KZ-Überlebender gegen SS-Wachmann "Ich komme nicht aus Rache. Allerdings: Ich beschuldige, ich verzeihe nicht"

Wie beteiligten sich Wachmänner an den Taten im KZ Stutthof? Vor Gericht hat der Überlebende Abraham Koryski sadistische Gräuel geschildert: "Ich will, dass die Welt erfährt, was passiert ist."
Abraham Koryski: Der 92-Jährige ist aus Israel angereist, um als Zeuge auszusagen

Abraham Koryski: Der 92-Jährige ist aus Israel angereist, um als Zeuge auszusagen

Foto: Christian Charisius/ AFP

Als Abraham Koryski im August 1944 ins Konzentrationslager Stutthof nahe Danzig kam, war es Nacht. Es roch nach Leichen. Acht Tage lang war er mit etwa 800 Juden aus Estland unterwegs gewesen, ohne Essen, ohne Trinken, so erinnert er sich. Er wurde mit anderen in eine Baracke getrieben, es war so eng, dass er im Stehen schlafen musste. Am nächsten Morgen wurden ihm die Haare abrasiert. Abraham Koryski war nun ein KZ-Gefangener, er war damals 16 Jahre alt.

Am vergangenen Wochenende wurde Abraham Koryski 92 Jahre alt, er ist aus Israel angereist und sitzt nun in Saal 300 des Landgerichts Hamburg und erzählt von seinen ersten Stunden im KZ Stutthof. Ein kleiner Mann mit einem freundlichen Gesicht, geboren in Litauen, er trägt ein Hörgerät und eine Brille. Neben ihm sitzt seine Tochter, ein paar Reihen dahinter sitzen zwei weitere Angehörige.

Links von ihm sitzt Bruno D., 93 Jahre alt. Er stand von August 1944 bis April 1945 als SS-Wachmann auf einem der Türme des KZ Stutthof. Die Nationalsozialisten hielten dort mehr als 100.000 Juden und politische Gegner gefangen, 65.000 von ihnen ermordeten sie. Bruno D. ist angeklagt wegen Beihilfe zum Mord in 5230 Fällen. Die Staatsanwaltschaft ist davon überzeugt, dass er, auch wenn er keinen Gefangenen eigenhändig getötet hat, durch seine Arbeit als Wachmann Beihilfe zum Massenmord geleistet hat.

Sadistische SS-Offiziere

Abraham Koryski ist gekommen, um zu erzählen, was er erlebt hat. Er spricht mit lauter Stimme, ein Dolmetscher übersetzt aus dem Hebräischen. Das Gericht braucht ihn nicht nach der Rolle der Wachleute im KZ zu fragen: Abraham Koryski weiß, worum es in diesem Verfahren geht, er redet nicht lange herum.

Koryski schildert das Unaussprechliche in vielen Details: wie SS-Offiziere und Wachmänner Gefangene zu "bizarren, sadistischen Shows" zusammenriefen. Bei einer habe ein SS-Offizier - offensichtlich unter Einfluss von Alkohol - einen Stuhl zerbrochen und einen Vater samt Sohn aufgefordert, sich zu entscheiden: Entweder der Offizier erschieße einen von beiden oder einer prügele den anderen mit dem Stuhlbein zu Tode. Der Vater habe daraufhin entschieden, der Sohn möge den Vater erschlagen. "Er tat es", sagt Abraham Koryski. "Danach wurde der Sohn erschossen."

Abraham Koryski durchbricht die Stille in Saal 300: "Ich frage euch alle hier: Kann man glauben, dass Menschen so etwas tun?"

Die Wachmannschaft habe man an ihren Uniformen und der Kopfbedeckung von den SS-Offizieren unterscheiden können, sagt Abraham Koryski. Er beschreibt, wie er im Krematorium die nicht verbrannten Knochen einsammeln und auf einen Waggon laden musste; wie er nach dem Aufstehen die Menschen auflesen musste, die in der Nacht gestorben waren; wie sie nachts aus den Baracken getrieben wurden, nackt, bei Minustemperaturen, sie mussten sich duschen und nackt zurücklaufen. "Viele Menschen starben nach solchen Aktionen."

Und er beschreibt, wie die Gefangenen Stunde um Stunde beim "Lager-Appell" auf einem Acker ausharren mussten: Mütze auf, Mütze runter, Mütze auf, Mütze runter. "Das war reiner Sadismus", sagt Abraham Koryski. Beim Appell habe es keine Wachtürme gegeben. Aber für viele andere Gräueltaten gilt seinen Angaben nach: "Die Wachmannschaften waren überall, sie waren dabei." Sie seien eben nicht nur auf den Türmen gestanden. "Man hat nie Gesichter gesehen, man wollte keine Gesichter sehen. Wir hatten Angst."

"Wir aßen Schnee"

Vor seiner Deportation nach Stutthof hatte Abraham Koryski Jahre im Getto in der Altstadt von Vilnius, der Hauptstadt Litauens, verbringen müssen. Von dort hatten die Nationalsozialisten Tausende Juden zur Massenvernichtung nach Ponar gebracht. Über mehrere Lager war der Junge schließlich in Stutthof gelandet, wo er kurz vor Ende des Kriegs zum sogenannten Todesmarsch gezwungen wurde: kilometerlange Menschenschlangen, ohne Essen, ohne Trinken, ohne wärmende Kleidung, ohne Schuhe. Wer starb, wurde auf die Seite geschoben, die anderen mussten weiterlaufen. "Wir aßen Schnee", sagt Abraham Koryski. Mehrfach habe er sich hingesetzt, weil er erschossen werden wollte, weil er die Schmerzen nicht länger ertragen konnte. Dann stand er doch wieder auf. Die Rote Armee habe ihn schließlich befreit.

Es sei sein "ausdrücklicher Wunsch" gewesen, in diesem Verfahren auszusagen, sagt die Vorsitzende Richterin Anne Meier-Göring. "Warum?" Wieder ist es still im Saal. Abraham Koryski hat Mühe, zu sprechen. "Ich hatte Angst vor dieser Frage", sagt er und weint. Lange bleibt es still im Saal, dann sagt er: "Für mich ist es nicht einfach. Ich komme nicht aus Rache. Allerdings: Ich beschuldige, ich verzeihe nicht." Er hält inne. "Ich will, dass die Welt erfährt, was passiert ist. Alle sollen alles wissen." Besonders die nächsten Generationen.

"Meine Rache ist meine Familie, meine Angehörigen, die hier im Saal sind", sagt Abraham Koryski. "Sie zeigen, dass ich es geschafft habe, das alles zu überleben."

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