Prozess gegen mutmaßliche Menschenhändler Das Elend in den "Thaihäusern"

Menschenhändler sollen Hunderte Frauen in Deutschland ausgebeutet haben - die Zwangslage der Opfer machte sie bei manchen Freiern besonders beliebt. Nun kommen die mutmaßlichen Hintermänner vor Gericht.

Bundespolizisten bei Großrazzia am 18. April 2018: "Das geht einem schon sehr nahe, in welchen Verhältnissen die Frauen da hausen mussten"
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Bundespolizisten bei Großrazzia am 18. April 2018: "Das geht einem schon sehr nahe, in welchen Verhältnissen die Frauen da hausen mussten"

Von Veronika Völlinger


In den frühen Morgenstunden des 18. April 2018 rücken in ganz Deutschland mehr als 1500 Bundespolizisten und acht Staatsanwälte zu einer Razzia aus. Auch Spezialkräfte der GSG 9 sind an der Aktion beteiligt. Ihr Ziel sind 62 Bordelle, Wohnungen und Büros in zwölf Bundesländern, die meisten in Nordrhein-Westfalen. Die Polizisten führen junge Thailänderinnen aus den Häusern, viele der Frauen verstecken ihr Gesicht unter Kapuzen oder Handtüchern. "Das geht einem schon sehr nahe, in welchen Verhältnissen die Frauen da hausen mussten", sagte eine Polizistin im Anschluss dem Sender "N-TV".

Die Thailänderinnen sollen in den Bordellen als Prostituierte gearbeitet und von einem bundesweit verzweigten Netzwerk organisierter Rotlicht-Kriminalität ausgebeutet worden sein. "Viele Hunderte Frauen und Männer waren der menschenverachtenden grenzenlosen Profitgier von Schleusern über Jahre und Landesgrenzen hinweg ausgeliefert", sagte Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) nach der Razzia - der personell größten in der Geschichte der Bundespolizei.

An diesem Dienstag beginnt im hessischen Hanau der Prozess gegen die mutmaßlich führenden Köpfe hinter dem Menschenhändlerring: angeklagt sind vier Thailänderinnen und ein Deutscher. Sie betrieben Bordelle in Maintal und Siegen. Die Anklage wirft ihnen gewerbs- und bandenmäßiges Einschleusen von Ausländern vor sowie Ausbeutung, Zuhälterei und Zwangsprostitution.

Die Personen, die laut Staatsanwaltschaft ausgebeutet wurden, waren besonders verletzliche Opfer: Ausländerinnen, die kaum Deutsch sprechen und ihre Rechte nicht kennen. Einige der Prostituierten sind Transfrauen, in Thailand unter dem Namen Ladyboys bekannt. "Für den Erfolg des Prozesses kommt es auch darauf an, dass Richterinnen und Staatsanwälte zum Thema Menschenhandel und Ausbeutung geschult sind, damit sich Zeuginnen sicher fühlen", sagt Livia Valensise von der Organisation Ban Ying, die thailändische Opfer von Menschenhandel berät.

In dem Verfahren wird es aber auch um Wirtschaftskriminalität gehen: Die Angeklagten sollen 2,8 Millionen Euro Steuern hinterzogen und 1,8 Millionen Euro Sozialversicherungsbeiträge nicht gezahlt haben.

Im Rotationsprinzip Wechsel zwischen mehreren Bordellen

Die Thailänderin Daeng B., 60 Jahre alt, gilt als Cheforganisatorin des Netzwerks. B. betrieb in Siegen zusammen mit ihrem 63-jährigen deutschen Mann Martin J. - er ist ebenfalls angeklagt - mehrere Bordelle. Die Staatsanwaltschaft wirft ihr vor, über bisher unbekannte Helfer in Thailand Frauen mit erschlichenen Touristenvisa in den europäischen Schengenraum geschleust zu haben. Den Ermittlern zufolge soll das Netzwerk mindestens 150 bis 200 Frauen so nach Europa gebracht haben, von 39 Betroffenen konnten sie die Personalien und Einreisedaten ermitteln. Bei den drei weiteren Angeklagten handelt es sich um die Hausdame eines Bordells in Siegen und zwei Bordellbetreiberinnen aus Maintal.

Die Opfer sollen gewusst haben, dass sie anschaffen gehen sollten - aber nicht, zu welchen Bedingungen. In Deutschland habe Daeng B. die Frauen die Schleuserkosten von 16.000 bis 36.000 Euro abarbeiten lassen, glaubt die Staatsanwaltschaft. Auch beim Aufenthaltsort sollen die Prostituierten keine Wahl gehabt haben. Im Rotationsprinzip sollen die Beschuldigten sie alle paar Wochen oder Monate von einem Bordell zum nächsten verfrachtet haben.

Im Video: Menschenhandel - Wie Frauen aus Nigeria zwangsprostituiert werden

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Einen ersten Einblick in die Struktur des mutmaßlichen Menschenhändlerrings gab Anfang des Jahres ein Prozess in Baden-Baden. Dort wurden bereits Mitglieder des Netzwerks verurteilt. Eine Bordellbetreiberin muss drei Jahre in Haft. Helfer erhielten Bewährungsstrafen. Noch ist das Urteil nicht rechtskräftig.

"Keine Möglichkeit mehr, eigenverantwortlich zu entscheiden", hätten die Prostituierten gehabt, weder über Freier, noch über Sexpraktiken, sagte der Richter in Baden-Baden. Die verurteilte Bordellbetreiberin habe die Pässe der Frauen eingezogen. Die Hälfte der Einnahmen seien an sie gegangen, die andere Hälfte hätten die Frauen abgeben müssen, um für die Schleusung zu bezahlen. Die Zusammenarbeit zwischen der Bordellbetreiberin im baden-württembergischen Rastatt und der Siegener Hauptbeschuldigten Daeng B. beschrieb er als "gewisses eingespieltes System".

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Großrazzia der Bundespolizei: Zugriff am frühen Morgen

Ein früherer Weggefährte der Beschuldigten Daeng B. und Martin J. aus dem Siegener Nachtleben kann die Vorwürfe der Zwangsprostitution kaum glauben. Doch dass nicht alles in den Bordellen legal ablief, sei klar. Die jungen Thailänderinnen seien "sehr begehrt bei den Herren" gewesen, auch weil sie "sehr unanständige" Praktiken angeboten hätten. Sex ohne Kondom ist in deutschen Bordellen verboten, doch in "Thaihäusern" gehört die Praktik dem Rotlichtunternehmer zufolge dazu. "Das ist eine Sache des Preises."

Beiträge in Freier-Internetforen stützen diese Einschätzung. In der Zeit vor der Razzia tauschen sich dort Männer über Prostituierte aus zwei Bordellen der Siegener Hauptbeschuldigten aus. Sie empfehlen sich gegenseitig Frauen oder fragen, wie viel Aufpreis sie für Sex ohne Kondom gezahlt haben. In einem Etablissement sei es möglich, "manchmal einen blank zu versenken", schreibt ein Freier. Er bemerkt auch den Ringtausch: "Zwischen den beiden Adressen wechseln ja auch teilweise die Damen!"

Dass sich durch den Prozess etwas grundsätzlich am Geschäftsmodell der Bordelle ändert, ist zweifelhaft. Er glaube, sagt der Rotlicht-Bekannte der Siegener Beschuldigten, dass der Betrieb in der Hälfte der Bordelle trotz allem weitergehe.

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