Einsatz in Hamburg Er war als Altenpfleger unterwegs – die Polizei hielt ihn für einen Drogendealer

John H. fuhr in Hamburg mit seinem E-Bike zu seinen Patienten. Plötzlich rissen drei Zivilpolizisten den schwarzen Altenpfleger vom Rad. Aus rassistischen Motiven?
John H. in Hamburg: »Gegen die Polizei kommt man nicht an«

John H. in Hamburg: »Gegen die Polizei kommt man nicht an«

Foto: privat

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Im April vor einem Jahr stiegt John H. auf sein E-Bike und fuhr zu seinem ersten Patienten. Vieles an dieser Schicht war wie immer: John H., 32, arbeitet in Hamburg für einen mobilen Pflegedienst. Er besucht alte Menschen zu Hause, spritzt Insulin, wechselt Windeln und brät auch mal ein Spiegelei. Nach den Besuchen telefoniert er häufig mit seinem Chef, berichtet, wie es den Leuten geht.

So war es auch an diesem Samstag im April 2020. Doch etwas war anders: Schon nach dem ersten Besuch bemerkte John H. einen Mann. Er trug eine Baseballkappe. Er schien John H. zu folgen.

Nach seinem vierten oder fünften Patienten stieg John H. wieder auf sein E-Bike. Er fuhr los, kurz darauf sprangen drei Männer auf ihn zu, rissen ihn vom Fahrrad, legten ihm Handschellen an. Wie ein Schwerverbrecher lag er auf dem Asphalt, die Männer über ihm.

John H. dachte, er werde ausgeraubt, rief: »Was ist los?« Die drei Männer durchwühlten seine Taschen. Erst als sich Passanten mit Kindern näherten, sagte einer der drei, alles sei gut. Sie seien von der Polizei.

So stellt es John H. dar. Die Polizei hat seine Schilderungen im Wesentlichen bestätigt.

Im Stadtteil Eimsbüttel begingen Hamburger Zivilfahnder im April 2020 einen folgenschweren Fehler: Sie hielten John H., den Altenpfleger, für einen Drogenhändler. Wäre das auch einem weißen Hamburger passiert, der durch die Stadt radelt? Der Fall wirft die Frage auf, ob es unter Polizisten der Hansestadt ein bestimmtes Bild vom Delinquenten gibt, das zu Fehleinschätzungen führt. Ob die Beamten John H. also vor allem deshalb für einen Drogendealer hielten, weil er schwarz ist.

Polizisten in Hamburg-Eimsbüttel: »Das gezeigte Verhalten war typisch für den Handel mit Drogen«

Polizisten in Hamburg-Eimsbüttel: »Das gezeigte Verhalten war typisch für den Handel mit Drogen«

Foto: imago images / Hanno Bode

Die Ermittler haben nun, gut ein Jahr später, eine Antwort darauf gefunden. Die Hamburger Staatsanwaltschaft stellte das Verfahren mangels eines hinreichenden Tatverdachts ein. Hinweise für ein rassistisches Verhalten konnte sie nicht finden.

Den Beamten wurde damals im April schnell klar, dass sie diesmal danebenlagen. In John H.s Taschen fanden sie keine Drogen, aber einen Tourenplan, auf dem seine Patienten stehen und welche Pflegemaßnahmen sie bekommen. Noch vor Ort baten die Polizisten um Verzeihung.

John H. schob sein Fahrrad nach Hause. »Ich war total verdreckt und stand unter Schock«, sagt er. Er wurde leicht verletzt, sein Handy, das Fahrrad und seine Uhr wurden beschädigt. John H. arbeitete an dem Tag weiter. »Die Leute müssen ja versorgt werden«, sagt er.

Zwei Wochen lang sei es ihm gut gegangen. Dann habe ihn das Geschehen eingeholt, vor allem nachts. John H. berichtet von Schlafproblemen. Er habe wach gelegen, gegrübelt. Tagsüber sei er manchmal unkonzentriert gewesen. Bis heute sei das so. Inzwischen sei er in Therapie.

