SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

19. November 2017, 13:18 Uhr

Missbrauchsvorwürfe

Weinstein soll Spitzelliste mit fast hundert Namen geführt haben

Eine "Armee von Spionen" soll Harvey Weinstein auf seine mutmaßlichen Opfer angesetzt haben. Der Filmmogul, der Kolleginnen bedrängt und missbraucht haben soll, legte offenbar auch eine brisante Liste an.

Es begann mit Artikeln in der "New York Times" und im "New Yorker" und weitete sich binnen wenigen Wochen zu einem ungeheuerlichen Skandal aus - der eine weltweite Debatte über Sexismus und sexualisierte Gewalt auslöste. Im Mittelpunkt all dessen steht der Produzent Harvey Weinstein.

Dem werfen inzwischen nicht nur etliche Frauen Übergriffe und sexualisierte Gewalt vor, sondern auch über Weinsteins Rolle unmittelbar vor Bekanntwerden der ersten Vorwürfe werden regelmäßig neue Details bekannt. In der vergangenen Woche hatte der "New Yorker" enthüllt, dass der Filmmogul offenbar frühere Mossad-Agenten auf seine mutmaßlichen Opfer angesetzt hatte.

Eine israelische Sicherheitsfirma entschuldigte sich daraufhin für ihre Beteiligung daran - doch nun werden bereits neue Vorwürfe laut: Demnach soll Weinstein persönlich eine Liste mit den Namen Dutzender Prominenter geführt haben, die ein von ihm angeheuertes Ermittlerteam aushorchen sollte - um zu erfahren, was sie über Weinsteins Vergehen publik machen könnten.

Das berichtet der britische "Observer", der die Liste nach eigenen Angaben eingesehen hat. Demnach wurden die insgesamt 91 Namen Anfang des Jahres zusammengestellt, etwa neun Monate vor Beginn des Skandals. Die Liste, auf der die Namen von Schauspielern, Produzenten und anderen Größen der Filmbranche stehen soll, belege erneut, dass Weinsteins Übergriffe in Hollywood ein offenes Geheimnis waren.

Die meisten aufgelisteten Prominenten leben laut "Oberserver" in Los Angeles und New York, einige auch in London. Unter den Betroffenen seien unter anderem Weinsteins frühere Assistentin Zelda Perkins sowie die Schauspielerinnen Katherine Kendall, Annabella Sciorra und Sophie Dix.

Ganz oben auf der Liste stehen demzufolge unter anderem die Namen von Laura Madden und Rose McGowan - die beiden gehörten zu den Ersten, die mit Vorwürfen an die Öffentlichkeit gingen. Madden soll der Liste zufolge bereits Anfang 2016 in den Fokus geraten sein, anderthalb Jahre vor dem derzeitigen Skandal. McGowan gehört zu denjenigen, die Weinstein der Vergewaltigung bezichtigt. Der 65-Jährige bestreitet das.

McGowan soll von einer Mitarbeiterin der israelischen Firma Black Cube ausgehorcht worden sein. Die Privatermittlerin habe sich unter falschem Namen als Frauenrechtlerin ausgegeben und mindestens vier Treffen mit der Schauspielerin verdeckt mitgeschnitten, berichtete "The New Yorker". Black Cube kündigte inzwischen an, die umgerechnet rund 1,1 Millionen Euro Honorar von Weinstein an Frauenrechtsorganisationen zu spenden.

Die Namen von McGowan, Dix und Madden sind dem Bericht zufolge auf der Liste rot markiert - ebenso wie etwa 50 weitere. Diese Prominenten hätten für Weinstein höchste Priorität gehabt und sollten zuerst ausgehorcht werden.

Unklar ist, ob Weinstein den aufgelisteten Personen Verschwiegenheitsvereinbarungen anbieten wollte - und warum auf der Liste auch der Name eines Mannes steht: Brett Ratner. Sechs Frauen hatten dem Filmemacher im Zuge der Weinstein-Enthüllungen ebenfalls Übergriffe vorgeworfen.

mxw

URL:

Verwandte Artikel:

Mehr im Internet


© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung