Rassistische Morde Der Wahnsinn von Hanau

Ein Rassist erschoss in Hanau zehn Menschen und tötete sich selbst. Wie gehen die Menschen in der Stadt mit dem Terror um?
Eine Stadt im Ausnahmezustand: Hanau trauert um die Opfer des Attentats

Eine Stadt im Ausnahmezustand: Hanau trauert um die Opfer des Attentats

Foto: ODD ANDERSEN/ AFP

Es ist unerträglich anzusehen und vor allem anzuhören: 45 Sekunden, festgehalten im Video. Der Film macht ab Mitternacht in den sozialen Medien die Runde. Eine Frau schreit ihre Trauer heraus, schlägt aus Verzweiflung auf einen Polizisten ein, der den Tatort am Hanauer Heumarkt absperrt. Eine Angehörige ist gerade erschossen worden. Auch andere Menschen weinen. Der Film ist ein Zeugnis größten Leids.

Hinter dem Flatterband der Polizei liegen die Lokalitäten "La Votre" und "Midnight Shisha Bar". Ein Mann hatte dort am Mittwochabend gegen 22 Uhr auf Menschen geschossen. Er fuhr weiter, zwei Kilometer, in den Ortsteil Kesselstadt und tötete dort in dem "Kiosk Arena Sports Bar" weitere Menschen. Später ermordete er zu Hause wohl seine Mutter und tötete sich selbst. Insgesamt elf Leben forderte der Wahnsinn.

Abgesehen von dem mutmaßlichen Täter Tobias R. und seiner Mutter hatten alle Opfer ausländische Wurzeln. Die Ermittlungsbehörden gehen daher von einem rassistisch motivierten Anschlag aus. Auch Pamphlete und Videobotschaften, die R. hinterließ, weisen in diese Richtung. Der Generalbundesanwalt und das Bundeskriminalamt haben den Fall übernommen.

Eine Stadt im Ausnahmezustand

Am Tag nach der Blutnacht befindet sich die knapp 100.000 Einwohner große Stadt Hanau im Ausnahmezustand. Es ist eine Stimmung, die zwischen Trauer, Schock und Sensationslüsternheit changiert. Als am Donnerstagmittag um 14.30 Uhr Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) und der hessische Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) an einem der Tatorte eintreffen, drängen sich Journalisten, Neugierige, Angehörige und Anwohner. Viele Bürgerinnen und Bürger wirken sprachlos, sollen dann aber, als die Polit-Prominenz im Konvoi weiterzieht, den Kamerateams Rede und Antwort stehen. Wer weiß was? Wer hat was gesehen? Wer kannte die Opfer?

Vielen sind Unsicherheit und Verzweiflung ins Gesicht geschrieben. Eine Jugendliche mit Kopftuch erzählt, sie habe Angst, in Shishabars zu gehen. Doch sie verstehe nicht, warum das so sein müsse. "Mensch ist Mensch", sagt sie. (Lesen Sie hier einen Kommentar zu dem Verbrechen)

Neben ihr steht der Vater - türkische Wurzeln habe er, sagt der Mann, sei aber in Deutschland aufgewachsen. Er erzählt, was er weiß oder zu wissen glaubt. Nicht alles passt mit dem aktuellen Ermittlungsstand zusammen. Der Täter sei bestimmt nicht allein gewesen und auch nicht über 40, so wie der gerannt sei, sagt er. Er habe das auf einem Video gesehen, das die Überwachungskamera vor dem Imbiss seines Cousins aufgenommen habe. Keine 24 Stunden nach den Morden kursieren Gerüchte und Spekulationen. So schnell wird in Hanau keine Ruhe einkehren.

Vor dem zweiten Tatort, dem Kurt-Schumacher-Platz in Hanau-Kesselstadt, haben sich Anwohner und Angehörige eines der Opfer versammelt. Die Polizei hat den Kiosk "Arena", in dem Tobias R. um sich schoss, weiträumig abgesperrt. Die Menschen sind völlig konsterniert, dass es gerade in ihrem Viertel geschah, wo viele Nationen zusammenleben und fast jeder jeden kennt.

"Ich kannte die alle"

Manche lassen ihrem Unmut freiem Lauf. Sie fühlten sich als Migranten vom Staat nicht ausreichend geschützt, sagen sie. Sie verweisen auf andere rechtsextremistische Anschläge in den vergangenen Monaten. "Ich wohne seit 50 Jahren hier", sagt einer der Männer. "Ich kannte die alle." Er meint die Opfer und gibt zu bedenken, dass man die Gefahr rechtsextremer Taten viel zu lange unterschätzt habe. Frauen legen weiße Rosen vor dem Absperrband am Tatort nieder.

Drei Gehminuten entfernt fand der Terrorakt von Tobias R., 43, mitten in der Nacht sein Ende. "Zwischen 22 und 23 Uhr brach die Hölle los", sagt Dieter Hog. Der 72-Jährige kann von seiner Haustür auf das schlichte Reihenhaus schauen, in dem R. mit seinen Eltern wohnte. Polizeiwagen seien mit Blaulicht durch die Straßen gerast. Auch ein Hubschrauber kreiste immer wieder über die Siedlung aus den Sechziger- und Siebzigerjahren.

Mehrere Nachbarn erzählen, sie hätten zunächst einen schweren Verkehrsunfall vermutet. Aber die Sirenen verstummten nicht. "Das ging über Stunden", sagt der Rentner Hog. Gegen zwei Uhr morgens hielten dann Einsatzfahrzeuge vor den Reihenhäusern, schwer bewaffnete Beamte schwärmten aus. Die Anwohner berichten von einer Lautsprecherdurchsage der Polizei und anschließend einem lauten Knall. Offenbar sei die Haustür des Reihenhauses der Familie R. gegen drei Uhr aufgesprengt worden, sagen sie.

Sichtlich erschüttert

Am Tag danach ist Hog noch fassungslos. Er blickt zu der Häuserreihe, die jetzt mit Flatterbändern der Polizei abgesperrt ist. Die Beamten sind immer noch vor Ort und sichern Spuren. "Das ist eigentlich eine ganz ruhige Gegend hier", sagt er. In der Nähe gibt es ein evangelisches Gemeindezentrum, eine Schule, einen Kindergarten. Aber auch der Kiosk, der zweite Tatort, an dem Tobias R. vergangene Nacht mehrere Menschen erschoss, ist nur wenige Hundert Meter entfernt.

Er selbst habe den mutmaßlichen Täter kaum gekannt und auch dessen Eltern nicht besonders gut, sagt Hog. Er könne nichts über sie erzählen. Er sei aber erschrocken, als er heute Vormittag in den Nachrichten gehört habe, dass es sich bei dem Täter offenbar um einen Rassisten gehandelt habe. Er habe nie gedacht, dass so etwas in seinem Viertel möglich sei, so Hog. "Aber man kann sich mit nichts mehr sicher sein", sagt er. Und: "So etwas kann heute leider überall passieren."

DER SPIEGEL

Etwa 200 Meter vom Haus des Täters entfernt liegt ein Jugendzentrum. Die Menschen dort sind am Tag danach sichtlich erschüttert, sie wollen nicht viel sagen. Sie hätten viele der Opfer gekannt und teilweise erst vor wenigen Minuten davon erfahren.

Am Donnerstagabend füllt sich der Marktplatz. So voll war es dort vermutlich lange nicht. Hunderte Menschen haben sich versammelt und gedenken der Toten. Die Normalität, das Gefühl von Sicherheit und Frieden, ist in diesem Moment sehr weit entfernt vom Zentrum Hanaus in Hessen.

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