Prozess wegen rassistischer Beleidigungen »Ich greife Sie nicht an, Sie brauchen keine Angst haben«

Der Vater des Attentäters von Hanau verbarrikadierte sich zu Hause, musste gefesselt vorgeführt werden und leistete sich vor Gericht einen verstörenden Auftritt. Stumm blieb er nur nach dem Urteil.
Aus Hanau berichtet Julia Jüttner
Angeklagter Hans-Gerd R. vor dem Amtsgericht Hanau: Der Gutachter hält ihn für egozentrisch und völlig unempathisch

Angeklagter Hans-Gerd R. vor dem Amtsgericht Hanau: Der Gutachter hält ihn für egozentrisch und völlig unempathisch

Foto: Boris Roessler / dpa

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Der Mann, der in der Nacht des Attentats von Hanau gefesselt abgeführt wurde, trägt an diesem Mittwoch erneut Handschellen. Im karierten Hemd betritt Hans-Gerd R. den Brüder-Grimm-Saal im Congress Park, den das Amtsgericht Hanau zum Sitzungssaal umfunktioniert hat. Eigentlich geht es um vergleichsweise kleine Delikte. Doch wohin er schaut: Fotografen, Kamerateams, neugierige Blicke. Der 74-Jährige steht vor allem wegen der schrecklichen Tat seines Sohnes im öffentlichen Interesse. Der Sohn hatte am Abend des 19. Februar 2020 neun Menschen mit migrantischen Wurzeln erschossen, anschließend die eigene Mutter und sich selbst.

Als Hans-Gerd R. in jener Nacht in Handschellen im Polizeitransporter saß, war unklar, welche Rolle er spielte. War er eingeweiht? Teilte er die rassistische Weltanschauung seines Sohnes? Welchen Einfluss hatte er auf den 43-Jährigen? Den Ermittlungen zufolge gibt es bis heute keine Anhaltspunkte für eine Verwicklung in die Tat des Sohnes. Das Verfahren vor dem Amtsgericht Hanau lässt nun jedoch zumindest den Schluss zu, dass die beiden Männer sich in ihrem wahnhaften Blick auf die Welt sehr ähnelten.

Angeklagt ist Hans-Gerd R. wegen Beleidigung in drei Fällen. Zu Unrecht, meint er und tut an diesem Mittwochmorgen das, was er in unzähligen Schreiben an das Gericht ankündigte: Er kommt nicht. Um 9.03 Uhr stellt Richterin Judith Schlootz nüchtern fest, dass R. »trotz ordnungsgemäßer Ladung« nicht erschienen sei. Sie gibt ihm weitere 15 Minuten und ordnet schließlich »die polizeiliche Vorführung« des Angeklagten an.

»Sie sind nicht mein Verteidiger!«

Die Polizei findet Hans-Gerd R. in seinem Haus vor, er öffnet nicht. R., in Husum geboren, war Ingenieur bei einer Baufirma, in Rente arbeitete er ein paar Jahre als Forstarbeiter. Zwei Stunden nach dem geplanten Verhandlungsbeginn steht er schließlich vor dem Richtertisch. Er will sich nicht setzen, er will kein Mikrofon, er will keinen Pflichtverteidiger. »Sie sind nicht mein Verteidiger!«, blafft R. den Anwalt an, der ihm zur Seite gestellt wurde.

Er habe in seinem Schlafzimmer im Bett gelegen, während mehr als ein Dutzend Polizeibeamte »rechtswidrig« bei ihm eingebrochen seien. Sie hätten zudem eine Scheibe eingeworfen, randaliert, Gegenstände demoliert und ihm Fesseln angelegt, echauffiert sich R. und weigert sich, seine Personalien anzugeben. »Ich bin gefangengenommen worden. Damit wissen Sie ja, wer ich bin.«

R. redet sich in Rage. Er steht dabei keine zwei Meter entfernt von Richterin Schlootz. »Ich greife Sie nicht an, Sie brauchen keine Angst haben«, sagt er. »Ich habe keine Angst«, entgegnet Schlootz. Sie gestattet dem 74-Jährigen, stehenzubleiben und zwischen ihr und dem Staatsanwalt hin- und herzugehen.

Rechter Terror in Hanau

Am 19. Februar 2020 tötete ein 43-jähriger Deutscher in Hanau neun Menschen aus rassistischen Motiven: Ferhat Unvar, Gökhan Gültekin, Hamza Kurtović, Said Nesar Hashemi, Mercedes Kierpacz, Sedat Gürbüz, Kaloyan Velkov, Vili Viorel Păun, Fatih Saraçoğlu. Der Täter mordete an verschiedenen Orten der Stadt, darunter in einer Shishabar am Hanauer Heumarkt und in einem Kiosk im Stadtteil Kesselstadt. Später erschoss er im Haus seiner Eltern seine Mutter und sich selbst. Vor der Tat verfasste er ein Pamphlet, das er online veröffentlichte. Darin offenbarte er sein rassistisches, von Verschwörungstheorien geprägtes Weltbild.

R. lehnt die Richterin wegen der Besorgnis der Befangenheit ab. Auch will er den forensischen Sachverständigen, der die Schuldfähigkeit bewerten soll, des Saals verweisen. Dieser kenne nur die Aktenlage und könne nicht beurteilen, ob er psychisch krank sei, sagt der Angeklagte. Der Gutachter beobachtet den merkwürdig anmutenden Auftritt genau und macht sich Notizen. Es ist offensichtlich: R. torpediert durch sein Gebaren seine eigenen Argumente.

