Hamburger Piraten-Prozess "Ich bin kein Seeräuber!"

Sie sollen den deutschen Frachter "Taipan" gestürmt haben, um Lösegeld zu erpressen: Im Hamburger Verfahren gegen zehn Somalier hat die Staatsanwaltschaft bis zu elf Jahre Haft gefordert - für die Angeklagten völlig unverständlich. Szenen eines beispiellosen Prozesses.

dapd

Von Simone Utler


Hamburg - Abdul Fata A. versteht den Richter nicht. Und das hat nichts mit einer Sprachbarriere zwischen dem somalischen Angeklagten und dem deutschen Gerichtsvorsitzenden zu tun. Der Kopfhörer, der sich auf A.s schwarze Locken drückt, überträgt die Simultanübersetzung einwandfrei, einer der Dolmetscher kommt sogar noch zum Tisch des Mannes und vermittelt zwischen ihm und dessen Anwalt.

A. hat rein inhaltliche Verständnisprobleme. Er begreift nicht, warum das Hamburger Landgericht an diesem Mittwoch zu den Plädoyers übergeht, also die Beweisaufnahme geschlossen hat - ohne einen seiner Ansicht nach entscheidenden Zeugen gehört zu haben.

"Ich habe einen Mann benannt, der glaubhaft belegen kann, dass ich zu der Tat gezwungen wurde", sagt A., der im hellblauen Hemd in der ersten von drei Reihen sitzt, nur wenige Meter von den Richtern entfernt. A. versteht nicht, wieso das Gericht diesen Zeugen nicht aus Somalia nach Deutschland geladen hat. "Ich hatte gehofft, dass das Gericht alles daransetzen würde, meine Unschuld zu beweisen." A. "will dem Gericht nahelegen", der Sache noch mal nachzugehen, denn er sei zu Unrecht hier: "Ich bin kein Pirat! Ich bin jemand, der gezwungen wurde."

A. steht zusammen mit neun weiteren Somaliern seit November 2010 in Hamburg vor Gericht. Die Männer sind angeklagt, im April 2010 vor der Küste Somalias den unter deutscher Flagge fahrenden Frachter "Taipan" mit Waffengewalt geentert und entführt zu haben. Ein niederländisches Marinekommando kam jedoch rechtzeitig, konnte die Männer an Bord des Containerschiffs festnehmen und die Crew der "Taipan" befreien. Nach einem Stopp in den Niederlanden wurden die Somalier an die deutsche Justiz ausgeliefert.

"Unvorstellbare" Summe von 500 US-Dollar

71 Verhandlungstage liegen inzwischen hinter den Männern. In den vergangenen 14 Monaten prallten in Saal 337 des Hamburger Strafjustizgebäudes zwei Welten aufeinandern. Für die angeklagten Somalier war ein Richter in schwarzem Talar und weißer Fliege, wie der Vorsitzende Bernd Steinmetz sie trägt, bis vor anderthalb Jahren ein unbekanntes Bild. Sie kannten weder Schnee noch die deutsche Sprache. Die 20 Anwälte der Männer bemühen sich wiederum, Einblicke in die in Deutschland weitestgehend unbekannte Welt ihrer Mandanten zu vermitteln.

Und so schilderten die Angeklagten, die vor Gericht eine Beteiligung an dem Überfall prinzipiell einräumten, vor allem ihre Motive für die Tat: Mehrere sprachen von immensen Schulden, die sie hatten, und von gewalttätigen Gläubigern, die sie zu der Tat trieben. Einer erzählte, wie Gläubiger seinen Sohn entführten, um ihn zum Zahlen zu nötigen. Ein anderer will lediglich als Steuermann ausgeholfen haben, sich aber nicht gewundert haben, dass ihm für seinen Dienst die "unvorstellbare Summe" von 500 US-Dollar geboten wurde. Lediglich zwei der Männer räumten ein, sich freiwillig gemeldet zu haben.

