Mordprozess in Hanau "Sei nicht traurig, wenn Gott Jan holt"

Mehr als 30 Jahre nach dem Tod eines Vierjährigen hat der Prozess gegen seine mutmaßliche Mörderin begonnen: Bei Sylvia D. soll es sich um die Anführerin einer Sekte handeln. Für die Mutter des Jungen ist sie "wie eine Schwester".

Sylvia D. neben ihrem Anwalt Peter Hovestadt: Angeklagt wegen Mordes
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Sylvia D. neben ihrem Anwalt Peter Hovestadt: Angeklagt wegen Mordes

Von , Hanau


Zwei Jahre lang musste Oberstaatsanwalt Dominik Mies auf diesen Moment warten. Allein eineinhalb davon hatte das Landgericht Hanau seine Anklage geprüft, ehe sie zugelassen wurde. Nun erhebt sich Mies in Saal A 215 und wirft Sylvia D. vor, aus niedrigen Beweggründen und grausam einen Menschen getötet zu haben: Die 72-Jährige soll in den Mittagsstunden des 17. August 1988 den damals vier Jahre alten Jan in einen Leinensack eingeschnürt haben, um ihn umzubringen.

Die Frau soll als Anführerin einer Sekte den Jungen als von "den Dunklen besessen", als "Reinkarnation Hitlers" angesehen und ihn, der in Panik laut um sein Leben schrie, allein gelassen haben, bis er starb. Bei einer Außentemperatur von 32 Grad Celsius soll sie zuvor das Fenster und die Tür des Badezimmers, auf dessen Fußboden das Kind lag, geschlossen haben. "Jan, jetzt kannst du dein Schaugebrülle lassen. Ich geh' jetzt in den Garten, hier hört dich keiner", soll sie ihm zugerufen haben. Jan starb nach einem erbitterten Todeskampf, sagt Staatsanwalt Mies.

Die Angeklagte zeigt sich von seinen Worten ungerührt. Sylvia D. werde keine Angaben machen, sagt einer ihrer beiden Verteidiger. Der andere erklärt, sie bestreite die Vorwürfe; es gebe weder Beweise für eine Tötungshandlung noch eine eindeutige Todesursache. Ein Todeskampf des Kindes sei reine Spekulation der Anklage.

Und so beginnt an diesem Oktobertag ein Indizienprozess, der nicht nur den Tod des kleinen Jan H. aufklären soll, sondern auch die rätselhaften Umstände, unter denen er aufgewachsen war. Lebte die gelernte Kinderkrankenschwester Sylvia D. mit ihrem Ehemann Walter, einst Pastor und inzwischen verstorben, wie in einer Sekte? Scharrte sie etwa 30 Personen - darunter Akademiker, Pflege- und Adoptivkinder - um sich, denen sie eine Gehirnwäsche verpasste und die sie tyrannisierte?

Mutter des Jungen sieht Angeklagte als sehr gute Freundin

Der Todesfall ruhte mehr als 25 Jahre lang, weil im Ermittlungsbericht von 1988 der Tod des Jungen als Unfall vermerkt wurde: Demnach war Jan im Schlaf an erbrochenem Haferschleim erstickt, ein Fremdverschulden wurde ausgeschlossen. Öffentlich machte den Fall die "Frankfurter Rundschau" im Herbst 2014. Ihren Recherchen zufolge gibt es Aussteiger, die von körperlichen Übergriffen und psychischer Gewalt sprechen, die innerhalb der Gruppe üblich gewesen seien. Sie werden als Zeugen in diesem Verfahren auftreten.

Jans Eltern treten nicht als Nebenkläger auf. Im Gegenteil: Die Mutter des Jungen entpuppt sich an diesem ersten Verhandlungstag als perfekte Zeugin der Verteidigung. Die Akademikerin, 58 Jahre alt, bezeichnet Sylvia D. als "sehr gute Freundin", noch mehr als das: "Sie ist wie eine Schwester für mich." Noch immer sehe man sich zwar nicht täglich, aber sehr oft; man wohne in engster Nachbarschaft.

Das Haus, in dem Jans Eltern heute wohnen, wurde in dem Jahr gebaut, in dem der Junge starb. Die Familie H. war deshalb in der Zeit des Baus bei Familie D. eingezogen. Sylvia D. sei wie eine zweite Mutter für den Jungen gewesen, sagt die Mutter im Gericht. Und je mehr sie redet, desto mehr verstärkt sich der Eindruck, dass auch sie daran glaubt, dass Sylvia D. Botschaften von Gott erhält, die sie ausführt oder delegiert.

"Sie hat ihr Leben lang nach Gott gesucht und dadurch viel Weisheit bekommen und vielen Menschen helfen können", sagt die Mutter. Sylvia D. habe auch Bücher über ihre göttlichen Erfahrungen und ihre Träume geschrieben.

Jeder Mensch müsse sich damit auseinandersetzen, dass es zwei Seiten Gottes gebe: eine gute und eine schlechte. In diesem "Spannungsfeld" müsse sich jeder Mensch zurechtfinden, sagt Jans Mutter. Eine Fähigkeit, die scheinbar niemand so beherrscht wie Sylvia D. Oder wie es die Mutter nennt: "Frau D. hat ein sehr gutes Gespür für Menschen."

"Alle Kinder liebgehabt"

Sylvia D. treffe keine Schuld am Tod ihres Sohnes. Niemand sei im Haus der D.s "brutal behandelt" worden, betont die Mutter. "Ich weiß, dass Frau D. alle Kinder liebgehabt hat." Sie habe Sylvia D. bewundert dafür, wie sie mit ihren beiden leiblichen Söhnen und weiteren sieben Kindern, die sie zur Pflege oder adoptiert hatte, umgegangen sei.

Sylvia D. habe sie auf die Seite gezogen, als sie an jenem 17. August 1988 vom Einkaufen mit Walter D. ins Haus zurückgekehrt sei, erzählt die Mutter: "Sei nicht traurig, wenn Gott Jan holt", habe Sylvia D. gesagt. Erst danach habe Walter D. den kleinen Jan auf einer Matratze im Badezimmer gefunden, erstickt an seinem Erbrochenen. Aber: "Es gab nichts zu spekulieren", beharrt die Mutter vor Gericht.

Die Staatsanwaltschaft Hanau nahm im März 2015 die Ermittlungen neu auf, im Juli 2017 wurde die begrabene Leiche des Jungen exhumiert. Zwei Monate später erhob Oberstaatsanwalt Mies Anklage wegen Mordes. Der Vorwurf des Totschlags wäre längst verjährt.

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