Urteil gegen Hartmut Hopp Früherer Arzt der Colonia Dignidad muss in Deutschland in Haft

Die Strafe gegen den ehemaligen Arzt der Colonia Dignidad kann in Deutschland vollstreckt werden - das hat das Landgericht Krefeld entschieden. Hartmut Hopp muss sich wegen Beihilfe zum sexuellen Missbrauch verantworten.

Blick auf die Villa Bavaria, die ehemalige Sektensiedlung Colonia Dignidad (Archiv)
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Blick auf die Villa Bavaria, die ehemalige Sektensiedlung Colonia Dignidad (Archiv)

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Die Jungen wurden vergewaltigt, die Mädchen geschlagen, Gegner des chilenischen Diktators Augusto Pinochet wurden gefoltert und getötet: Das Gelände der deutschen Sektensiedlung Colonia Dignidad war ein Ort brutaler Verbrechen. 2005 war der Gründer der Sekte, Paul Schäfer, in Argentinien festgenommen worden, 2010 starb er im Gefängnis. Andere Führungsmitglieder verurteilten chilenische Richter in den vergangenen Jahren zu langen Freiheitsstrafen.

Nun hat auch das Landgericht Krefeld den Weg für eine Bestrafung eines der Täter bereitet: Es entschied, dass eine in Chile verhängte Freiheitsstrafe gegen den langjährigen Sektenarzt Hartmut Hopp in Deutschland vollstreckt werden kann. Hopp war bereits im November 2004 in Chile wegen Beihilfe zu sexuellem Missbrauch und Vergewaltigung in mehreren Fällen zu fünf Jahren und einem Tag Gefängnis verurteilt worden. Im Januar 2013 hatte der Oberste Gerichtshof in Santiago de Chile das Urteil bestätigt. Da aber lebte Hopp mit seiner Frau Dorothea, einst Krankenschwester der Siedlung, schon längst unbehelligt in Krefeld. Er hatte sich dem Gefängnis 2011 durch eine schnelle Flucht entzogen.

Die Zweite Große Strafkammer des Krefelder Landgerichts hatte fast ein Jahr lang geprüft, ob die chilenischen Urteile aus einem nach europäischen Gesichtspunkten fairen Verfahren entstanden sind. "Die Kammer hat dies bejaht", teilte das Gericht nun mit. Die Entscheidung ist allerdings nicht rechtskräftig.

Hopps Strafverteidiger Helfried Roubi¿ek kündigte an, gegen die Entscheidung Rechtsmittel einzulegen. Es gebe "ausreichend Ansatzpunkte für eine erfolgsversprechende Beschwerdebegründung", sagte der Anwalt dem SPIEGEL.

Aussicht auf Gerechtigkeit

Anwälte der Opfer begrüßten die Entscheidung: Sie lasse darauf hoffen, "dass in diesem Teilbereich der in der Colonia Dignidad begangenen Verbrechen die Aussicht für die Opfer besteht, dass Gerechtigkeit geschieht", sagte Rechtsanwältin Petra Isabel Schlagenhauf, die ehemalige Bewohner der Kolonie vertritt und zusammen mit dem Europäischen Zentrum für Verfassungs- und Menschenrechte (ECCHR) bei der Staatsanwaltschaft Krefeld Strafanzeige gegen Hopp gestellt hatte. Dieses Verfahren läuft noch.

Nach vielen Jahren funktioniere nun erstmals die Rechtskooperation zwischen Deutschland und Chile, sagte Jan Stehle, der als Mitarbeiter des Berliner Forschungs- und Dokumentationszentrums Chile-Lateinamerika (FDCL) seit Jahren zur Colonia Dignidad forscht. "Das gibt den Betroffenen und Angehörigen Hoffnung, dass auch die weiteren Verbrechen der Colonia Dignidad wie die der auf dem Gelände verschwundenen Gegner der Pinochet-Diktatur endlich aufgeklärt und strafrechtlich sanktioniert werden."

Auch im Bundestag stieß die Entscheidung aus Krefeld auf positive Resonanz: "Aus rechtsstaatlicher Sicht ist das eine richtig gute Nachricht", sagte Renate Künast (Grüne) dem SPIEGEL. Als Vorsitzende des Rechtsausschusses war sie mit einer Delegation von Bundestagsabgeordneten im November 2016 nach Chile gereist, hatte die ehemalige Kolonie besucht und Betroffene gesprochen. Im Juli dann führte sie auch Gespräche in Krefeld, wo viele der zurückgekehrten Bewohner nun leben. "Die Prüfung des Landgerichts hat lange genug gedauert", sagte Künast.

Hilfsfonds für die Opfer?

Erst kürzlich haben die Fraktionen von CDU/CSU, SPD und Grünen in einem gemeinsamen Bundestagsbeschluss die Bundesregierung aufgefordert, bei der Aufklärung in Sachen Colonia Dignidad eng mit Chile zusammenzuarbeiten. Außerdem regten die Abgeordneten einen Hilfsfonds für die Opfer der Sekte an, die zugleich die Möglichkeit zur psychosozialen Betreuung bekommen sollen.

Künast glaubt, dass nun eine neue Phase im Umgang mit der Colonia Dignidad begonnen hat. "Es hat sich eine parteiübergreifende Gruppe von Parlamentariern gefunden, die das Thema der Aufarbeitung und eines Hilfsfonds in der neuen Legislaturperiode beharrlich auf die Tagesordnung bringen wird", sagt die Grünen-Abgeordnete. Der menschenrechtspolitische Sprecher von CDU/CSU, Michael Brand, begrüßte die Gerichtsentscheidung ebenfalls. "Es ist schon lange an der Zeit, dass ein Haupttäter wie Hartmut Hopp nicht länger auf freiem Fuß in Deutschland bleibt."



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