Tödliche Schüsse in Hanau Die Wahnwelt des mutmaßlichen Attentäters

Ein 43-Jähriger soll in Hanau zehn Menschen erschossen haben, zuvor verfasste er eine Art Pamphlet. Der Text offenbart die verstörende Weltsicht eines Rassisten.
Projektil liegt auf dem Pflaster in Hanau: Krude Gedankenwelt

Projektil liegt auf dem Pflaster in Hanau: Krude Gedankenwelt

Foto: KAI PFAFFENBACH/ REUTERS

Allzu viel ist über den Mann, der im hessischen Hanau zehn Menschen und sich selbst getötet haben soll, offiziell bislang nicht bekannt. Texte und Videos des mutmaßlichen Mörders sowie Einschätzungen der Sicherheitsbehörden ermöglichen jedoch eine Einschätzung: Tobias R. lebte offenbar in seiner eigenen Welt.

Eigenen Angaben zufolge führte der gebürtige Hanauer nach außen ein unauffälliges, bürgerliches Leben: Nach Abitur und Zivildienst ließ er sich erst zum Bankkaufmann ausbilden und studierte anschließend BWL in Bayreuth. Eine Freundin oder Frau hatte er demnach nie, darüber hinaus ist über sein Privatleben bislang wenig bekannt.

Behördlich ist der 43-Jährige nach SPIEGEL-Informationen ein unbeschriebenes Blatt, weder dem Verfassungsschutz noch der Polizei war er vor der Tat bekannt. Laut Hessens Innenminister Peter Beuth gehen die Behörden inzwischen von einem rechtsextremen Hintergrund der Tat aus, R. war offenbar ein militanter Rassist.

Dazu passen die Angaben, die der mutmaßliche Attentäter von Hanau in einem Bekennerschreiben gemacht hat, das er vor der Tat im Internet veröffentlichte. In dem 24-seitigen Dokument, das dem SPIEGEL vorliegt, schreibt Tobias R.  über seinen Lebensweg, vermeintliche Erkenntnisse und seine ideologischen Überzeugungen. Die Ermittler gehen nach SPIEGEL-Informationen davon aus, dass der Text authentisch ist.

Der 43-Jährige schreibt, dass Tausende Deutsche von einem ominösen Geheimdienst überwacht würden. Dieser, so heißt es in dem Schreiben, habe Mitarbeiter, "welche in der Lage sind, die Gedanken eines anderen Menschen lesen zu können und darüber hinaus fähig sind, sich in diese 'einzuklinken' und bis zu einem gewissen Grad eine Art 'Fernsteuerung' vorzunehmen." (Wir zitieren hier und im Folgenden in Originalschreibweise, Anm. d. Red.)

Die Idee, überwacht zu werden, verfolgte ihn demzufolge während der gesamten Kindheit und Jugend. Später, im Alter von 22 Jahren, sei daraus eine Gewissheit geworden.

Einen Großteil des Schreibens macht eine Erläuterung der rassistischen und rechtsextremistischen Weltsicht von Tobias R. aus. Schon als junger Mann habe er die Meinung entwickelt, dass das "schlechte Verhalten bestimmter Volksgruppen" ein Problem sei. Er behauptet auch, dass der Islam "destruktiv" sei.

All diese Erörterungen sind über weite Strecken kohärent formuliert, so abwegig viele der vorgebrachten Argumente und Gedankengänge auch sind. Das Pamphlet offenbart die krude Weltsicht eines offenkundig psychisch auffälligen Rassisten (über die aktuellen Entwicklungen halten wir Sie hier auf dem Laufenden).

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Elf Tote in Hanau: Bluttat am Heumarkt

Foto: ARMANDO BABANI/EPA-EFE/REX

"Diese Menschen sind äußerlich instinktiv abzulehnen und haben sich zudem in ihrer Historie nicht als leistungsfähig erwiesen", schreibt er über Zuwanderer, und: "Umgekehrt lernte ich mein eigenes Volk kennen, als ein Land, aus dem das Beste und Schönste entsteht und herauswächst, was diese Welt zu bieten hat." Die Deutschen "hätten die Menschheit als Ganzes emporgehoben".

Er zählt unter anderem mehr als zwei Dutzend Staaten auf, deren Bevölkerung seiner Meinung nach vernichtet werden müsste, und fabuliert über die Frage, wie viele Deutsche "reinrassig und wertvoll" seien ("eine Halbierung der Bevölkerungszahl kann ich mir vorstellen"). R. wirft zudem die Frage auf, ob die Menschheit insgesamt eine "Siegerspezies" sei, die irgendwann die Frage beantworten könne, "was hier eigentlich los ist".

Wie irrational diese Gedankenwelt ist, zeigt sich an einer Passage, in der es um Zeitreisen geht: "Zudem müssen wir eine ‚Zeitschleife‘ fliegen und den Planten, den wir unsere Heimat nennen, zerstören, bevor vor vielen Milliarden Jahren das erste Leben entstand. Denn wir können nicht, dass was alles jemals auf dieser Erde passiert ist, das Millionenfache Leid dass Menschen erlitten haben, so stehen lassen."

R. bindet in seine Argumentation zudem den Fußballtrainer Jürgen Klopp, Hollywoodfilme, den DFB und Lehrveranstaltungen an der Universität Bayreuth ein. Darüber hinaus beschäftigt sich der Text ausführlich mit der Frage, ob die "Totalvernichtung" ganzer Staaten legitim sein könnte, wann die USA als globale Supermacht abgelöst und welche Technologien das 21. Jahrhundert prägend verändern werden.

Besonders viel Raum nimmt die Frage ein, welche Rolle China künftig spielen wird. Schließlich erläutert der Autor eine Art militärische Langzeitstrategie, mit deren Hilfe die USA und ihre Verbündeten den angeblich unvermeidbaren Krieg gewinnen könnten.

"Das Privileg, meine Gehirnkapazität zu trainieren"

R. offenbart sich in dem Text zudem als Anhänger des derzeitigen US-Präsidenten. Er greift nicht nur Donald Trumps Idee einer Mauer zu Mexiko auf, sondern schreibt auch, dass ein Milliardär "das Ruder übernehmen sollte, da dieser aufgrund seiner Persönlichkeit am ehesten in der Lage ist, die wirtschaftlichen Weichen für die USA zu stellen".

R. zeigt sich überzeugt, dass Trump seine Ideen bereits umsetze - allerdings unwissentlich, "über die sogenannte Fernsteuerung". Das alles passt zu einer Botschaft, die R. in einem Video an das US-amerikanische Volk gerichtet hat. Darin warnt er vor unterirdischen Militärbasen: "In manchen davon wird der Teufel persönlich angebetet. Sie missbrauchen, foltern und töten kleine Kinder."

Zweifel an seinen Ideen oder an seiner Zurechnungsfähigkeit hatte Tobias R. bis zuletzt offenkundig nicht. Auf der vorletzten Seite seines Pamphlets schreibt er: "Ich kam somit in das Privileg in den letzten 18 Jahren anhand dieser Meilensteine mitzudenken und meine Gehirnkapazität anhand dieser strategischen Signale zu trainieren."