Jennifer Siebel Newsom im Weinstein-Prozess »Ich wusste nicht, wie ich entkommen sollte«

Sie habe geweint, sich gewehrt: Jennifer Siebel Newsom, Frau des Gouverneurs von Kalifornien, hat vor Gericht geschildert, wie Harvey Weinstein sie vergewaltigt habe. Dessen Anwalt nahm die Zeugin ins Kreuzverhör.
Jennifer Siebel Newsom im Zeugenstand (Gerichtszeichnung): Schwere Vorwürfe gegen Weinstein

Jennifer Siebel Newsom im Zeugenstand (Gerichtszeichnung): Schwere Vorwürfe gegen Weinstein

Foto: Bill Robles / AP

Unter Tränen hat Jennifer Siebel Newsom vor einem Gericht in Los Angeles geschildert, wie sie im Jahr 2005 von Harvey Weinstein vergewaltigt worden sei. Die Dokumentarfilmerin und Schauspielerin ist eine von fünf Frauen, die dem ehemaligen Hollywoodproduzenten im aktuellen Prozess sexuelle Übergriffe vorwerfen. Besonders viel Aufmerksamkeit bekommt ihre Aussage wohl auch wegen ihres Ehemanns: Die 48-Jährige ist seit 2008 mit dem heutigen Gouverneur von Kalifornien, Gavin Newsom, verheiratet.

Sie habe Weinstein auf dem Filmfestival in Toronto kennengelernt, als sie 31 Jahre alt war, sagte Siebel Newsom. Damals habe sie am Anfang ihrer Karriere gestanden und er auf dem Höhepunkt seiner Macht. Alle im Raum hätten dem Filmmogul Platz gemacht: »Ich weiß nicht, ob es Ehrfurcht oder Angst war«.

Einige Wochen später habe Weinstein sie in ein Hotel in Beverly Hills eingeladen. Sie sei von einem geschäftlichen Treffen ausgegangen und überrascht gewesen, dass sie ihn in seiner Suite treffen sollte. Die 48-Jährige schilderte vor Gericht, wie nervös sie gewesen sei, als sie dorthin geführt wurde. Auf die Nachfrage von der Staatsanwaltschaft, warum sie nicht einfach gegangen sei, sagte Siebel Newsom »Man sagt nicht Nein zu Harvey Weinstein.« Und weiter: »Er kann deine Karriere fördern oder ruinieren.«

Sie würde sich »so sehr schämen«, sagte Siebel Newsom weiter. »Ich habe die Hinweise nicht erkannt und wusste nicht, wie ich entkommen sollte.«

»Oh mein Gott, das ist so ekelhaft, so falsch«

Weinstein habe dann kein Interesse daran gezeigt, ihre Projekte zu besprechen. Er sei ins Badezimmer gegangen und habe sie zu sich gerufen. Dort habe er vor ihr masturbiert, sei aggressiv geworden, habe ihre Brüste angefasst und versucht, ihre Hand an seinen Penis zu führen. »Ich war verängstigt. Das war nicht der Grund, warum ich hierherkam«, sagte sie und brach mehrfach in Tränen aus. »Ich erinnerte mich nur noch daran, wie ich versuchte, mich körperlich zu wehren.«

Der »Los Angeles Times«  zufolge schilderte Siebel Newsom dann ausführlich, wie Weinstein mehrfach versucht habe, sie zu vergewaltigen. Sie habe geweint, es sei eindeutig gewesen, dass es nicht einvernehmlich gewesen sei. Irgendwann habe sie aufgehört, sich zu wehren, und mitgemacht. Sie habe Angst gehabt und sich nicht anders zu helfen gewusst. »Ich habe es nur getan, damit es aufhört«, sagte Siebel Newsom. »Ich wollte einfach nur weg von dort. Es tut mir leid, ich wollte einfach nur raus.«

