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22. April 2015, 07:34 Uhr

Polizeigewalt gegen Schwarze in USA

Sie wehren sich - mit der Kamera

Von , New York

In Baltimore, USA, ist erneut ein Afroamerikaner nach einer Konfrontation mit Polizisten gestorben. Die Szene wurde auf Handy-Videos festgehalten. Das schafft Aufmerksamkeit, Aufklärung - und eine ganz neue Ikonografie des US-Rassismus.

Freddie Grays Schmerzensschreie sind unüberhörbar. Drei Cops zerren ihn an den gefesselten Armen fort, seine Füße schleifen über den Boden, sein Kopf hängt herab. Unter lautem Protest der Umstehenden packen die Beamten den offenbar verletzten Mann in einen Polizeibus.

Mehrere Videos dokumentieren die Konfrontation am 12. April in einem Sozialbauviertel von Baltimore. Es war das letzte Mal, dass der 25-jährige Schwarze bei Bewusstsein zu sehen war. Als die Cops Gray später im Krankenhaus ablieferten, lag er bereits im Koma. Eine Woche darauf, am Sonntag, starb er - sein Rückgrat und Genick waren gebrochen.

Sechs Cops wurden suspendiert. Doch die Umstände der fatalen Verletzung Grays bleiben unklar: Was geschah zwischen Festnahme und Einlieferung ins Krankenhaus? Die schwarze Bürgermeisterin Stephanie Rawlings-Blake ordnete Ermittlungen an, das US-Justizministerium prüft den Fall jetzt auch auf mögliche Bürgerrechtsverletzungen. Am Dienstagabend marschierten Hunderte durch Baltimore, angeführt von Grays Familie.

Im Video: Festnahme von Freddie Gray

Déjà-vu: Wieder starb ein Schwarzer durch mutmaßliche Polizeigewalt, wieder trauert eine Familie, wieder gibt es wütende Proteste.

Und wieder ist der Tod eines Afroamerikaners - oder der Moment, der dazu führte - als Video verewigt und fortan im Internet zu besichtigen. Die YouTube-Versionen, die erst ins breitere Bewusstsein rückten, als Gray gestorben war, wurden seither mehr als 210.000-mal angeklickt.

Freddie Gray, Walter Scott, Eric Garner, Tamir Rice: Handy-Videos sind, was einst die unscharfen Schwarz-Weiß-Fotos der grausigen Lynchmorde in den USA waren - die neue Ikonografie des Rassismus.

Die Bildersprache reduziert sich auf einfache Klischeesymbolik: Ein oft unbewaffneter Schwarzer, "auf der Flucht" oder "suspekt"; ein weißer Cop, hochgerüstet. Ähnliche Szenen, ähnliche Akteure - gleiches Ende.

Im Video: Weißer Cop schießt auf flüchtenden Schwarzen

Früher wurden Lynchfotos als Souvenirs herumgereicht oder als Postkarten verschickt, zum Entertainment eines rassistischen Mobs. Das erschreckendste Beispiel war 1916 der Mord am 17-jährigen Jesse Washington in Texas - protokolliert von einem offiziellen Fotografen.

Schon vergleichen manche die aktuellen Fälle mit damals. "Während historische Lynchmorde und moderne Morde von Hand der Polizei gewisse Unterschiede aufweisen", schrieb der Aktivist Shaun King voriges Jahr auf dem progressiven Blog "Daily Kos", "sind viele der juristischen, physischen und emotionalen Parallelen beängstigend."

Die "Bürgerreporter" von heute haben aber entgegengesetzte Motive: Sie wollen helfen - wenn auch meist nur indirekt. Der Todesschuss auf Oscar Grant in der U-Bahn von Oakland ereignete sich 2009 vor den laufenden Handy-Kameras entsetzter Augenzeugen. Die Videos führten zu einer Haftstrafe für den Cop - und zum Kinofilm "Fruitvale Station".

Was bisher im Dunkeln lag, findet plötzlich breiteste Aufmerksamkeit über die sozialen Netzwerke. Längst gibt es sogar Apps, die das Uploaden vereinfachen: CopWatch, Mobile Justice, International Evidence Locker. Im Schnitt zehnmal am Tag liefen neue Videos ein, sagte CopWatch-Erfinder Darren Baptiste dem Online-Magazin "Slate".

Wie viele dieser Fälle es wirklich gibt und ob ihre Zahl ansteigt, lässt sich zwar schwer sagen, zu unzuverlässig sind die Statistiken. Doch wenigstens merke der Rest der US-Gesellschaft endlich, was "Schwarze und Braune seit Jahren erleben", sagte Cedric Alexander, der Präsident der schwarzen Polizistenvereinigung Noble, auf CNN.

Im Video: Unruhen nach Misshandlung von Rodney King

Eines der ersten Videos, die das Bewusstsein der Amerikaner nachhaltig veränderten, stammt noch aus Zeiten vor Facebook, Twitter und YouTube und endete nicht mit Tod, sondern Verletzung: Ein Anwohner hielt 1991 in Los Angeles von seinem Balkon aus fest, wie Polizisten den Trucker Rodney King zusammenschlugen. Das an einen TV-Sender lancierte Filmchen führte zu Prozessen gegen die Cops und, als die freigesprochen wurden, zu tödlichen Rassenunruhen.

George Holliday, der Anwohner, bekam Morddrohungen und verlor seinen Job. Angst schwingt bis heute mit: Feidin Santana, der den Tod Walter Scotts in South Carolina filmte, fürchtete um sein Leben. Ramsey Orta, dessen Video vom erstickenden Eric Garner einen neuen Schlachtruf schuf ("I can't breathe!"), landete für zwei Monate in U-Haft - eine absichtliche Schikane, behauptet sein Anwalt.

Eine weitere Gefahr der Welle an Polizeigewalt-Videos: Irgendwann wirken die Opfer austauschbar. "Sie werden zu Hashtags", schreibt Jamil Smith, leitender Redakteur beim Magazin "New Republic". "Die Videos stumpfen uns ab für das Spektakel des schwarzen Todes."

Das mag eine allzu pessimistische Sicht sein. Die Demonstranten von Baltimore waren jedenfalls hochemotional, viele von ihnen weinten.

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