G20-Polizeieinsatz im Schanzenviertel Schulterblatt 1 - das Haus im Zentrum der Krawalle

Bei den G20-Krawallen im Schanzenviertel spielte ein Gebäude eine zentrale Rolle. Was sich auf dem Haus Schulterblatt 1 abspielte, ließ die Polizei stundenlang abwarten - aus Angst um das Leben der Beamten.

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Wenn die G20-Gegner den Kapitalismus in seinem Lauf stören wollten, war ihr Erfolg von kurzer Dauer. Wer sein Heil im Konsum finden möchte, wird im Hamburger Schanzenviertel schon wieder fündig. Der Laden der Bekleidungskette Kauf Dich glücklich am Schulterblatt 1 hat geöffnet, vor der Tür macht Nieselregen die Passanten nass. Die Krawalle fanden noch bei herrlichem Sonnenschein statt - und scheinen länger her als nur fünf Tage, so viel ist darüber inzwischen debattiert worden.

Schon wegen des Namens war Kauf Dich Glücklich im Schanzenviertel in der Vergangenheit immer gern ein Ziel autonomer Randalierer, wiederholt wurden die Scheiben beschädigt und beschmiert. Die Stockwerke über dem Laden stehen leer, ein Gerüst ist an dem Gebäude aufgebaut. "Das Baugerüst hat uns seit anderthalb Jahren wohl geschützt", vermutet ein Mitarbeiter, der gerade ein Paar makellos weiße Adidas-Schuhe zu einem Kunden trägt. Es sei lange nichts passiert - bis Freitagnacht.

An dem Abend, der die schlimmsten Ausschreitungen während des Gipfels brachte, stand das Haus im Zentrum der Krawalle. Es ist eine Ironie der Geschichte, dass die Gewaltorgie von Randalierern und Plünderern für das Geschäft beinahe glücklich verlaufen wäre - bis um 23.26 Uhr ein Spezialeinsatzkommando der Polizei dort ankam. Die Beamten brachen die Eingangs- und die Seitentür des Ladens auf, stürmten durch die Lagerräume im ersten Stock und dann hinauf: zum Dach des Hauses.

Der Grund: Einige mutmaßliche Gewalttäter hatten das Baugerüst vor dem Gebäude erklommen und waren so auf das Dach gelangt. Zwischen 23 Uhr und Mitternacht filmte ein Polizeihubschrauber dann die Szene, die zum Sinnbild für die enthemmte Gewalt am Rande von G20 wurde.

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Haus am Schulterblatt: Im Zentrum der Krawalle

Mehrere Personen schleuderten vom Dach große Gesteinsbrocken nach unten. Ein Gegenstand, die Polizei spricht später von einem Molotowcocktail, wurde angezündet und landete auf dem Dach eines Wasserwerfers, explodierte allerdings nicht.

Die Polizei auf der Straße war angesichts der Gefahr vom Dach nicht weiter vorgerückt, aus Angst um die eigene Sicherheit. So waren die Beamten länger als zwei Stunden nicht in der Schanze präsent. Ungestört konnten Barrikaden in Brand gesetzt, Geschäfte geplündert und Steine geworfen werden. Anwohner fühlten sich im Stich gelassen, manche verloren den Glauben an die Polizei, andere an die Linken.

Um etwa 23.45 Uhr sind auf dem Video Spezialkräfte mit Sturmgewehren auf dem Dach zu sehen. Die Polizei Hamburg bestätigte auf SPIEGEL-Anfrage eine Festnahme auf dem Dach. Weitere zwölf Verdächtige seien im Innenhof der Adresse Schulterblatt 1 festgenommen worden. Erst danach rückten die restlichen Beamten unten auf der Straße vor.

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Juristisch wird die Sache kaum aufzuarbeiten sein, inzwischen sind die 13 Festgenommenen wieder frei. Konkrete Hinweise auf eine Beteiligung an Gewalttaten haben sich laut dem Hanseatischen Oberlandesgericht offenbar nicht ergeben.

