Neues Gutachten zum Anschlag von Hanau Tödliche Sekunden

Bei dem Anschlag von Hanau tötete ein Rechtsextremist neun junge Menschen – zwei von ihnen in der Arena Bar. Hätten die Männer überleben können, wenn sie zum Notausgang gelaufen wären?
Arena Bar in Hanau (Archivbild): Einer der Tatorte des rassistischen Anschlags in der hessischen Stadt

Arena Bar in Hanau (Archivbild): Einer der Tatorte des rassistischen Anschlags in der hessischen Stadt

Foto: ARMANDO BABANI/EPA-EFE/REX

Am 19. Februar 2020 tötete der Rechtsextremist Tobias Rathjen in Hanau neun junge Menschen mit ausländischen Wurzeln: auf offener Straße, in einem Auto, in einem Kiosk und in drei Bars. Angehörige der Opfer und Überlebende geben den Behörden eine Mitschuld an den Geschehnissen – dabei geht es unter anderem um einen womöglich verschlossenen Notausgang am sechsten Tatort, der Arena Bar am Kurt-Schumacher-Platz in der Kesselstadt.

Rathjen erschoss in der Bar zwei junge Männer: Said Nesar Hashemi und Hamza Kurtovic. Sie waren mit anderen Gästen in den hinteren Teil der Bar geflüchtet, wo sie in der Falle saßen.

Zwei Überlebende aus der Bar und die Familie Kurtovic erstatteten Anzeige gegen unbekannt: Durch einen Umbau hinter dem Tresen habe ein direkter Fluchtweg gefehlt, zudem sei der Notausgang in der Tatnacht von innen abgeschlossen gewesen. Das soll keine Ausnahme gewesen sein, Polizeibeamte hätten es gewusst und das Verschließen des Notausgangs sogar angeordnet, um bei Razzien eine mögliche Flucht von Besuchern zu verhindern.

Die Staatsanwaltschaft Hanau fand dafür keine Belege und stellte die Ermittlungen im August ein. Es habe sich nicht sicher klären lassen, ob der Notausgang wirklich verschlossen war, so die Ermittler. Mitarbeiter hätten ausgesagt, die Tür sei unverschlossen gewesen. Zudem stehe nicht fest, dass den Männern die Flucht durch einen unverschlossenen Notausgang tatsächlich hätte gelingen können.

Rathjen hatte nach den Morden von Hanau seine Mutter und anschließend sich selbst getötet. Vor Kurzem stellte auch die Bundesanwaltschaft ihr Ermittlungsverfahren zu dem Anschlag ein. Die Ermittler gehen davon aus, dass Rathjen allein handelte und niemand im Vorfeld von der Tat oder seinem Plan wusste. Somit wird es voraussichtlich kein Gerichtsverfahren in dem Fall geben.

»Diese verschlossene Tür hat meinen Sohn das Leben gekostet«

Die Hoffnungen der Hinterbliebenen ruhen daher nun auf dem Untersuchungsausschuss im hessischen Landtag. Dort kritisierte an diesem Montag Vater Armin Kurtovic die Einstellung des Verfahrens zum Notausgang in der Arena Bar. »Diese verschlossene Tür hat meinen Sohn das Leben gekostet«, sagte der 48-Jährige.

Auch der Bruder des ermordeten Said Nesar Hashemi sagte als Zeuge vor dem Untersuchungsausschuss aus. Said Etris Hashemi war in der Tatnacht selbst in der Bar und wurde schwer verletzt. »Der Notausgang war für uns keine Option, weil jedem klar war, dass er zu ist«, sagte er laut »Faz.net« .

Bewegung in die Frage zum Notausgang könnte nun ein Gutachten bringen, das das Recherchekollektiv Forensic Architecture im Auftrag der »Initiative 19. Februar« erstellt hat. Darin wird untersucht, ob die Personen in der Arena Bar genug Zeit gehabt hätten, vor dem Täter zu flüchten, wenn sie zum Notausgang gelaufen wären und dieser unverschlossen gewesen wäre. Die Untersuchung, deren Ergebnisse dem SPIEGEL vorliegen, kommt zu dem Schluss: »Alle fünf Personen hatten genug Zeit, um durch den Notausgang zu entkommen. Wenn der Notausgang offen gewesen ist, und sie das gewusst hätten, dann hätten sie alle den Anschlag überleben können.«

Schüsse im benachbarten Kiosk

Forensic Architecture hat die Aufnahmen der Überwachungskameras ausgewertet und so das Geschehen in der Bar rekonstruiert. Demnach lagen neun Sekunden zwischen dem Moment, in dem Said Etris Hashemi den Täter mit einer Waffe in der Hand sah, und jenem, in dem Rathjen die Bar betrat. In der Zwischenzeit tötete der Rassist in einem Kiosk im selben Gebäude drei Menschen: Gökhan Gültekin, Mercedes Kierpacz und Ferhat Unvar.