Wirrwarr aus rassistischen Sätzen

Seine Ausführungen werden immer kruder. Staatsanwalt Martin Links gibt schließlich zu Protokoll, polizeiliche Maßnahmen zu verhängen, sollte der Angeklagte weiter die Verhandlung stören. Hans-Gerd R. hält inne, als nehme er diese Warnung ernst.

Erst gegen Mittag kann der Staatsanwalt die Vorwürfe vortragen. Bei einer Mahnwache im vergangenen Dezember in der Nähe seines Hauses soll R. die rund 30 Teilnehmerinnen und Teilnehmer, darunter Angehörige der Opfer des Anschlags, mehrfach als »wilde Fremde« bezeichnet haben. R. habe dadurch seine »Missachtung« gegenüber diesen Menschen zum Ausdruck gebracht.

Im selben Monat soll er dem Generalbundesanwalt einen Brief geschrieben haben. Darin nannte er das Spezialeinsatzkommando (SEK) des Polizeipräsidiums Frankfurt am Main, das sein Haus in der Nacht des Anschlags stürmte, »Terrorkommando« und »Terroreinheit«. Das Schreiben ist ein Wirrwarr aus rassistischen, verschwörungsideologischen Sätzen. Zudem soll R. in einem Brief an das Amtsgericht Hanau den Oberbürgermeister Claus Kaminsky beleidigt haben.

»Mord an meinem Sohn und an meiner Frau«

Hans-Gerd R. lauscht schweigend, an einigen Stellen erhebt er den linken Zeigefinger, als wolle er die Zuschauer im Saal auf die erwähnten Passagen besonders aufmerksam machen. Im Anschluss verliert er sich erneut in Forderungen nach Befangenheitsanträgen und Kritik, kein rechtliches Gehör zu finden.

Die Richterin trägt Schriftsätze vor, die R. verfasst hat. Es gefällt ihm, wie seine Theorien nun in der Öffentlichkeit ausgebreitet werden. Als Schlootz mangels Relevanz auf einen Teil verzichten will, besteht R. darauf, alle seine Ausführungen vorzulesen. Darin schreibt R. über die »Vorfälle von Hanau«, gemeint ist das Attentat, bei dem sein Sohn neun Menschen erschoss. Er spricht von »Mord an meinem Sohn und an meiner Frau« und von »Mordversuch« an ihm selbst. Er schürt Zweifel am Tod des hessischen Finanzministers Thomas Schäfer, verbreitet Verschwörungstheorien zum NSU und fordert die Entlassung von Innenminister Horst Seehofer.

Hans-Gerd R. forderte nach dem Attentat die beschlagnahmten Tatwaffen und die Munition seines Sohnes zurück; er verlangte die Entfernung von Gedenkstätten für die Opfer des Anschlags; er beklagte, dass den Getöteten und Überlebenden die Ehrenplakette der Stadt Hanau verliehen wurde, und er beantragte, die Homepage wieder freizuschalten, über die sein Sohn seine Verschwörungsideologie und ein rassistisches Manifest veröffentlicht hatte. Der Duktus ähnelt verblüffend dem des Vaters vor Gericht.

Egozentrisch, wahnhaft, völlig unempathisch

Der Gutachter charakterisiert R. als egozentrisch, selbstverliebt, unreflektiert und völlig unempathisch für die Bedürfnisse seiner Umgebung. Er attestiert R. zwar ein hohes kognitives Niveau und eine rhetorische Begabung, aber auch eine wahnhafte Störung, die nicht behandelbar sei. Der Angeklagte folgt dem Vortrag aufmerksam.

R. sei einer, der diesen Prozess als Bühne nutze und die Festnahme am Morgen selbst provoziert habe, um noch mehr Aufmerksamkeit zu erzeugen. Auch habe er die Nähe zur Presse gesucht, um »besonders groß ins Bild zu kommen«. Der Angeklagte fühle sich als Opfer des Systems; er bestreite die Taten seines Sohnes und glaube an Verschwörungen und die Beteiligung von Geheimorganisationen, die für den Tod seines Sohnes und den seiner Frau verantwortlich seien. Alles sei »ein großes Unheil, das der Familie R. widerfahren ist«, fasst der Sachverständige die Sicht des Angeklagten zusammen. Dessen Beleidigungen entspringen demnach rechtsextremem Gedankengut.

Der Gutachter hält R. allerdings für steuerungs- und einsichtsfähig. So verhielt er sich auch, als Richterin Schlootz nach 14 Uhr eine 20-minütige Mittagspause einlegte und R. belehrte: Sollte er sich in der Pause aus dem Staub machen, werde auch ohne seine Anwesenheit weiterverhandelt. R. blieb und plädierte am Abend selbst, bis die Richterin ihm nach 55 Minuten das Wort entzog.

Sie verurteilte ihn schließlich zu 90 Tagessätzen à 60 Euro. Ihm sei es darum gegangen, die Menschen zu »verunglimpfen und herabzusetzen«, so Schlootz. »Die Diffamierung der Personen stand im Vordergrund.«

R. bekam diese Worte allerdings nicht mehr mit. Er verließ den Saal direkt nach dem Urteilsspruch. Wortlos.

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