Nach der Tat habe Weinstein dann vorgeschlagen, dass sie ein Paar sein könnten. »Ich dachte nur, ich müsse mich übergeben«, so Siebel Newsom. Weinstein hingegen habe gesagt: »Wie wäre es, wenn du mich deinem Vater vorstellst?« Sie habe gedacht: »Oh mein Gott, das ist so ekelhaft, so falsch.«

Weinsteins Anwälte hingegen behaupten, die beiden hätten einvernehmlichen Sex gehabt und Siebel Newsom habe den mächtigen Produzenten benutzen wollen, um ihre Karriere voranzutreiben. Sie nahmen die 48-Jährige ins Kreuzverhör, dieses wird an diesem Dienstag (Ortszeit) fortgesetzt.

Verteidiger Mark Werksman fokussierte sich vor allem auf die Frage, wann Gavin Newsom von dem mutmaßlichen Übergriff erfahren habe. Wusste er davon, als er eine Wahlkampfspende von Weinstein annahm? Siebel Newsom sagte, sie habe über Jahre hinweg »Andeutungen gemacht«, komplett habe er es aber erst erfahren, als die Anschuldigen gegen Weinstein 2017 bekannt wurden.

Er nahm Geld »von jemandem, bei dem Sie angedeutet haben, dass er Ihnen etwas Abscheuliches angetan hat?«, fragte Werksman. »Das ist kompliziert«, antwortete Siebel Newsom. Newsom habe 2017 die früheren Spenden zurückgegeben.

Am 5. Oktober 2017 war ein Artikel der »New York Times« veröffentlicht worden, der zum tiefen Fall Weinsteins und dem Beginn der #MeToo-Bewegung gegen sexuelle Gewalt geführt hatte. Darin schilderten die Journalistinnen Jodi Kantor und Megan Twohey, wie der Gründer des Filmstudios Miramax über Jahrzehnte seine Macht genutzt haben soll, um Frauen zu sexuellen Gefälligkeiten zu nötigen und sie dann unter anderem mit Geld zum Schweigen zu bringen.

Verurteilung als Meilenstein der Rechtsgeschichte

Mittlerweile haben rund 90 Frauen Vorwürfe gegen Weinstein öffentlich gemacht, unter ihnen Schauspielerinnen wie Angelina Jolie, Gwyneth Paltrow und Salma Hayek. Viele Vorgänge sind allerdings verjährt.

Trotzdem wurde der Filmproduzent in einem ersten Prozess wegen Sexualverbrechen schuldig gesprochen. Ein New Yorker Gericht verurteilte ihn im März 2020 wegen Vergewaltigung und sexueller Nötigung zu 23 Jahren Haft. Die Verurteilung war ein Meilenstein der Rechtsgeschichte. In dem aufsehenerregenden Fall, durch den die #MeToo-Bewegung maßgeblich mit ausgelöst wurde, hatte die Jury den Zeugenaussagen der Frauen mehr geglaubt als Weinsteins Unschuldsbeteuerungen. Allerdings hat ein Berufungsgericht im August 2022 entschieden, dass Weinstein gegen die Verurteilung vorgehen darf. Voraussichtlich im kommenden Jahr soll es dazu eine mündliche Verhandlung geben.

Im aktuellen Verfahren geht es um Vorwürfe von fünf Frauen – vor Gericht unter den Decknamen Jane Doe 1 bis Jane Doe 5 bezeichnet. Es geht um elf Anklagepunkte, darunter Vergewaltigung und andere sexuelle Übergriffe. In einem Zeitraum von 2004 bis 2013. Bei einer Verurteilung droht Weinstein eine Strafe von 140 Jahren Gefängnis.

Inzwischen haben alle Frauen bis auf eine ausgesagt. Ob Jane Doe 5 vor Gericht erscheinen wird, ist laut »Los Angeles Times« unklar. Unter Berufung auf anonyme Quellen berichtet die Zeitung, dass es »Probleme mit der Verfügbarkeit der Zeugin« gebe. Sie lebe im Ausland und könne nicht per Vorladung vor Gericht gebracht werden.

bbr/AP/Reuters
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