Heckenschütze in Schweden Schüsse aus der Dunkelheit

In der schwedischen Metropole Malmö verübt ein Unbekannter Anschläge auf Menschen mit Migrationshintergrund: Schon 15-mal legte der Heckenschütze aus dem Hinterhalt an, tötete eine Frau. Die Polizei geht von einem Serientäter aus.

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"Seien Sie vorsichtig, wenn Sie abends im Dunkeln rausgehen - besonders, wenn Sie eine Person ausländischer Herkunft sind. Sollten Sie Zeuge eines Schusswaffenangriffs werden, dann greifen Sie nicht ein", warnt Kriminalkommissar Jan-Bertil Cederholm die Einwohner von Malmö. "Denken Sie zuerst an die eigene Sicherheit, danach können Sie immer noch die Polizei anrufen."

Seit einem Jahr wird in der südschwedischen Metropole Malmö immer wieder auf Passanten geschossen. Die Polizei geht mittlerweile von einem Serientäter aus. Der jüngste Vorfall ereignete sich am Dienstagabend: Ein 28-jähriger Mann wartet an einer überdachten Haltestelle im Malmöer Migrantenviertel Nydala auf den Bus ins Stadtzentrum. Plötzlich knallt ein Schuss durch die Dunkelheit. Eine Anwohnerin aus einem Haus gegenüber der Bushaltestelle läuft ans Fenster, weil sie Hilfeschreie hört. "Da hat jemand gerufen: 'Ich will nicht sterben, ich will nicht sterben'", sagte die Frau, die anonym bleiben will, der Zeitung "Aftonbladet."

Die Frau denkt zunächst, da gröle ein Betrunkener. Dann geht sie doch auf die Straße hinaus und sieht, dass ein junger Mann dort in einer Blutlache liegt, sie ruft einen Krankenwagen. Sie selbst kam vor Jahren als Kriegsflüchtling aus Afghanistan. Jetzt traue sie sich nicht mehr, mit dem Bus von Nydala in die Stadt zu fahren, sagt sie.

Man kann sie verstehen. Vor weniger als zwei Wochen, am 9. Oktober, wurde der 47-jährige Basi Hassan ebenfalls in Malmö Opfer einer beinah identischen Attacke aus dem Hinterhalt.

Hassan lehnt spätabends am Unterstand der Haltestelle Lönngatan und wartet auf seinen Bus. "Plötzlich knallt es", berichtet er später der Zeitung "Kvällsposten", "dann kommt der Schmerz, dann das Blut." Hassan hatte seine Schwester besucht, war auf dem Nachhauseweg. Zur Wohnung seiner Schwester zurückzugehen, traut er sich nicht. "Aus der Richtung kam ja der Schuss."

"Ich hätte nicht gedacht, dass mich in Schweden ein Schuss treffen würde"

Also schleppt er sich trotz der Schmerzen und des starken Blutverlusts mehrere hundert Meter weit, bis er die Tankstelle am Ystadsvägen erreicht, wo er eine Polizeistreife auf sich aufmerksam machen kann. Die Kugel, so wird später im Krankenhaus festgestellt, ist durch seinen Oberkörper hindurchgegangen, wo sie wie durch ein Wunder kein Organ beschädigt hat.

Vor drei Jahren floh Basi Hassan vor dem Bürgerkrieg in Somalia nach Schweden. "Ich hätte nicht gedacht, dass mich ausgerechnet hier in Schweden ein Schuss treffen würde", sagt er.

Die beiden Männer sind Opfer Nummer 14 und 15 einer Anschlagsserie auf Menschen mit Migrationshintergrund, die meisten von ihnen wurden verletzt, doch es gab auch ein Todesopfer: Vor wenigen Tagen starb eine 20-jährige Frau durch Schüsse auf ihr Auto. Ihr Begleiter, ebenfalls dunkelhäutig, überlebte den Anschlag schwer verletzt. Im Rundfunk berichtete ein weiterer Mann, wie er beim abendlichen Training in einem Fitnessstudio von zwei Schüssen durch das Fenster am Arm und der Schulter getroffen wurde.

Auf alle Opfer wurde von hinten im Schutz der Dunkelheit geschossen. Ballistische Untersuchungen Malmöer Kriminaltechniker zeigen zudem, dass die Mehrzahl der Schüsse aus ein und derselben Waffe abgegeben wurde.

Nun spricht daher auch Mats Lassén, der Ermittlungsleiter der Malmöer Polizei, von einem mutmaßlichen Einzeltäter oder einer mutmaßlichen Tätergruppe aus dem rechtsextremen Milieu. "Das ist der Fokus unserer Ermittlungen, doch natürlich gehen wir allen Spuren nach", sagte Lassén am Donnerstagmorgen auf einer Pressekonferenz.

Serienmörder der neunziger Jahre: der Lasermann

Im südschwedischen Malmö und der Provinz Schonen sind Rechtsextreme und Neonazis von jeher stärker vertreten als im übrigen Schweden. Auch bei der erst wenige Wochen zurückliegenden Parlamentswahl, bei der sich die Mitte-Rechts-Koalition unter Premierminister Reinfeldt erneut durchsetzen konnte, waren die erstmals in den Reichstag gewählten rechtsextremen Schwedendemokraten in dieser Region überdurchschnittlich erfolgreich und übersprangen in mehreren Wahlbezirken Malmös die Zehn-Prozent-Hürde deutlich.

Der Stockholmer Kriminologieprofessor Jerzy Sarnecki war einer der Ersten, die im Zusammenhang mit den Malmöer Anschlägen auf Parallelen zu einer ähnlichen Serie vor knapp 20 Jahren hinwiesen. Damals hatte der Gewaltverbrecher John Ausonius reihenweise dunkelhäutige Menschen in Stockholm und der nahe gelegenen Universitätsstadt Uppsala niedergeschossen. Eines der Opfer starb, mehrere erlitten schwere bleibende Schäden. Ausonius benutzte bei seinen ersten Attentaten ein Gewehr mit einem Laser-Suchstrahl, weswegen er in der Presse "Lasermann" genannt wurde.

"Auch damals hatten wir eine aufgehetzte Einwanderungsdebatte in der Gesellschaft. So, wie wir sie heute über die Schwedendemokraten führen", sagte der Kriminologe Sarnecki der Nachrichtenagentur TT. "Natürlich ist es nur eine Spekulation. Aber es gibt Personen mit psychischen Störungen, die von solchen Debatten beeinflusst werden."

Das Gesetz der Serie

Der Journalist Gellert Tamas verarbeitete zahlreiche Interviews mit dem Lasermann Ausonius zu einem preisgekrönten Buch. Auch Tamas will sich im Zusammenhang mit der Malmöer Anschlagsserie nicht zu einem Täterprofil äußern, dennoch sieht auch er deutliche historische Parallelen. Zu Ausonius' Zeit war die sogenannte Protestpartei "Neue Demokratie" in den Reichstag eingezogen. Ebenso wie die Schwedendemokraten, meint Tamas, hätte die sich durch unverblümte Ausländerfeindlichkeit hervorgetan.

"Ausonius hat mir mehrmals erklärt, dass ihn die Debatte damals, Anfang der neunziger Jahre, inspiriert hat. Er fühlte sich moralisch sanktioniert", sagte Tamas in einem Gespräch mit dem Blatt "Dagens Nyheter." Tamas hält das gesellschaftliche Klima von damals mit dem heutigen für vergleichbar.

In Schwedens Nachbarland Dänemark, von Malmö nur einen Katzensprung entfernt, könne man beobachten, wie weit die Rechten die Meinungsführerschaft beanspruchten, wenn man sie an der Macht beteilige, warnte Tamas. Dort sei eine ausländerfeindliche Rhetorik politischer Mainstream. Im Gegensatz zu Dänemark will in Schweden keine Partei mit den rechtsradikalen Schwedendemokraten zusammenarbeiten.

In Malmö sind die Ermittler bemüht, bei der verängstigten Bevölkerung das Vertrauen in die Arbeit der Polizei zu bestärken. Man werde alle verfügbaren Kräfte einsetzen, um den Heckenschützen schnellstmöglich dingfest zu machen, heißt es dort. "Je länger der Täter weitermacht, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass er einen Fehler macht und Spuren hinterlässt", sagt Kommissar Cederholm. Auch das ist ein Gesetz der Serie.



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