein." Er schildert, wie sich die Inhaftierten untereinander austauschten, jeder hatte andere Beobachtungen gemacht, zusammen ergaben sie ein fürchterliches Bild: Das ursprünglich als Lager für Kriegsgefangene deklarierte Gelände musste ein Vernichtungslager sein.

Gaskammer im früheren KZ Stutthof

Gaskammer im früheren KZ Stutthof

Foto: Bruce Adams/ Getty Images

Dazu passte die Beobachtung, die Marek Dunin-Wasowicz selbst machte, als er in Quarantäne kam und durch die kleinen Fenster seines Krankenzimmers die Gaskammer auf dem Gelände sehen konnte und wie Gruppen von etwa 30 Menschen unter SS-Aufsicht dorthin geführt wurden und sich entkleideten. Von der Genickschussanlage habe er erst später erfahren, sagt er. Überhaupt sei der Unterschied zwischen "gehört und gesehen haben" inzwischen verschwommen.

"Sehr große Wagen mit sehr großen Rädern"

"Menschliche Leichen im Lager waren Alltag", sagt Marek Dunin-Wasowicz. Tote hätten auf dem Boden gelegen, verhungert, gestorben vor Erschöpfung. "Täglich gab es spezielle Sonderkommandos von Häftlingen, die sehr große Wagen mit sehr großen Rädern zogen und die Leichen einsammelten und zum Krematorium karrten." Solche "Todeszüge" habe er oft gesehen. "Ich habe auch Skelette gesehen und Menschen, geschwollen von den Beinen bis zum Hals, scheinbar gesund, aber tot gefoltert."

Es sind bedrückende Erinnerungen, die Marek Dunin-Wasowicz an diesem sechsten Prozesstag schildert. Das unzumutbare Leben der Gefangenen in den Barracken, gedrängt in Drei-Etagen-Betten mit drei Personen pro Bett auf einer Matratze aus Stroh, mit einer Scheibe Brot zum Frühstück und einem Schöpflöffel Suppe zum Mittagessen.

"Sie haben immer gehungert, das Essen hat nie ausgereicht", sagt die Vorsitzende Richterin Anne Meier-Göring. Nicht ganz, sagt der Zeuge. "Mein Bruder war klug, später Wissenschaftler, Professor. Ich war das Gegenteil: Ich war ein Warschauer Schlitzohr, das gelernt hatte, zu klauen und zu kochen." Ein fast heiterer Satz, der im Gerichtssaal verhallt und nicht zum Erlebten passen will, der aber erahnen lässt, wie einer wie Marek Dunin-Wasowicz das Unerträgliche ertragen konnte.

Todesmarsch durch kniehohen Schnee

Wie er das ausgehalten habe, will auch die Richterin wissen. "Ich bin total gleichgültig geworden", sagt Marek Dunin-Wasowicz. "Das ist eine fürchterliche Krankheit. Ich war lange in Behandlung, bis ich sie loswurde."

Überlebt hat Marek Dunin-Wasowicz, obwohl ihn die Gestapo am 25. Januar 1945 zu einem Todesmarsch zwang: durch kniehohen Schnee, bei starkem Frost; wer flüchten wollte, sei erschossen worden, und wer in den Schnee fiel auch. "Es waren viele Leichen. Sehr viele", sagt Marek Dunin-Wasowicz. Er hielt sich bis zum 8. Februar 1945 auf den Beinen, bis er in einem Lager der Hitlerjugend landete, von wo aus ihm die Flucht gelang.

Wie es sich anfühle, nach Deutschland zu kommen, in einem deutschen Gerichtssaal zu sitzen, über diese Erinnerungen berichten zu müssen und einen Angeklagten zu sehen, der damals im selben Alter war und in dem KZ als Wachmann arbeitete, fragt Richterin Anne Meier-Göring.

Allen Mitinhaftierten eine Ehre erweisen

Er sei nach Hamburg gekommen, in eine deutsche Stadt, in ein Land, das heute mit Polen befreundet sei, antwortet Marek Dunin-Wasowicz. Und zwar in dem Bewusstsein, gemeinsam Mitglied der europäischen Union zu sein. "Ich bin angenehm überrascht, dass mich niemand nach meinem Pass gefragt hat. Alle haben mich begrüßt, als sei ich ein alter Bekannter. Dafür bedanke ich mich bei allen Bewohnern."

Hier im Saal zu sein, sei nicht angenehm, aber es sei seine Pflicht. Er sei mit dem Gefühl hier, all denen, die mit ihm inhaftiert waren und die in Stutthof ums Leben kamen, eine Ehre zu erweisen. Aber er sei auch gekommen, um laut zu sagen, dass er bis zu seinem Lebensende alles gemacht habe und machen werde, dass sich das, was er erlebt habe, nicht mehr wiederhole.

"Ich habe Angst", sagt Marek Dunin-Wasowicz, "wenn ich verfolge, was so in Deutschland, in Polen, in Frankreich und in vielen anderen Ländern passiert, wenn Nationalismus und Rassismus wieder aktiv werden - und in aller Konsequenz auch Faschismus. Deswegen komme ich. Ich will keine Rache."

"Gibt es etwas, was Sie vom Angeklagten wissen wollen?", fragt Richterin Meier-Göring ganz am Ende dieses Verhandlungstages. Marek Dunin-Wasowicz zögert keine Sekunde. "Ich bin nicht neugierig."

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