Tumulte in Hameln Geschichte eines Absturzes

Ein junger Mann stürzt in den Tod, Angehörige randalieren, eine Stadt ist schockiert: Nach den Tumulten in Hameln ermittelt die Polizei gegen Mitglieder einer Großfamilie. Der Versuch einer Rekonstruktion.

Rettungskräfte vor dem Amtsgericht Hameln: ein Haufen Ermittlungsarbeit
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Rettungskräfte vor dem Amtsgericht Hameln: ein Haufen Ermittlungsarbeit

Von Gesa Mayr


Dienstag, 13. Januar, 21:35 Uhr.

Es ist schon spät an jenem Abend, als Mohammed S. die Tankstelle in Aerzen bei Hameln betritt. Kurz nach halb zehn, kurz vor Ladenschluss. Mit einer roten Halloweenmaske auf dem Kopf steht er im Geschäft, droht der Kassiererin, sie "abzustechen", nimmt Geld, Zigaretten und verschwindet in der Dunkelheit. Ein Zeuge sieht noch einen dunklen Audi davonrasen. Im Wagen sitzen wohl S. und ein 21 Jahre alter Komplize.

So stellen es Polizei und Staatsanwaltschaft dar. Auf ihren Schilderungen basiert der Rekonstruktionsversuch der 24 Stunden, die Hameln in einen "schockähnlichen Zustand" versetzten, wie es der Sprecher der Stadt formulierte. Es ist die Geschichte eines tragischen Unglücksfalls, an deren Ende eine Familie ihren Sohn verliert. Es ist aber auch die Geschichte einer libanesisch-kurdischen Großfamilie, die Konflikten häufig mit Gewalt begegnet und ihren eigenen Regeln folgt. Und die wohl damit enden könnte, dass die Behörden dem Geschehen machtlos gegenüberstehen.

Nur anderthalb Stunden nach dem Tankstellenüberfall nehmen die Ermittler den 26 Jahre alten S. in einer Spielhalle fest. Das Kennzeichen des Audi hat sie auf seine Spur gebracht. In einem nahe gelegenen Gebüsch entdecken sie die Maske, das Geld, eine Luftdruckpistole. Die Ermittler fahren mit Mohammed S. zum Revier in Hameln.

Sie werden bereits erwartet.

Als die Streife vor der Schranke zur Wache hält, reißt plötzlich jemand die Wagentür auf und versucht, S. zu befreien. Es soll der Bruder des Festgenommenen sein. Der Befreiungsversuch misslingt, die Polizei ermittelt nun auch gegen den 25-Jährigen.

S. ist der Polizei bekannt. Raubtaten, Körperverletzung, Eigentumsdelikte - die Liste der Ermittlungsverfahren ist lang. Ein Haufen Arbeit stecke hinter den Fällen, sagt der Hamelner Polizeisprecher Jens Petersen. Gerichte haben S. allerdings auch oftmals wieder freigesprochen, welche Verurteilungen vorliegen, ist nicht bekannt.

Mittwoch, 14 Uhr.

Polizisten bringen Mohammed S. zum Amtsgericht Hameln, wo er einen Termin beim Haftrichter hat. Auch dort warten einige Angehörige bereits auf die Streife.

Im siebten Stock des Neubaus stellt die Richterin einen Haftbefehl für S. aus. Ob er nicht auf Kaution freikommen könne, soll S. gefragt haben. Nein, entschied die Richterin. Fluchtgefahr, Wiederholungstäter. Seine Vorgehensweise an der Tankstelle spricht dafür. Es gibt Ähnlichkeiten mit anderen Überfällen auf eine Bäckerei und ein Tiergeschäft. Erst kurz vor Weihnachten war die Tankstelle in Aerzen schon einmal ausgeraubt worden, mutmaßlich auch von S.

Zurück auf dem Gerichtsflur bittet S. seinen Anwalt um ein vertrauliches Gespräch. Die vier Sicherheitsbeamten entfernen sich, etwa zehn Meter entfernt bleiben sie stehen, Sichtkontakt. Eine Referendarin aus dem Anwaltsbüro nimmt auf einer Bank Platz.

Dann geschieht alles ganz schnell.

S. gelingt es, eine Hand aus seiner Fessel zu befreien - wie, das wird noch ermittelt. Blitzschnell öffnet er ein Fenster und steigt hinaus. Eine Kurzschlussreaktion vielleicht. S. hatte möglicherweise auch dieses Mal damit gerechnet, einem Haftbefehl zu entkommen. Auch sein Onkel wird später im NDR sagen, S. habe keinen Anlass gehabt zu fliehen. Auch er war davon ausgegangen, S. würde auf Kaution rauskommen.

Sekunden nachdem er durch das Fenster entwischt ist, stürzt Mohammed S. mehr als 20 Meter in die Tiefe.

Er sei geschubst worden, sagt seine Mutter später einer Lokalzeitung. Die Beamten hätten ihre Aufsichtspflicht verletzt, sagt sein Onkel.

Auch S.s Anwalt bekommt einen Anruf der Familie: Er hätte S. doch festhalten müssen. "Wir haben Verständnis, dass die Dinge im ersten Moment anders wahrgenommen wurden, als sie sich tatsächlich zutrugen", sagt der Chef der zuständigen Anwaltskanzlei, Roman von Alvensleben. Man habe kondoliert, nun halte man sich auf Anraten der Polizei aber erst einmal zurück.