Lebensumstände und Geständnisse berücksichtigte die Staatsanwaltschaft an diesem Mittwoch in ihrem Plädoyer. In ihrem rund dreistündigen Vortrag führte Oberstaatsanwältin Friederike Dopke für alle Männer strafmildernd die schwierigen sozialen und wirtschaftlichen Bedingungen in ihrem Heimatland an. Sie berücksichtigte auch die Gewalterfahrungen in Bürger- und Stammeskriegen.

Staatsanwaltschaft fordert hohe Haftstrafen

Dennoch forderte die Staatsanwaltschaft hohe Strafen. Wegen des gemeinschaftlich begangenen bewaffneten Angriffs auf den Seeverkehr und erpresserischen Menschenraubs sollen die Angeklagten zu Freiheitsstrafen zwischen viereinhalb und zehn Jahren verurteilt werden. Zwar sei es weder gelungen, die Schützen zu identifizieren, noch den vermeintlichen Anführer. "Sie alle handelten aber zumindest als Mittäter", so Dopke.

Die Staatsanwältin betonte in ihrer Argumentation die Schwere der Tat und den hohen Grad der Professionalität, mit dem der Überfall durchgeführt worden war: Am Morgen des 5. April 2010 rasten zwei sogenannte Skiffs, schnelle wendige Motorboote, wie die Piraten vor der somalischen Küste sie für ihre Angriffe verwenden, auf den Frachter "Taipan" zu. Der deutsche Kapitän Eggers drehte noch ab und erhöhte die Geschwindigkeit, doch kurz darauf feuerten die Männer des einen Boots auf die "Taipan", die Männer des zweiten Boots enterten den Frachter.

Ihre Hilfsmittel: fünf vollautomatische Kalaschnikow-Sturmgewehre, zwei russische Raketenwerfer, zwei Pistolen, zwei Messer, mehr als 20 Magazine Munition, zwei Handys, ein Fernglas und zwei Enterleitern.

Eggers und seinem Zweiten Offizier gelingt es noch, Notrufe abzusetzen - dann müssen sie sich ebenso wie die Besatzungsmitglieder in einem Panik-Raum in Sicherheit bringen. Das niederländische Marineschiff "Tromp" empfängt den Hilferuf der "Taipan", eine Spezialeinheit stürmt den Frachter und setzt die zehn Piraten fest.

Es war laut der Staatsanwältin das erste Mal, dass ein gekapertes Schiff aus der Hand von Piraten befreit werden konnte. Nur durch Glück sei beim Kapern des Schiffes und einem heftigen Schusswechsel mit der niederländischen Marine niemand schwer verwundet worden, betonte Dokpe in ihrem Plädoyer. Lediglich ein Soldat habe sich leicht verletzt, als er beim Abseilen von einem Helikopter auf das Schiff gestürzt sei.