Hätte die Polizei das Haus als neuralgischen Punkt erkennen können?

In Hamburg fragen sich viele, und die Frage wird auch der Polizei dringlich gestellt: Warum konnte der größtenteils vermummte Mob auf dem Schulterblatt, der Lebensader und Partymeile des Schanzenviertels, bis Mitternacht wüten? Einen Drogeriemarkt und einen Supermarkt aufbrechen und dort plündern und schließlich auch noch Feuer legen? Die Vorwürfe in der aufgeheizten Debatte gehen so weit, die Polizei habe das Viertel, Treffpunkt der linksautonomen Szene um das besetzte ehemalige Theater Rote Flora, geopfert.

Die Polizei hat bestätigt, dass man von der Hausverwaltung den Schlüssel für das Gebäude bekommen habe. Das gebe es öfter bei leerstehenden Gebäuden, um Hausbesetzungen vorzubeugen.

Hätte die Polizei das eingerüstete Haus als neuralgischen Punkt erkennen können - oder sogar müssen?

Die Antwort der Polizei: Den Beamten wurde eine Falle gestellt, Innensenator Andy Grote (SPD) sprach von einem "bewaffneten Hinterhalt". Um 21 Uhr, die Polizei sei zum Vorrücken ins Viertel bereit gewesen, habe es "neue Erkenntnisse" gegeben, "dass man eine Falle aufbauen möchte", sagte Polizeisprecher Timo Zill dem SPIEGEL. Das hätten sowohl die Luftaufklärung als auch "andere Hinweise" ergeben - ob von verdeckten Ermittlern in der Szene oder Abhörmaßnahmen könne er nicht sagen.

"Die benutzen keinen Schlüssel, die nehmen eine Ramme"

"Mit den Plünderungen wollte man uns ins Viertel locken und dann von oben mit Gehwegplatten bewerfen." Die Einsatzkräfte hätten damit rechnen müssen, dass man Stahlseile spannen werde, um die Polizeikräfte festzusetzen.

Den Krawallen Einhalt gebieten und dadurch die Polizisten gefährden - oder abwarten? Der Einsatzleiter vor Ort habe abgewogen, "zwischen Sachschäden und der Gefährdung von Menschenleben". Dabei sei es natürlich "für die Anwohner unerträglich gewesen, den Plünderungen zuzugucken". Die Bedrohung für die Beamten habe aber "flächig" bestanden, Dächer seien mit mutmaßlichen Angreifern an beinahe allen Zufahrten zum Schulterblatt besetzt gewesen, sagt Zill.

Mit Angriffen von oben sei man bei vorherigen Szenarien nicht ausgegangen. Zill bestätigt den Bericht des "Hamburger Abendblatts", wonach der Schlüssel für die Hausnummer 1 bei der Polizei hinterlegt war - das gebe es bei leerstehenden Häusern aber öfter. Es handle sich um eine "Maßnahme, um Besetzungen schnell zu beenden". Etwas anderes sei der Einsatz am Freitag gewesen: "Wenn Spezialkräfte unter Lebensgefahr arbeiten, benutzen die keinen Schlüssel, die nehmen eine Ramme und brechen auf", sagt Zill über die Stürmung des Ladens.

Wie der Einsatz genau gelaufen ist, warum drei Stunden nichts passierte, ob es wirklich so lange dauerte, die Spezialkräfte von der Elbphilharmonie weg und in die Schanze zu beordern - all das sind Fragen, mit denen sich in der kommenden Woche der Innenausschuss der Hamburger Bürgerschaft beschäftigen wird. Ein Sonderausschuss wird wahrscheinlich folgen.

Das Haus Schulterblatt 1 dürfte bei der Aufarbeitung eine zentrale Rolle spielen.

Mitarbeit: Alexander Schulz

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