23 Jahre Haft für Harvey Weinstein "Eine elende, schreckliche Existenz"

Zum Ende des Prozesses ergriff Ex-Filmmogul Weinstein erstmals das Wort. Doch es kam zu spät, es war zu wenig. Der Richter blieb ungerührt und verkündete das Strafmaß - fast die erlaubte Höchststrafe.
Aus New York berichtet Marc Pitzke
Harvey Weinstein auf dem Weg ins Gericht (8. Januar 2020)

Harvey Weinstein auf dem Weg ins Gericht (8. Januar 2020)

Foto: KENA BETANCUR/ AFP

Erst ganz zum Schluss spricht er. Nach neun Wochen Prozess, nach den Auftritten von sechs Belastungszeuginnen, nach den Plädoyers von Staatsanwaltschaft und Verteidigung. Bei allem hockte Harvey Weinstein auf der Anklagebank und schwieg - selbst als ihm der Richter anbot, zu seiner eigenen Verteidigung auszusagen.

Doch jetzt, im allerletzten Moment, kurz bevor er seine Strafe erfährt, will der gestürzte Hollywood-Mogul etwas sagen. Anwältin Donna Rotunno schiebt ihm das Mikrofon hin. Weinstein beugt den Kopf.

Eine Viertelstunde lang murmelt er dann vor sich hin, weitschweifend, wirr und kaum hörbar. Er redet von seinen Verdiensten um die Filmindustrie, seinem Einsatz für wohltätige Zwecke und 9/11-Hinterbliebene, von seinen "tiefen Freundschaften" und den "Tausenden Menschen, die Tolles über mich sagen". Schließlich, als er fast fertig ist, wendet er sich an die Frauen, die in der ersten Zuschauerreihe des Gerichtssaals sitzen. Seine Opfer.

"Ich empfinde Reue für euch alle", sagt Weinstein, 67. "Ich bemühe mich wirklich, wirklich, ein besserer Mensch zu sein." Dann blickt er hoch zur Richterbank. "Vielen Dank für Ihre Zeit, Euer Ehren."

"So sieht Gerechtigkeit aus": #MeToo-Staranwältin Gloria Allred nach der Strafmaßverkündung

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Foto: Jeenah Moon/ AFP

Es ist nicht genug und viel zu spät. Zwei Minuten später verurteilt James Burke den einst wohl mächtigsten Mann Hollywoods wegen Vergewaltigung und sexueller Nötigung zu 23 Jahren Haft - fast die erlaubte Höchststrafe und, in Weinsteins Fall, quasi lebenslang. "Dies ist eine erste Verurteilung", sagt Burke ungerührt, "aber nicht eine erste Tat."

Mit diesem Paukenschlag endet es, das bisher prominenteste Verfahren der #MeToo-Ära, das zum Fanal wurde für eine ganze Bewegung, zum Test, was justiziabel ist und was nicht. Es begann wie ein Thriller, der an den glamourösesten Orten der Welt spielt, mit hochkarätiger Starbesetzung - doch findet nun sein tristes Finale im 15. Stock des New Yorker Strafgerichts, in einem spartanischen Verhandlungssaal. Draußen hört man die Polizeisirenen jaulen. "In God We Trust" steht an der Stirnwand.

Ein tiefer Sturz für Weinstein - und ein erster Schritt zur Wiedergutmachung für seine Opfer.

"Er hat tiefe Narben hinterlassen": Weinstein-Opfer Mimi Haley im Gerichtsflur

"Er hat tiefe Narben hinterlassen": Weinstein-Opfer Mimi Haley im Gerichtsflur

Foto: Roy Rochlin/ AFP

Als Burke das Strafmaß verkündet, weinen die Frauen im Saal, darunter auch die Schauspielerin Rosie Perez. Für Weinsteins Opfer ist der "andauernden Albtraum" kaum vorbei, wie Jessica Mann sagt, die 2013 von Weinstein vergewaltigt wurde. Ihr Pulli trägt die Aufschrift: "Give Me Love". Auch Miriam Haley, die 2006 von Weinstein sexuell missbraucht wurde und ebenfalls als Zeugin der Anklage aussagte, tritt noch mal vor: "Er hat tiefe Narben hinterlassen, geistig und emotional", sagt sie über die Langzeitfolgen des Angriffs. "Er zerstörte einen Teil meiner Seele."

Dass Weinstein dafür jahrelang ins Gefängnis kommen würde, war klar, nachdem ihn die zwölf Geschworenen Ende Februar in zwei von fünf Anklagepunkten für schuldig befunden hatten. Doch bis zuletzt beknien seine Verteidiger den Richter an diesem Morgen noch, ihren VIP-Mandanten mit der Mindeststrafe - fünf Jahre Haft - davonkommen zu lassen.

