Urteil gegen Harvey Weinstein Schuldspruch mit Fußnote

Eine New Yorker Jury sprach den früheren Hollywoodmogul Harvey Weinstein der Vergewaltigung schuldig. Das Urteil ist ein Durchbruch für die #MeToo-Bewegung - und zeigt doch, wie komplex der Fall ist.
Aus New York berichtet Marc Pitzke
Harvey Weinstein auf dem Weg ins New Yorker Gericht

Harvey Weinstein auf dem Weg ins New Yorker Gericht

Foto: JUSTIN LANE/EPA-EFE/REX

Woche für Woche hatte sich Harvey Weinstein, auf seinen Rollator gestützt, morgens ins Gericht geschleppt und nachmittags wieder nach Hause. Vorbei an Dutzenden Reportern, Fotografen und Kameraleuten. Auch am Montag erschien der gestürzte Hollywood-Mogul so im New Yorker Justizbunker.

Nur kam er diesmal nicht mehr raus.

Nachdem die Geschworenen den 67-Jährigen der sexuellen Nötigung und Vergewaltigung schuldig gesprochen hatten, legten ihm die Wärter noch im Gerichtssaal Handschellen an und führten ihn ab. So fand Weinsteins Freiheit ein abruptes Ende: Jahrzehntelang waren alle Gerüchte und Vorwürfe an ihm abgeprallt, nun verbrachte er seine erste Nacht hinter Gittern.

Als einer der einst mächtigsten Männer Hollywoods war der Produzent ("Shakespeare in Love") zum Symbol für sexuelle Übergriffe in der Filmszene geworden - und für die Misshandlung von Frauen überhaupt. Die #MeToo-Bewegung, die Ende 2017 aus dem Weinstein-Skandal erwachsen war und sich seitdem auf viele Branchen ausgeweitet hat, hat eine wichtige Bewährungsprobe bestanden: Ihre Vorwürfe sind justiziabel.

Die "New York Times" hatte die lange kursierenden Anschuldigungen gegen Weinstein im Oktober 2017 erstmals in Kooperation mit den mutmaßlichen Opfern enthüllt  - und sprach nun von einem "#MeToo-Wendepunkt". Ronan Farrow, der seine Recherchen dazu fast zeitgleich im Magazin "New Yorker" publizierte , lobte am Montag den Mut der "zahlreichen Frauen", die sich offenbart hätten - "unter hohem persönlichen Risiko".

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In der Tat gelang den Anklägern, dank der Courage der Opfer, ein historischer Durchbruch: Sie rissen die Mauer des Schweigens, des Zweifels und der Bedrohung ein, die sexuelle Gewalt gegen Frauen umgibt, und entblößten einen prominenten, mächtigen, privilegierten Täter. Mit dem Urteil, so Tina Tchen, die Chefin der Aktivistengruppe Time's Up, beginne "eine neue Ära der Gerechtigkeit" - für "alle Überlebenden von Belästigung, Missbrauch und Übergriffen".

Trotzdem: Während das Gericht Weinstein in den zwei "minder schweren" Anklagepunkten verurteilte, sprach es ihn von drei anderen frei, die besonders brutales Vorgehen voraussetzten. Der gespaltene Spruch reflektiert die wachsende Komplexität von #MeToo-Fällen, bei denen die Grenzen zwischen Schuld und Unschuld manchmal schwer zu ziehen sind.

Vor allem, da dies - noch - nur ein Einzelfall bleibt: "Weinstein hat in Hollywood jahrzehntelang straffrei und ohne Reue operiert", erklärte Tarana Burke, die Schöpferin des #MeToo-Hashtags. "Und doch brauchte es Jahre und millionenfach erhobene Stimmen, damit ein einziger Mann vom Justizsystem zur Rechenschaft gezogen wurde."

Die "Silence Breakers" - eine Gruppe mutmaßlicher Weinstein-Opfer, die von "Time" zu Personen des Jahres ernannt worden waren - bezeichneten das Urteil als "enttäuschend", da es nicht die "volle Gerechtigkeit liefert, die so viele Frauen verdienen". Der Prozess habe die Schwierigkeiten für die offenbart, "die es wagen, die Wahrheit über mächtige Täter auszusprechen".

