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31. Mai 2017, 18:41 Uhr

Urteil im Hameln-Prozess

"Töten, töten, töten"

Von , Hannover

Nurettin B. schleifte seine Ex-Frau bei Vollgas durch Hameln, der 39-Jährige muss dafür 14 Jahre in Haft. Für das Schmerzensgeld von 137.000 Euro soll das Tatauto als Anzahlung dienen.

Als das Urteil fällt, starrt Kader K. mit halboffenem Mund zur Richterbank, die Augen weit aufgerissen. Für 14 Jahre soll der Mann ins Gefängnis, der sie im vergangenen November um Haaresbreite getötet hätte. Ein ockerfarbenes Kopftuch und eine bunte Bluse verdecken ihre Narben, deutlich anzusehen ist der 28-Jährigen aber die Enttäuschung über dieses Urteil.

Die junge Mutter hatte gehofft, das Landgericht Hannover würde ihren früheren Partner Nurettin B. lebenslang ins Gefängnis schicken. Das wäre jedoch unangemessen, erklärt Richter Wolfgang Rosenbusch in seiner Urteilsbegründung - und direkt an Kader K. gewandt sagt er: "Die Aufgabe des Gerichts ist es nicht, Rache zu üben."

Der geständige Nurettin B., 39 Jahre alt, hatte seine Ex-Frau am 20. November vergangenen Jahres mit einem Messer und einer Axt schwer verletzt, sie an sein Auto gebunden und anschließend durch das niedersächsische Hameln geschleift.

Das Ziel dieser grausamen Tat war dem Richter zufolge von Anfang an der Tod der jungen Frau. Demnach wollte B. "das Opfer schinden", die Mutter seines Sohnes habe "auf sehr schmerzhafte Art sterben sollen". So habe Nurettin B. seine Verachtung zum Ausdruck bringen wollen.

Aus diesen Gründen hatten Nebenkläger und Staatsanwaltschaft eine lebenslange Gefängnisstrafe gefordert. In ihrem fast einstündigen Plädoyer sprach Staatsanwältin Ann-Kristin Fröhlich von einer "Greueltat", die wie Mord zu bestrafen sei. Detailliert schilderte sie, wie die Beziehung des nach islamischem Brauch verheirateten Paares nach der Geburt des gemeinsamen Sohns vor drei Jahren zerbrach, wie Gewalt und Hass an die Stelle von Liebe rückten - und alles in der "grauenvollen, widerlichen und abscheulichen Tat" des 20. Novembers mündete.

Die Staatsanwältin zeigte sich überzeugt, dass B. gezielt die grausame Tötung seiner Ex-Partnerin vorbereitet habe - weil sie seinen Lohn pfänden ließ, nachdem er den Unterhalt für das Kind nicht überwiesen hatte. Der gelernte Polsterer habe sich daraufhin den Plan zurechtgelegt, K. mithilfe von Messer, Axt und Seil umzubringen. Fröhlich beschrieb, wie er "mit gefühlloser und unbarmherziger Gesinnung" in ihr Herz gestochen, ihr mit der stumpfen Seite der Axt den Schädel zertrümmert und die blutende Frau schließlich mit dem Auto "wie ein Tier hinter sich hergezogen" habe - "mit Vollgas".

Das Seil löste sich demnach nur zufällig, der Körper der Frau wurde nach 208 Metern vor einen Imbiss geschleudert und von Passanten gefunden. "Sie wimmerte nur noch und konnte sich kaum noch bewegen", sagte Fröhlich, "sie hat nur durch ein Wunder überlebt." Die Nachwirkungen sind enorm: K. leidet unter Kopfschmerzen und Schlafstörungen, die Narben und eine posttraumatische Belastungsstörung werden womöglich für immer bleiben.

"Nicht nur dieser widerliche, grausame Verbrecher"

Diese Folgen der Tat waren zunächst Thema an diesem letzten Verhandlungstag, stundenlang stritten die Prozessbeteiligten vormittags über das Schmerzensgeld. 100.000 Euro bot B. über seine Verteidiger an, der Anwalt von Kader K. hatte 250.000 gefordert. Schließlich einigen sich die Parteien auf 137.000 Euro plus Zinsen. Ausgerechnet das Auto soll als Anzahlung dienen.

Die Verteidigung plädierte auf 14 Jahre Haft. Sein Mandant habe sich der Polizei gestellt, gleich zu Prozessbeginn ein umfassendes Geständnis abgelegt, Reue gezeigt und mit dem Schmerzensgeld-Angebot auch signalisiert, Verantwortung übernehmen zu wollen, sagte Anwalt Matthias Waldraff.

B. selbst hatte im Prozess lange geschwiegen, das sei eine Entscheidung "aus Rücksicht vor dem Opfer" gewesen, so die Verteidigung. Kurz vor dem Urteil äußerte sich der Täter dann doch und entschuldigte sich. Die Reue sei echt, sagte sein Anwalt. "Nurettin B. ist nicht nur dieser widerliche, grausame Verbrecher", so Waldraff in Bezug auf die anderen Plädoyers. Er sei auch ein fleißiger Mann, ein geschätzter Freund und Nachbar.

Erst die Trennung von Kader K. und der Tod seiner Mutter hätten ihn in eine tiefe Persönlichkeitskrise gestürzt, 2016 habe er unter Depressionen gelitten. Seine Tat sei nicht das Ergebnis von Hass, sondern von Ohnmacht. Daher sei eine Strafe von 14 Jahren Haft angemessen.

Ähnlich sah es dann auch Richter Rosenbusch: Einem so uneingeschränkten Geständnis begegne man selten, sagte er. Zudem seien B.s Bemühungen um eine Wiedergutmachung glaubwürdig.

Die Vertreter der Nebenklage teilten diese Sicht nicht. Raban Funk, der die Interessen von K.s dreijährigem Sohn vertrat, attestierte Nurettin B. ein "fast schon krankhaftes Ehrgefühl" als Tatmotiv, der 39-Jährige habe an jenem Novembertag immer wieder dasselbe Programm abgespult: "Töten, töten, töten."

Kader K.s Anwalt Roman von Alvensleben sprach in seinem Plädoyer von einer "barbarischen Tat", die seine Mandantin lebenslang zeichnen werde. "Sie ist und bleibt die geschleifte Frau", sagt er.

Kader K. brach während des gesamten Verhandlungstages immer wieder in Tränen aus, vergrub das Gesicht in den Händen, schluchzte. Zwar kam sie an diesem Tag nicht selbst zu Wort, ihr Anwalt richtete jedoch eine Botschaft seiner Mandantin aus. Diese soll anderen Frauen in schwierigen Beziehungen gelten: "Seid stark, wehrt euch, lasst euch nicht alles gefallen."

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