Toxikologisches Gutachten Hamburger Unfallfahrer rauchte regelmäßig Cannabis

Vier Menschen starben, weil ein 39-Jähriger an einer Hamburger Kreuzung die Kontrolle über sein Auto verlor. Vor Gericht sagte eine Toxikologin nun aus, der Mann habe Anti-Epileptika und Cannabis konsumiert. Beide Substanzen könnten die Fahrtüchtigkeit deutlich beeinträchtigen.


Hamburg - Der Verursacher eines tödlichen Verkehrsunfalls in Hamburg-Eppendorf hat offenbar regelmäßig Cannabis konsumiert. Eine Ende März 2011 entnommene Haarprobe lasse auf einen wöchentlichen bis täglichen Drogenkonsum vor dem Unfall schließen, sagte eine toxikologische Sachverständige vor dem Hamburger Landgericht. Zudem zeige eine Blutprobe eine therapeutische Dosis Anti-Epileptika auf. Beide Substanzen könnten die Fahrtüchtigkeit deutlich beeinträchtigen, sagte die Toxikologin.

Bei dem Unfall am 12. März 2011 waren der Schauspieler Dietmar Mues, seine Frau Sibylle, der Sozialwissenschaftler Günter Amendt und die Künstlerin Angela Kurrer gestorben. Der Angeklagte hatte nach dem Unfall zu Protokoll gegeben, in der Nacht zuvor einen Joint geraucht zu haben. Das allein komme als Unfallursache aber nicht infrage, sagte die Toxikologin. Es sei jedoch möglich, dass die Fahrtüchtigkeit bei paralleler Einnahme von Medikament und Droge verstärkt beeinträchtigt werde.

Dem Angeklagten wird fahrlässige Tötung, fahrlässige Körperverletzung und vorsätzliche Gefährdung des Straßenverkehrs vorgeworfen. Laut Staatsanwaltschaft soll der 39-Jährige kurz vor dem schweren Unfall einen epileptischen Anfall gehabt haben. Dadurch habe er die Kontrolle über sein Auto verloren und sei mit mehr als 100 Stundenkilometern über eine rote Ampel auf eine Kreuzung gerast.

Das Gericht muss klären, ob der Unfall tatsächlich durch einen epileptischen Anfall ausgelöst wurde, und ob der Angeklagte von einem möglichen Anfall hätte wissen müssen.

Laut Anklage hatte der 39-Jährige zuvor bereits drei Unfälle verursacht - vermutlich nach Krampfanfällen. Nach einem Unfall war ihm vorläufig der Führerschein entzogen worden, er hatte ihn damals vor Gericht zurück erstritten.

Der Vater der Verlobten des Angeklagten sagte, er habe weder von epileptischen Anfällen noch von regelmäßiger Medikamenteneinnahme gewusst. Zudem habe er mit seinem Schwiegersohn in spe und seiner Tochter seit dem Unfall nie darüber gesprochen, wie und warum es dazu gekommen war. "Das Thema wird bei uns totgeschwiegen", sagte der 69-Jährige.

Die Verlobte des Angeklagten wollte nicht erneut vor Gericht aussagen. Am vergangenen Verhandlungstag hatte sie geschildert, von der angeblichen Epilepsie-Erkrankung ihres Verlobten nie etwas bemerkt zu haben. Der Arbeitgeber berichtete hingegen von wiederholten Krampfanfällen des Angeklagten.

Nach Ansicht seines Verteidigers leidet der Unfallfahrer nicht unter Epilepsie. Zwar habe der 39-Jährige schon vor dem Horror-Crash epileptische Anfälle erlitten, sagte der Anwalt. Daraus lasse sich seiner Ansicht nach aber nicht schließen, dass der Angeklagte auch tatsächlich Epileptiker sei. Die Vorsitzende Richterin nannte das Verteidigerverhalten "verwirrend".

Am Donnerstag sollen weitere Sachverständige gehört werden. Die Ärzte, die den Angeklagten nach dem Unfall behandelten, dürfen wegen ihrer Schweigepflicht nicht vor Gericht aussagen. Im Falle einer Verurteilung drohen dem Mann bis zu fünf Jahre Haft oder eine Geldstrafe. Mit einem Urteil wird nicht vor Ende Mai gerechnet.

hut/dpa/dapd

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