Bluttat in Heidelberg Uni-Fakultät »im Schockmodus« – Hörsaal bleibt geschlossen

Das Entsetzen über die Tat ist groß: Ein 18-Jähriger tötete eine Kommilitonin im Hörsaal und verletzte drei weitere Menschen. An der Uni Heidelberg stehen Lehrende und Studierende nun vor der Frage, wie es weitergehen kann.
Blumen und Kerzen: Trauerort am Gebäude, in dem sich die Tat ereignete

Blumen und Kerzen: Trauerort am Gebäude, in dem sich die Tat ereignete

Foto: Thomas Lohnes / Getty Images

Nach der Bluttat in einem Hörsaal der Universität Heidelberg setzt die betroffene Fakultät ihre Präsenzveranstaltungen für Studierende im ersten Semester vorerst aus. Dies gelte zunächst bis zur geplanten zentralen Trauerfeier am Montag.

»Ich würde mir als Dozent auch sehr komisch dabei vorkommen, wenn ich jetzt in einen geschlossenen Hörsaal gehen müsste«, sagte der Dekan der Fakultät für Biowissenschaften, Joachim Wittbrodt. In höheren Semestern seien bei Lehrveranstaltungen Schweigeminuten und Zeiten zum Austausch geplant.

Am Montag hatte ein 18-jähriger Student der Fakultät während eines Tutoriums vor allem für Erstsemester in einem Hörsaal eine 19- und eine 20-jährige Frau sowie einen 20-jährigen Mann mit Schüssen leicht verletzt. Eine 23-jährige Studentin starb später an den Folgen eines Kopfschusses. Der Schütze tötete sich nach der Tat selbst. Das Gebäude mit dem Hörsaal, in dem die Schüsse fielen, bleibe vorerst geschlossen, sagte Fakultätsvorstand Wittbrodt.

Augenmaß bei Prüfungen

Studierende und Dozenten seien nach den Ereignissen »im Schockmodus«. Dennoch habe am Dienstag ein digitales Treffen der Fakultät mit mehr als 170 Teilnehmern stattgefunden, auch Uni-Rektor Bernhard Eitel sei dabei gewesen. »Wir haben vor allem versucht, die Studierenden zu informieren und ihnen Angebote zu machen«, sagte Wittbrodt. Bei der psychologischen Betreuung solle »niemand durchs Raster fallen«.

Bei den anstehenden Prüfungen sei nun Augenmaß gefragt, sagte Wittbrodt. Eine Prüfung an diesem Mittwoch sei ausgesetzt worden, für weitere werde es Ersatztermine geben. »Wir geben den Studierenden auch die Gelegenheit, an den Prüfungen teilzunehmen«, so Wittbrodt. »Aber wenn sie währenddessen merken, es klappt nicht, genügt ein kurzes Signal. Dann zählt diese Prüfung nicht.«

Nach einer gewissen Zeit wolle man die Studierenden an der Fakultät ermutigen, sich dem Präsenzbetrieb wieder »zu nähern«, sagte Wittbrodt. »Biowissenschaften ist ein sehr praktisches Fach, mehr als 50 Prozent des Studiums sind Praktika.« Zudem sei ein gewisses Maß an Routine wohl auch bei der Bewältigung des Erlebten sinnvoll.

Zusätzliche Sicherheitskontrollen halte er dabei nicht für das richtige Mittel, sagte Wittbrodt. »Das ist eine ganz natürliche Reaktion, aber ich kann mir das an einer so freien Universität wie Heidelberg nicht vorstellen.« Viele Studierende hätten bei dem digitalen Treffen am Dienstag ähnlich argumentiert. »Die breite Antwort war: ›Ich würde mich auf dem Campus nicht wohlfühlen, wenn ich wie auf dem Flughafen durchleuchtet würde‹«, sagte Wittbrodt.

Der Vorsitzende der Landesrektorenkonferenz der Universitäten und Rektor der Universität Hohenheim, Stephan Dabbert, sagte: »Die Universitäten verstehen sich als weltoffene Bildungsstätten, in denen auch in diesen schweren Zeiten Austausch und Kommunikation stattfinden; sie sind damit Teil einer offenen Gesellschaft. Einschränkungen des Zugangs mit sicherheitsorientierten Kontrollmaßnahmen laufen diesem Selbstverständnis entgegen.«

Das bedeute aber nicht, dass die Universitäten Notsituationen hilflos ausgeliefert seien. »Alle Landesuniversitäten verfügen über Notfall- und Krisenpläne – diese haben im Fall von Heidelberg auch gegriffen, sodass die Einsatzkräfte innerhalb weniger Minuten vor Ort sein konnten«, sagte Dabbert.

Ermittler suchen nach Motiv

Was den Täter dazu brachte, im Hörsaal um sich zu schießen, ist noch unklar. Die Ermittler konzentrieren sich vor allem auf das Motiv, durchleuchten das Umfeld des Studenten. Die Polizei wertet zudem digitale Geräte aus, die das Spezialeinsatzkommando (SEK) bei der Durchsuchung seiner Wohnung sichergestellt hat.

Auch die Frage, wie der Biologiestudent an die beiden Langwaffen kam, von denen er eine für die Tat nutzte, ist noch unbeantwortet. Der 18-Jährige soll die Gewehre vor wenigen Tagen im Ausland gekauft haben. In seinem Rucksack hatte er noch hundert Schuss Munition.

Der baden-württembergische Landeschef der Deutschen Polizeigewerkschaft, Ralf Kusterer, sagte, bei einem Repetiergewehr und einer Schrotflinte handele es sich um nicht leicht handhabbare Waffen, die meist Jäger nutzten und die für andere in Deutschland legal kaum zu erwerben seien.

wit/dpa