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Seite 1
vielosof 25.01.2012
1. Deutschland schafft sich ab
Ganz schön irre! Wir fliegen somalische Piraten nach Deutschland, verpflegen sie hier über jahre und bezahlen Ihnen auch noch den Verteidiger. Wenns nach dem Angeklagten geht sollen sogar noch mehr Somalis eingeflogen werden: "Ich habe einen Mann benannt, der glaubhaft belegen kann, dass ich zu der Tat gezwungen wurde", sagt M., der im hellblauen Hemd in der ersten von drei Reihen sitzt, nur wenige Meter von den Richtern entfernt. M. versteht nicht, wieso das Gericht diesen Zeugen nicht aus Somalia nach Deutschland geladen hat. "Ich hatte gehofft, dass das Gericht alles daransetzen würde, meine Unschuld zu beweisen." M. "will dem Gericht nahelegen", der Sache noch mal nachzugehen, denn er sei zu Unrecht hier: "Ich bin kein Pirat! Ich bin jemand, der gezwungen wurde." Und nach der Verurteilung kommt der Somali dann in ein deutsche Gefängnis, nach der Freilassung dürfen ihn hier 10 deutsche Sozialarbeiter auf Kosten des deutschen Michels bekuscheln. Somit ist Piraterie ja sogar noch als Eintrittskarte nach Europa zu fassen. Kann wohl nicht wahr sein oder?
markus-f 25.01.2012
2. Angeklagte 2. Klasse
Zitat von sysopSie sollen den deutschen Frachter "Taipan" gestürmt haben, um Lösegeld zu erpressen: Im Hamburger Verfahren gegen zehn Somalier hat die Staatsanwaltschaft bis zu elf Jahre Haft gefordert - für die Angeklagten völlig unverständlich. Szenen eines beispiellosen Prozesses. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,811348,00.html
Man ahnte es, aber niemand wagte es je so offen auszusprechen: dank der redegewandten Staatsanwältin haben wir es nun schwarz auf weiß, daß derjenige schwerer bestraft werden soll, der aus schwierigen Verhältnissen kommt. Bleibt zu hoffen, daß sich die Richter in diesem Verfahren unserem Rechtssystem in seinem eigentlichen Sinne verpflichtet fühlen.
review 25.01.2012
3.
Zitat von vielosofGanz schön irre! Wir fliegen somalische Piraten nach Deutschland, verpflegen sie hier über jahre und bezahlen Ihnen auch noch den Verteidiger. Wenns nach dem Angeklagten geht sollen sogar noch mehr Somalis eingeflogen werden: "Ich habe einen Mann benannt, der glaubhaft belegen kann, dass ich zu der Tat gezwungen wurde", sagt M., der im hellblauen Hemd in der ersten von drei Reihen sitzt, nur wenige Meter von den Richtern entfernt. M. versteht nicht, wieso das Gericht diesen Zeugen nicht aus Somalia nach Deutschland geladen hat. "Ich hatte gehofft, dass das Gericht alles daransetzen würde, meine Unschuld zu beweisen." M. "will dem Gericht nahelegen", der Sache noch mal nachzugehen, denn er sei zu Unrecht hier: "Ich bin kein Pirat! Ich bin jemand, der gezwungen wurde." Und nach der Verurteilung kommt der Somali dann in ein deutsche Gefängnis, nach der Freilassung dürfen ihn hier 10 deutsche Sozialarbeiter auf Kosten des deutschen Michels bekuscheln. Somit ist Piraterie ja sogar noch als Eintrittskarte nach Europa zu fassen. Kann wohl nicht wahr sein oder?
Doch das ist wahr. Aber machen Sie doch einmal einen Vorschlag wie es anders gehandhabt werden könnte, ohne gegen diverse Gesetze und Völkerrechtliche Verträge zu verstoßen. Vermutlich wären Ihnen diese Verstöße aber egal.
Zero Thrust 25.01.2012
4.