Nach der Version der Staatsanwaltschaft kletterte S. zunächst jedoch eine Art Schacht hinab, in dem er sich auf beiden Seiten der Wand mit Beinen und Armen abstützte. Ein, zwei Meter habe er so geschafft.

Dann sei er an der nassen Fassade abgerutscht.

Am Absturzort treffen Polizisten und Angehörige aufeinander, der Notarzt wird gerufen, die Polizei fragt zum ersten Mal Verstärkung an. Es kommt zu Handgemengen, die Helfer werden bedroht und bedrängt.

Als ein Sanitäter sich über den reglosen S. beugt, wirft ein Angehöriger einen Stein nach ihm. "Spätestens da", sagt der Sprecher der Staatsanwaltschaft Hannover, Oliver Eisenhauer, höre jegliches Verständnis für das Verhalten der Familie auf.

Rettungskräfte vor dem Amtsgericht Hameln: Ein, zwei Meter geklettert
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Rettungskräfte vor dem Amtsgericht Hameln: Ein, zwei Meter geklettert

Ein Krankenwagen bringt S. in das Hamelner Sana-Klinikum. Während S. drinnen mit dem Tod ringt, fordern draußen vor der Notaufnahme seine Verwandten und Freunde Einlass. Die Gruppe hat sich vergrößert, um die 30 Menschen stehen in der Einfahrt. Zeugen berichten, sie seien aus Autos mit Kennzeichen aus Bremen, Hannover und Ostwestfalen gestiegen.

Die Situation eskaliert.

Als der Tod des 26-Jährigen festgestellt wird, fordern sie draußen seinen Leichnam und versuchen, in das Gebäude einzudringen. Aus dem Pulk der Angehörigen fliegen Steine auf die Notaufnahme und Polizisten. Erneut fordert die Polizei Verstärkung an, es ist nicht genug.

Scheiben splittern, ein Polizist wird von einem Stein im Gesicht getroffen, ein anderer bekommt einen Faustschlag verpasst. Zwölf weitere Polizisten erleiden Reizgasverletzungen. Einige Angreifer gelangen durch einen Hintereingang ins Gebäude. Beamte drängen die Eindringlinge zurück.

Die Notaufnahme muss vorübergehend schließen.

Polizeiaufgebot vor dem Klinikum in Hameln: Notaufnahme zeitweise geschlossen
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Polizeiaufgebot vor dem Klinikum in Hameln: Notaufnahme zeitweise geschlossen

Auftritte in Gruppen, Gewaltbereitschaft, Tumulte und Einschüchterungsversuche vor Gericht, überhaupt völlige Respektlosigkeit vor der Staatsgewalt - dieses Verhalten nennt die Polizei typisch für einzelne Mitglieder libanesisch-kurdischer Großfamilien. Nach Polizeiinformationen handelt es sich in diesem Fall um Angehörige der sogenannten Mhallamiye-Kurden. Kriminelle Mitglieder dieser Gruppe stellen Polizei und Justiz seit Jahren vor Probleme.

Viele der Mhallamiye-Kurden kamen in den Achtzigerjahren als Bürgerkriegsflüchtlinge nach Deutschland, konnten aber wegen des damaligen Ausländer- und Asylrechts nie richtig Fuß fassen. Viele sind offiziell staatenlos, auch wenn sie in Deutschland geboren wurden. Sie werden geduldet, bekommen aber keine Arbeitserlaubnis.

Manche lehnen die deutsche Rechtsordnung und ihre Werte bis heute ab. Laut Landeskriminalamt (LKA) wird allein in Niedersachsen gegen mehr als hundert kriminelle Mitglieder der Mhallamiye ermittelt, in Hannover, Hildesheim, Stade, Achim, Wilhelmshaven, Peine, Göttingen, Osnabrück, Braunschweig, Salzgitter, Lüneburg, Delmenhorst - und Hameln. (Lesen Sie hier mehr über kriminelle Clans in Deutschland)

Die Staatsanwaltschaft Hannover geht nun im Zusammenhang mit den Tumulten in Hameln Vorwürfen der schweren Körperverletzung, Sachbeschädigung und Landfriedensbruch nach. Dabei sehen sich die Ermittler alten Problemen gegenüber.

Bislang seien die Angehörigen ihre eigenen Zeugen. Selbst wenn es Kameramaterial von den Auseinandersetzungen vor der Notaufnahme gibt, dürfte es sehr schwer werden, einzelne Täter zu identifizieren. Derzeit werde behutsam mit dem Familienoberhaupt, dem Onkel des Toten, verhandelt, sagt Staatsanwalt Eisenhauer.

Am Freitagmorgen durchsuchten die Ermittler nun sechs Wohnungen in der Hamelner Innenstadt. Eine Operation, für die das SEK anrücken musste.

Laut Polizei hatten einige Angehörige Drohungen gegen Amtsträger und Polizisten ausgesprochen, zuletzt habe es Hinweise gegeben, wonach sich Verdächtige schwere Waffen beschafft hätten. In den Wohnungen fanden die Ermittler allerdings keine scharfen Waffen, sondern lediglich ein paar Schreckschusspistolen.

Auch diese Begegnung blieb wohl nicht ohne Handgreiflichkeiten. Ein Beamter wurde verletzt, eine Angehörige der Familie ebenfalls. Vier Personen wurden in Gewahrsam genommen. Sie wurden wieder freigelassen.

Mitarbeit: Jörg Diehl



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