Verbrechen in Hameln "Er machte seelenruhig weiter"

Ein Mann legt seiner Ex-Frau ein Seil um den Hals, befestigt es an seinem Auto und fährt los. Was führte zu der grausamen Tat in Hameln?

Tatort in Hameln
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Tatort in Hameln

Von und , Hameln und Hamburg


Der Schrei ertönte, als Sandra Weber gerade zu Abend aß. Sie rannte zum Fenster, dann habe sie einen Mann gesehen, der auf eine Frau einschlug. Sie lag am Boden. "Hilfe, Hilfe", habe die Frau gerufen. Weber riss das Fenster auf und rief: "Loslassen, oder ich hole die Polizei." Der Mann habe gesagt: "Mach doch."

Während Weber erzählt, macht sie immer wieder Pausen. Weber heißt eigentlich anders, sie will ihren Namen nicht in den Nachrichten lesen. Zu sehr wühlt sie das Ganze auf. Weber ist Augenzeugin einer Tat, die am Sonntag in Hameln geschah. Und die das Land bewegt, weil sie so grausam ist.

Der Polizei zufolge gerät das 28-jährige Opfer am Sonntag gegen 18 Uhr vor seinem Haus nahe dem Bahnhof in Streit mit seinem Ex-Partner. Er ist zehn Jahre älter und wohnt im nahen Bad Münder. Beide haben einen deutschen Pass und türkisch-kurdische Wurzeln. Sie sind Eltern eines kleinen Kindes.

Nachbarn berichten von einem Sorgerechtsstreit

Der Mann schlägt demnach auf die Frau ein, dann hängt er ihr einen Strick um den Hals, bindet das Seil an die Anhängerkupplung seines VW Passat - und braust los. Zügig fährt er um mehrere Straßenecken, nach etwa 250 Metern löst sich das Seil. Die Frau wird auf den Gehsteig geschleudert.

Passanten rufen die Rettungskräfte, später am Abend fliegt ein Hubschrauber die Schwerverletzte in ein Spezialkrankenhaus. Sie schwebt noch immer in Lebensgefahr. Der Mann stellt sich auf einer Polizeiwache und räumt die Tat ein.

Das Motiv bleibt unklar, der Tatverdächtige äußert sich dazu nicht. Möglicherweise, so berichten es Nachbarn, ging es um das Sorgerecht. Angeblich wollte der Mann keinen Unterhalt zahlen. Den Nachbarn zufolge habe der Vater am Sonntagabend das Kind wieder zur Mutter gebracht. Dann soll es zum Streit gekommen sein. Die Ermittler wollten sich dazu nicht äußern.

Die Szenen, die Augenzeugin Weber schildert, die etwa 30 Meter vom Tatort entfernt wohnt, deuten auf eine geplante Tat hin. Weber berichtet, der Mann habe einen Gegenstand vom Rücksitz geholt, einen Knüppel oder ein Messer, und auf sein Opfer eingeprügelt. Die Frau habe die ganze Zeit geschrien.

"Als sei sie gar nicht da"

Weber sagt, sie habe den Notruf gewählt und gefleht, schnell zu kommen. Ihre Mutter sei heruntergerannt, habe versucht, auf den Mann einzureden. "Doch er tat so, als sei sie gar nicht da und machte seelenruhig weiter", sagt Weber.

Dann sei der Mann losgefahren. Erst als die Frau über die Straße schleifte, sei ihr klar geworden, sagt Weber, dass das Opfer mit einem Seil an den Wagen gebunden war. "Es war der schlimmste Moment in meinem Leben."

Weber sagt, dass viele Nachbarn an den Fenstern gestanden und zugesehen hätten. Ihre Mutter sei die Einzige gewesen, die sich auf die Straße getraut hätte.

Die Amtsgericht Hameln hat gegen den mutmaßlichen Täter Haftbefehl erlassen wegen versuchten Mordes und gefährlicher Körperverletzung.



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