DER SPIEGEL

"Einige der Sachverhalte hier waren kompliziert", räumte selbst Bezirksstaatsanwalt Cyrus Vance ein. Für Vance, der nächstes Jahr um Wiederwahl kämpfen muss, war dies einer der diffizilsten Fälle seiner durchwachsenen Karriere. 2015 hatte er auf eine erste Anklage gegen Weinstein verzichtet, damals war das Ausmaß der Vorwürfe noch nicht bekannt. Doch selbst jetzt war der Prozess ein Risiko für die Anklage.

Mehr als 80 Frauen haben Weinstein inzwischen beschuldigt, sich an ihnen vergangen zu haben, darunter Hollywoodstars wie Angelina Jolie, Salma Hayek und Rosanna Arquette. Doch nur zwei juristisch schwierige Fälle wurden verhandelt.

"Einige der Sachverhalte hier waren kompliziert"

Bezirksstaatsanwalt Cyrus Vance

Schwierig, weil sie Jahre zurücklagen und Frauen betrafen, die danach weiter Beziehungen mit Weinstein hatten. Die Verteidigung unter Leitung der knallharten Anwältin Donna Rotunno  sah das als Indiz, dass der Sexualverkehr einvernehmlich gewesen sei. Doch die zwölf Geschworenen glaubten der Staatsanwaltschaft, die nachwies, dass solche späteren Kontakte nicht untypisch sind für Opfer sexueller Gewalt.

Die Jury befand Weinstein für schuldig, die Schauspielerin Jessica Mann vergewaltigt und die frühere Assistentin Miriam Haley sexuell genötigt zu haben. Beide sagten stundenlang vor Gericht aus und wurden im Zeugenstand von ihren Gefühlen überwältigt - auch dank des scharfen Kreuzverhörs durch Rotunno, die sie diskreditieren wollte.

Mann berichtete, ihr Verhältnis zu Weinstein sei schon vor der Vergewaltigung "extrem degradierend" gewesen. Aus Angst habe sie dann auch nachher noch eine Beziehung zu ihm unterhalten. Weitere Belastungszeuginnen sagten Ähnliches aus. Über drei Wochen hinweg ergab sich so ein komplexes Bild von den Opfern, das den simplifizierenden Klischees in vielen Medien widersprach.

Rotunno zog trotzdem alle Register: Die Staatsanwaltschaft wolle an Weinstein nur ein Exempel statuieren, im Namen der gesamten #MeToo-Bewegung. "Das Pendel schwingt allzu sehr in die übersensible Richtung", beschwerte sie sich in einem ihrer vielen Interviews . "Frauen werden den Tag noch bereuen, da all dies begann, wenn niemand sie mehr ausführt und ihnen niemand mehr die Tür aufhält und niemand mehr sagt, dass sie nett aussehen."

Der Schuldspruch hat jedoch eine bittere Fußnote. "Sopranos"-Darstellerin Annabella Sciorra, die ebenfalls als Zeugin auftrat, erzählte unter Tränen, Weinstein habe sie Anfang der Neunzigerjahre vergewaltigt. Dieser Vorfall ist zwar verjährt, doch die Anklage hoffte damit ein "Muster" zu beweisen, um Weinstein als Gewohnheitstäter zu entlarven. Die Geschworenen konnten sich hier aber nicht einigen und lehnten die erschwerten Umstände ab, die an Sciorras Aussage geknüpft waren.

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Weinstein drohen dennoch nun bis zu 29 Jahre Haft - für einen Mann seines Alters ist das lebenslang. Zumal in Los Angeles gerade ein zweiter, womöglich noch ausladender Prozess gegen ihn Formen annimmt.

Richter James Burke will das Strafmaß am 11. März verkünden, ließ Weinstein aber jetzt schon ins Gefängnis schaffen - besser gesagt, erst mal auf eine Krankenstation. Zwei Gerichtswärter führten ihn ab. Seinen Rollator ließen sie zurück.

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