"Harvey Weinstein ist ein kranker Mann", sagt Anwältin Donna Rotunno , die die #MeToo-Bewegung während des Prozesses oft wegen "überzogener Vorwürfe" kritisiert hat. Durch den "Verlust seiner Freiheit" werde sich Weinsteins Gesundheitszustand nur noch verschlimmern.

In der Tat erscheint Weinstein an diesem letzten Tag im Rollstuhl vor Gericht statt, wie früher, mit einer Gehhilfe. Nach dem Schuldspruch war er zunächst im Krankenhaus gelandet, wo er sich einer Herzoperation unterziehen musste. Seither erwartete er sein Schicksal auf der Invalidenstation des berüchtigten New Yorker Gefängnisses Rikers Island.

Staatsanwältin Joan Illuzzi kontert: Der Prozess habe Weinsteins "Mangel an menschlichem Mitgefühl, Egoismus und unkontrollierte Straffälligkeit" offenbart. Dank seines Erfolgs in Hollywood sei er "machttrunken" gewesen: "Er konnte sich nehmen, was er wollte, und wusste, dass keiner wirklich etwas dagegen tun konnte."

In einem Strafmaß-Memo mit mehr als 1000 zusätzlichen Dokumenten zeichnete die Staatsanwaltschaft das Bild eines Serientäters. Weinstein habe "sein Leben lang andere missbraucht, sexuell oder anderweitig", und alles getan, um seine Spuren zu verwischen und Gegner zu beseitigen.

Demnach sagte Weinstein einmal, "Friends"-Star Jennifer Aniston müsste "gekillt" werden, weil sie Missbrauchsvorwürfe gegen ihn erheben könnte. Sein eigener Bruder und lebenslanger Geschäftspartner Bob Weinstein habe ihn verstoßen: "Fuck u Harvey Weinstein", habe er Ende 2017 in einer E-Mail geschrieben, nachdem die Vorwürfe in der "New York Times"  und im "New Yorker"  erstmals enthüllt worden waren. "Ich bete, dass es eine echte Hölle gibt. Dahin gehörst du."

"Give Me Love": Lauren Young (l.) und Jessica Mann nach der Strafmaßverkündung

"Give Me Love": Lauren Young (l.) und Jessica Mann nach der Strafmaßverkündung

Foto: Roy Rochlin/ AFP

Doch wenn einen an diesem Morgen wirklich etwas bewegen kann, dann sind es die Statements von Miriam Haley und Jessica Mann, auf deren Fällen die Anklage beruhte. Nacheinander treten sie an ein Pult und berichten stockend von den Spätfolgen der Weinstein-Taten.

"Er verletzte mein Vertrauen und meinen Körper", liest Haley, eine frühere Produktionsassistentin, von einem eng betippten Papier ab. "Wäre er nicht schuldig gesprochen worden, würde das wieder und wieder und wieder passieren." Während des Prozesses sei sie von Weinsteins Handlangern bedroht worden und habe um ihr Leben gefürchtet. Bis heute verfolge sie die Vergangenheit.

"Die Konsequenzen für meine Gesundheit sind unsichtbar, aber nichtsdestotrotz real", sagt Mann, die ihre Schauspielträume nach der Vergewaltigung aufgab. Beim Prozess war sie von Rotunno scharf ins Kreuzverhör genommen worden, weil sie trotzdem eine jahrelange Beziehung zu Weinstein unterhalten hatte. Sie vergleicht ihre damalige Lage mit "Tieren, die sich unter Stress tot stellen".

"Elende, schreckliche Existenz"

Weinstein selbst hilft sich mit seinen letzten Worten wenig. Er behauptet, die sexuellen Beziehungen stets als einvernehmlich verstanden zu haben. Die Vorwürfe hätten ihn bis heute "total verwirrt". Auch beklagt er, dass er seine Kinder wahrscheinlich "nie mehr sehen" werde. Die Sitzplätze in der Bank hinter ihm, für Angehörige reserviert, sind leer.

Dann geht alles sehr schnell. Richter Burke verkündet sein Strafmaß und lässt den Hammer fallen, Weinstein wird im Rollstuhl weggeschoben. Er soll in ein entlegenes Gefängnis rund 100 Kilometer nördlich von New York City kommen.

Als Nächstes soll ihm dann auch noch in Los Angeles der Prozess gemacht werden, wegen zwei anderer Fälle. Die dortige Staatsanwaltschaft kündigte am Mittwoch an, deshalb Weinstein Auslieferung nach Kalifornien zu erwirken. Dort drohen ihm weitere, lange Haftjahre.

"Das ist eine ganz elende, schreckliche Existenz", sagt sein Anwalt Arthur Aidala. "Es ist im Prinzip die Todesstrafe."

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