Todesfahrer vor Gericht Das Rätsel von Eppendorf

Erst schwieg er wochenlang, dann redete Caesar S. vor Gericht und hörte fast nicht wieder auf. Detailverliebt legte er der Richterin dar, wie sehr sich Ärzte und Kollegen in ihm getäuscht hätten: Epileptische Aussetzer gestand er ein, Epileptiker sei er deswegen noch lange nicht.

Caesar S. am Montag vor Gericht: "Mutmaßlicher epileptischer Anfall"
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Caesar S. am Montag vor Gericht: "Mutmaßlicher epileptischer Anfall"

Von Jochen Brenner


Hamburg - Caesar S. hat eine Lücke im Blick, sie ist eng, aber immerhin eine Lücke. Wenn der Prozess gut für ihn läuft, wird er sich durch sie hindurchzwängen. Dann könnte er nach einem Urteil den Gerichtssaal verlassen, schuldunfähig, straffrei. Er wäre dann ein Mann, den am Steuer seines Wagens ahnungslos ein Krampfanfall überraschte. Zu den vier Opfern, die sein Unfall vor einem Jahr im Hamburger Stadtteil Eppendorf forderte, käme so ein fünftes hinzu - Caesar S. selbst.

Sieben Verhandlungstage lang hatte der 40-Jährige geschwiegen, war apathisch den Zeugenaussagen gefolgt, mit deren Hilfe die Richterin Birgit Woitas herauszufinden versucht, wen sie auf der Anklagebank vor sich sitzen hat: einen ahnungslosen Unglücksfahrer oder einen Mann, der sich trotz seiner Epilepsie immer wieder hinters Steuer immer neuer Autos setzte, mit denen er Unfall um Unfall baute.

"Sind Sie Epileptiker?", fragt Richterin Woitas am achten Tag des Prozesses. "Nein", sagt S. Er wirkt, als habe er sich in den vielen Stunden seines Schweigens im Prozess ein Vokabular des Ausweichens erdacht. Die epileptischen Anfälle, die seit fast 20 Jahren zu seinem Leben gehören, nennt er "Aussetzer" oder "Erlebnisse". S. umgibt sich mit Wörtern, deren Gespreiztheit zwischen den Unfall und sein Leben eine unüberwindbare Mauer ziehen. Nach dem Unfall hätten ihn Sanitäter ins Krankenhaus "verbracht", sagt er, den Schleuderkurs seines Fiat, der zwei Menschen unter sich begrub, nennt er "Unfallgeschehen". Krankenzimmer sind bei S. "Räumlichkeiten", Beweisstücke seien "zur späteren Verwendung" am Unfallort gesichert worden. Wenn in seiner Aussage etwas häufig passiert, vermeidet S. das Wort "oft", er sagt "nicht selten".

"Aus heiterem Himmel"

Über Stunden gelingt es S. so, Woitas Geduld zu strapazieren. Obwohl ärztliche Gutachten und Krankenakten den ersten epileptischen Anfall 1993 belegen, tritt S. wie ein Patient auf, dem die schlechte Nachricht erst Stunden zuvor überbracht wurde. Das "tragische Ereignis" in Eppendorf sei für ihn "aus heiterem Himmel" gekommen. "Egal, was es ist, gebt mir irgendwas, dass mir nichts mehr passieren kann", will er nach einem seiner zahlreichen Verkehrsunfälle zu seinen Ärzten gesagt haben.

Woitas hält ihm daraufhin die Zeugenaussagen seiner ehemaligen Kollegen vor, die im Büro immer wieder seine Anfälle miterlebten. Für jeden Krampf hat S. eine Interpretation parat: Er habe mit starrem Blick den Unterarm eines Kollegen umklammert und sei von ihm zum Stuhl geführt worden? Nein, sagt S., im Streit habe er dem Mann zu deutlich die Meinung gesagt. Ein Krampfanfall bei einer Weihnachtsfeier? Einer beim Betriebsausflug? Die Kollegen hätten sich möglicherweise "schlichtweg geirrt", sagt S.

Denn die Lücke, auf die er spekuliert, tut sich genau hier auf: Kollegen, Ärzte, Gutachter zeichnen das Bild eines kranken Mannes, dessen Epilepsie auch medikamentös kaum in den Griff zu bekommen ist, dessen Krämpfe am Arbeitplatz nicht mal mehr ein Geheimnis waren: Für den Notfall kannten die Kollegen die Telefonnummer von Freundin und Mutter - so erzählte es eine Zeugin zuvor im Prozess. Kann einer, der so publik, wiederholt und heftig krampft, aus Ahnungslosigkeit schuldunfähig sein?

Zu den Opfern von S. gehören die Eheleute Sibylle und Dietmar Mues, ihre drei Söhne treten im Prozess als Nebenkläger auf. Woody, den Jüngsten, bittet S. am Morgen des achten Prozesstags um Entschuldigung. "Es tut mir unsagbar leid", sagt er, das Saalmikrofon überträgt sein Atmen jetzt unwirklich laut, "ich stehe vor einem Rätsel, wie das passieren konnte."

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