In dem Moment, in dem die Schüsse im Kiosk fielen, bewegten sich die Männer in der Arena Bar dem Gutachten zufolge schneller. Die Forscher analysierten die Laufwege der fünf Personen und bestimmten die jeweiligen Geschwindigkeiten. Diese übertrugen sie auf »hypothetische Pfade« in Richtung des Notausgangs und verlängerten sie mit der jeweiligen Höchstgeschwindigkeit – schließlich wären die Flüchtenden hier bei einer unverschlossenen Tür nicht in eine Sackgasse gelaufen. Den Berechnungen zufolge wären vier der fünf Personen in dem Moment, in dem Rathjen die Bar betrat, »vollständig außerhalb seines Sichtfelds« gewesen. Die fünfte Person wäre acht Meter entfernt gewesen und hätte sich »nur teilweise und für Sekundenbruchteile in seinem Sichtfeld« aufgehalten. Man halte es »für extrem unwahrscheinlich, dass es dem Täter in der ihm in unserem Szenario verfügbaren Zeit möglich gewesen wäre, auf die fünfte Person zu zielen und zu schießen und sie dabei zu treffen«, heißt es von Forensic Architecture.

Empfohlener externer Inhalt
An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Vimeo, der den Artikel ergänzt und von der Redaktion empfohlen wird. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.
Externer Inhalt

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Dieses Fazit steht im Widerspruch zu den Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft, die ebenfalls unter anderem auf Grundlage der Videoaufnahmen das Geschehen rekonstruierte. Die Ermittler bemessen das Zeitfenster für eine gefahrlose Flucht auf lediglich fünf bis sechs Sekunden – jenen Zeitraum, in dem Rathjen den angrenzenden Kiosk betrat und nach tödlichen Schüssen »schnellen Schrittes« wieder verließ. »Davor war der Eingangsbereich der Arena Bar und der Weg vom Schankraum zum Notausgang durch den Täter einsehbar und danach durch diesen versperrt«, heißt es im Bericht der Staatsanwaltschaft. »Eine Schussabgabe auf flüchtende Personen wäre durch den Täter möglich und zu erwarten gewesen.«

Der Notausgang in der Arena Bar

Darüber hinaus argumentierte die Staatsanwaltschaft, dass sich die Gruppe möglicherweise aufgrund des »natürlichen Fluchtinstinkts« von dem Täter weg in Richtung des Lagerraums bewegt habe. »Wären die Gäste der Bar ab dem Erkennen der Gefahr in Richtung Notausgang geflüchtet, wären sie dem Täter vermutlich in die Arme gelaufen oder hätten befürchten müssen, von ihm im Flur vor dem Notausgang von hinten angegriffen zu werden«, sagte Oberstaatsanwalt Dominik Mies im August. »Daher erscheint es durchaus möglich, dass sich die Opfer der Tat von Anfang an ihrem natürlichen Fluchtinstinkt folgend von der Gefahrenquelle wegbewegt haben, da sie keine Chance sahen, der Gefahr zu entkommen, wenn sie in Richtung des Täters laufen.«

Said Etris Hashemi hatte schon in seiner Befragung durch die Staatsanwaltschaft gesagt, dass der Notausgang geschlossen gewesen sei und sie aus diesem Grund nicht dorthin gerannt seien. Man müsse in so einer Situation schnell entscheiden, wird seine Aussage in der Mitteilung der Ermittler wiedergegeben. Auf die Frage, ob sie alle rechtzeitig durch einen unverschlossenen Notausgang hätten fliehen können, bekundete der Zeuge, dass er dies nicht zu hundert Prozent beantworten könne, heißt es bei der Staatsanwaltschaft: »Wahrscheinlich wären ›ein, zwei rausgekommen‹, es hätte vielleicht weniger Verletzte gegeben«.

Der Blick auf die entscheidenden Sekunden könnte sich durch das neue Gutachten verändern. Said Etris Hashemi jedenfalls zeigte sich laut »Frankfurter Rundschau«  überzeugt: »Wäre der Notausgang offen gewesen, hätten wir fünf überlebt.«

Dem Bericht zufolge will die SPD nun beantragen, die Autorinnen und Autoren des Gutachtens als Zeugen im Untersuchungsausschuss zu vernehmen.

bbr/dpa
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.