Zitat von vielosofGanz schön irre! Wir fliegen somalische Piraten nach Deutschland, verpflegen sie hier über jahre und bezahlen Ihnen auch noch den Verteidiger. Wenns nach dem Angeklagten geht sollen sogar noch mehr Somalis eingeflogen werden: "Ich habe einen Mann benannt, der glaubhaft belegen kann, dass ich zu der Tat gezwungen wurde", sagt M., der im hellblauen Hemd in der ersten von drei Reihen sitzt, nur wenige Meter von den Richtern entfernt. M. versteht nicht, wieso das Gericht diesen Zeugen nicht aus Somalia nach Deutschland geladen hat. "Ich hatte gehofft, dass das Gericht alles daransetzen würde, meine Unschuld zu beweisen." M. "will dem Gericht nahelegen", der Sache noch mal nachzugehen, denn er sei zu Unrecht hier: "Ich bin kein Pirat! Ich bin jemand, der gezwungen wurde." Und nach der Verurteilung kommt der Somali dann in ein deutsche Gefängnis, nach der Freilassung dürfen ihn hier 10 deutsche Sozialarbeiter auf Kosten des deutschen Michels bekuscheln. Somit ist Piraterie ja sogar noch als Eintrittskarte nach Europa zu fassen. Kann wohl nicht wahr sein oder?
Warum bitte hier bekuscheln, nach der Freilassung? Sie glauben doch nicht im Ernst, dass so eine Haftstrafe (die sie von mir aus gern auch in Somalia absitzen dürften, schließlich sind es Somalier) gleichzeitig mit einer unbegrenzten Aufenthaltserlaubnis einherginge - geschweige denn einer prompten Einbürgerung!? Da könnte ja jeder kommen, jeder Asylant, der Gefahr läuft, abgeschoben zu werden: Mal fix ein Verbrechen verübt und fertig. Das glaub' ich im Leben nicht! Diese Männer werden (spätestens) nachdem sie ihre (vermutlich dann eh noch mal gekürzte) Haft abgesessen haben wieder zurückkehren, nach Somalia. Ja selbstverständlich das. Zumal ich mir nicht mal sicher wäre (und auch keine Ahnung habe, woraus Sie das mal eben so bombensicher schließen) ob die hier überhaupt bleiben wollten! Was, hier?? Ausgerechnet in dem Land, das ihnen gerade den Prozess macht und sie aller Voraussicht nach einsperren wird? So blöd ist kein Mensch! Und was ist mit deren Verwandten? Freunden? In Somalia? Nee! Niemals. Das einzige, was der deutsche Michel mit Sicherheit finanzieren wird - nebst den bereits erwähnten Prozess-, Anwalts-, u. Haftkosten, etc. - das ist letztendlich der Rückflug nach ihrer Haftentlassung. Denn den werden die dann kaum bezahlen können und, das vermute auch ich, noch viel weniger wollen. Allerdings bestimmt nicht, weil sie so gern hier blieben, sondern, weil ja schon ihre Verfrachtung hierher nicht gerade eine frewillige Angelegenheit war. So oder so, ein vollkommen groteskes Theater, natürlich.
contrail08 25.01.2012
5. Rechtsstaatlichkeit ist anstrengend
Zitat von vielosofGanz schön irre! Wir fliegen somalische Piraten nach Deutschland, verpflegen sie hier über jahre und bezahlen Ihnen auch noch den Verteidiger. Wenns nach dem Angeklagten geht sollen sogar noch mehr Somalis eingeflogen werden: "Ich habe einen Mann benannt, der glaubhaft belegen kann, dass ich zu der Tat gezwungen wurde", sagt M., der im hellblauen Hemd in der ersten von drei Reihen sitzt, nur wenige Meter von den Richtern entfernt. M. versteht nicht, wieso das Gericht diesen Zeugen nicht aus Somalia nach Deutschland geladen hat. "Ich hatte gehofft, dass das Gericht alles daransetzen würde, meine Unschuld zu beweisen." M. "will dem Gericht nahelegen", der Sache noch mal nachzugehen, denn er sei zu Unrecht hier: "Ich bin kein Pirat! Ich bin jemand, der gezwungen wurde." Und nach der Verurteilung kommt der Somali dann in ein deutsche Gefängnis, nach der Freilassung dürfen ihn hier 10 deutsche Sozialarbeiter auf Kosten des deutschen Michels bekuscheln. Somit ist Piraterie ja sogar noch als Eintrittskarte nach Europa zu fassen. Kann wohl nicht wahr sein oder?
Doch, es ist wahr und das ist gut so. Ich bin stolz darauf, in einem funktionierenden Rechtsstaat zu leben. Das Verfahren und sein Ergebniswird auch auf die Somalis ausstrahlen und eine gute Wirkung entfalten. Insofern wirklich gut investiertes Geld. Und es ist ja nicht so, dass man sie einfach laufen lässt. contrail
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