»Ich verstehe nicht, wie man auf die Idee kommt zu denken, ich sei ein Drogendealer«, sagt er. »Das geht mir die ganze Zeit durch den Kopf.«

Anfang Mai 2020, knapp drei Wochen nach dem Einsatz, veröffentliche John H. einen Beitrag bei Instagram. Darin schilderte er seine Sicht der Dinge. Er habe sich im »totalen Schockzustand« befunden, heißt es darin.

Die Beamten dachten an ein »Drogentaxi«

Zehntausende Nutzer reagierten auf die Nachricht. Schließlich auch die Hamburger Polizei: Ebenfalls via Instagram verschickte das Presseteam eine Einlassung.

Zivilfahnder beobachteten demnach einen Mann, der mehrere Häuser für kurze Zeit betrat und anschließend mit dem Rad zur nächsten Adresse fuhr. Zwischendurch habe er mehrfach telefoniert.

»Das gezeigte Verhalten war typisch für den Handel mit Drogen«, schrieb die Polizei. Daher habe sich der Verdacht ergeben, dass der Mann ein »›Drogentaxi‹« betrieben habe. Man habe ihn während des Radfahrens zu Boden gebracht, um einen Fluchtversuch zu verhindern. Dabei sei der Mann verletzt worden.

Bei der Kontrolle habe sich gezeigt, dass der Mann unschuldig sei. Die Kollegen hätten noch vor Ort um Entschuldigung gebeten: »Wir möchten auch öffentlich unser Bedauern über den Vorfall zum Ausdruck bringen«, hieß es in der Nachricht. Die Polizei ersetzte den Schaden an Handy, Uhr und dem Rad von John H.

Gegen drei Beamte lief ein Verfahren wegen Körperverletzung im Amt, nachdem John H. Anzeige erstattet hatte. Entscheidend war dabei die Frage, auf welcher Grundlage die Beamten John H. kontrollierten. Ließe sich nachweisen, dass es seine Hautfarbe war, die bei den Beamten einen Anfangsverdacht begründete, wäre der rabiate Einsatz nicht gerechtfertigt gewesen.

Aus Sicht der Staatsanwaltschaft jedoch hatten die Zivilbeamten ausreichend Anhaltspunkte dafür, dass John H. ein Drogenhändler sein könnte. Die Identitätsfeststellung sei rechtmäßig – und die damit einhergehenden Maßnahmen seien es auch. Daher hat die Behörde keine Anklage erhoben.

Die Polizei hatte stets argumentiert, nicht John H.s Hautfarbe, sondern sein Verhalten sei ausschlaggebend für den Einsatz gewesen. Die Staatsanwaltschaft sieht das ähnlich: John H. habe sich »szenetypisch« verhalten, heißt es nach SPIEGEL-Informationen in der Einstellungsverfügung.

Dass sein Äußeres keine Rolle bei dem Einsatz spielte, darf man bezweifeln. Der Hamburger Polizeipräsident Ralf Martin Meyer hatte dem SPIEGEL im Februar zu dem Fall gesagt : »Im Sternschanzenpark dealen vor allem schwarze Männer – und das hatten die Polizisten im Kopf, als sie den Mann in der Nähe des Parks stoppten.«

Die Vermutung ist das eine – sie in einem Strafverfahren zu belegen, das andere. Die Hamburger Anwältin Petra Dervishaj berät John H. in dem Verfahren. Sie sagt, dass die Beamten ihn aus rassistischen Motiven stoppten, sei aus ihrer Sicht eine plausible Erklärung.

John H. sagt, das Verfahren habe ihm die Augen geöffnet: »Gegen die Polizei kommt man nicht an.« Er hat über seine Anwältin Beschwerde gegen die Einstellung eingelegt.

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