Todesfahrt in Heidelberg Wie die Polizei auf Kommentare im Netz reagierte

"Tatverdächtiger: 35-jähriger Deutscher". Wenige Stunden nach der Todesfahrt von Heidelberg gab die Polizei diese Info bekannt. Doch dann ging der Kampf um die Deutungshoheit erst richtig los.

Trauer in Heidelberg
DPA

Trauer in Heidelberg


Als ein Mann sein Auto in Heidelberg in eine Menschengruppe steuerte, dabei einen Mann tödlich verletzte, mit einem Messer flüchtete und von der Polizei mit einem gezielten Schuss überwältigt wurde, da schien die Sache für viele Internetnutzer klar: "Das war doch bestimmt ein islamistischer Anschlag", "der Täter war bestimmt ein Flüchtling" - so wurde der Fall sinngemäß häufig in den sozialen Netzwerken kommentiert.

Die Polizei teilte noch am Samstagabend mit, dass derzeit nichts auf einen terroristischen Anschlag hindeute. Sie bemühte sich, Gerüchte zu dementieren - doch selbst die offiziellen Mitteilungen überzeugten längst nicht alle Nutzer.

Das Beispiel zeigt, wie aufgeregt Vorfälle dieser Art inzwischen diskutiert werden; es zeigt außerdem, dass der Kampf um die Deutungshoheit im Netz nicht leichter wird und dass auch die Behörden ihn in zunehmendem Maße führen müssen.

Die Tat am Heidelberger Bismarckplatz geschah gegen 16 Uhr. Als die ersten Fakten bekannt wurden, gingen die Ermittlungen sowie die Kommunikation der Ergebnisse etlichen Usern nicht schnell genug voran. Und so begann für eine 36-jährige Verwaltungsbeamtin im Polizeipräsidium Mannheim eine wohl unvergessliche Schicht: Anneliese Baas war für die Betreuung der Social-Media-Kanäle auf Twitter und Facebook zuständig. Weit mehr als tausend Reaktionen registrierte sie an diesem Abend.

Gegenhalten, Gerüchte dementieren - das war ihre Hauptaufgabe in jenen Stunden. "Die User unterstellten uns, wir würden etwas zurückhalten und vor ihnen verheimlichen wollen", sagt Baas. Es sei wichtig gewesen, die Internetnutzer zu beschwichtigen, ihnen zu verdeutlichen, dass die Kollegen erst ermitteln müssten und man sich nicht in Spekulationen verlieren dürfe.

"Darüber bin ich entsetzt"

Als sich herausstellte, dass der mutmaßliche Täter ein Deutscher ist, seien viele Nutzer offenbar immer noch nicht zufrieden gewesen, sagt Baas. Bei manchen habe die wiederholte Mitteilung, dass es sich bei dem Verdächtigen um einen Deutschen ohne Migrationshintergrund handele, sogar zu noch mehr Spekulationen geführt. Plötzlich wurde der Name des Verdächtigen gefordert, auch seine Religion.

"Was mich ziemlich irritiert hat, waren Kommentare von Nutzern, die uns als Vertuscher der Wahrheit bezeichneten", sagt Baas. Umso mehr erstaunt habe sie, dass vielen die Herkunft und die Religion des Täters offenbar wichtiger war als die Tatsache, dass ein Mensch ums Leben kam. "Dass die Menschen selbst dann noch nicht zufrieden sind, wenn sich herausstellt, dass kein Flüchtling die Tat begangen hat und sie wirklich noch nach Stammbaum, Foto und Vornamen fragen, darüber bin ich entsetzt", so Baas.

Am Anfang sei es noch möglich gewesen, auf einzelne Kommentare einzugehen, später habe sie das aufgrund der Masse nicht mehr leisten können. Schließlich wich Baas auch von der üblichen Ausdrucksweise der Polizei ab:

"WTF" steht für "What the fuck". Oder: "Was zum Teufel meinst du damit", wie Polizeipressesprecher Norbert Schätzle sagt. Kritik an dieser Formulierung weist er zurück. Normalerweise verfechte die Polizei eine bestimmte Wortwahl und sei auch im Internet "nicht einfach frei von der Leber weg unterwegs". Dennoch versuche man, die Sprache der Nutzer aufzugreifen und eine gewisse Nähe zu den Bürgern herzustellen. "Pauschalisierungen oder Fake News können wir im Netz nicht dulden", so Schätzle. "Wenn es der ein oder andere nicht versteht, müssen wir noch deutlicher unsere Meinung sagen."

Der Fall könnte für manche Nutzer ein Nachspiel haben: Die Polizei will die Kommentare bewerten und unter Umständen zur Anzeige bringen.

Das Motiv des mutmaßlichen Täters ist übrigens noch immer unklar. Der 35-jährige Student liegt im Krankenhaus, ist noch nicht transportfähig. Gegen ihn wurde Haftbefehl erlassen.



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