Totschlagsprozess gegen Rentnerin Er nannte sie Oma Elisabeth

Jahrelang kümmerte sich Elisabeth S. als Babysitterin liebevoll um den kleinen Ole, doch eines Abends soll sie ihn erwürgt haben. Warum? Vor Gericht bittet die Mutter weinend um eine Erklärung.

Die Angeklagte Elisabeth S.
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Die Angeklagte Elisabeth S.

Von , Heilbronn


Nach dem Tod eines Kindes warten schwere Wege auf die Eltern. Das Abschiednehmen auf einer Beerdigung, einer Trauerfeier. Das Zurückfinden ins Leben, das Durchstehen des Alltags, die Überwindung, überhaupt weiterzumachen.

Stirbt das Kind durch ein Gewaltverbrechen und ein Tatverdächtiger wird angeklagt, ist auch der Weg ins Gericht ein schwerer für die Eltern. Für Jens und Susanne T. führt er im Großen Strafkammersaal des Landgerichts Heilbronn direkt vorbei an der mutmaßlichen Täterin, an der Frau, der sie sechs Jahre lang ihren Sohn Ole anvertrauten; die sie als Ersatzgroßmutter auswählten, die ihr Kind so umsorgte, als sei es ihr Enkelkind.

Jens und Susanne T. nehmen Platz neben ihrem Rechtsanwalt Jens Rabe, von hier aus haben sie Blick auf Elisabeth S. Die 70-Jährige sitzt mit dem Rücken zu ihnen, direkt vor der Richterbank.

Sie ist angeklagt wegen Totschlags. Sie soll Ole erwürgt haben, als er in der Nacht zum 28. April dieses Jahres in ihrem Haus in der Gaisbacher Straße in Künzelsau übernachtete. Seine Eltern besuchten ein Konzert. Danach verschwand die Rentnerin, bis sie einen Abend später festgenommen wurde. Seither sitzt sie in Untersuchungshaft.

Der Staatsanwalt ist davon überzeugt, dass Elisabeth S. ein inniges Verhältnis zu Ole hatte. Sie betreute ihn seit seinem zweiten Lebensjahr, eine Zeitlang fast täglich, später weniger, wenn auch regelmäßig. Nach Ansicht des Anklägers ertrug Elisabeth S. die langen Trennungsphasen nicht mehr und entschloss sich deshalb, Ole zu töten. Sie selbst schweigt zu den Vorwürfen.

Der schlimmste Tag ihres Lebens

So befragt der Vorsitzende Richter der 1. Großen Strafkammer, Roland Kleinschroth, Oles Eltern. Ein spürbar schwerer Weg in die Vergangenheit, zum wohl schlimmsten Tag ihres Lebens.

Susanne T. beschreibt, wie sie und ihr Mann am Morgen des 28. April Ole bei Elisabeth S. abholen wollen, doch niemand öffnet. Durch das Fenster sieht das Paar noch die Spielsachen im Wohnzimmer liegen, sie rufen durch den Briefschlitz. "Ich dachte, Elisabeth sei etwas passiert, ein Herzinfarkt oder so." Ein Nachbar öffnet mit einem Zweitschlüssel das Haus, der Vater sucht im Erdgeschoss, die Mutter geht in den ersten Stock. Das Bett ist zerwühlt, niemand antwortet auf ihr Rufen.

Im Badezimmer entdeckt Susanne T. ihr Kind, tot, in der mit Wasser gefüllten Badewanne. "Ole lag da, als ob er schlafe", sagt die Mutter im Gericht. "Ich schrie ganz laut, mein Mann kam, hob ihn raus, wir trugen ihn ins Wohnzimmer." Susanne T. legt sich neben ihren Sohn, er trägt seinen Schlafanzug. "Ich wollte nicht wahrhaben, dass Ole tot ist."

Die 41-Jährige weint. "Wir wussten nicht, was los war. Wir wissen es bis heute nicht. Warum? Elisabeth, das kannst nur du sagen. Bitte! Jeden Tag, jeden Morgen, jeden Abend liege ich heulend im Bett, weil mein Sonnenschein weg ist. Ich kann nur noch in Gedanken mit ihm reden und mir mein kindliches Weltbild erhalten und hoffen, dass er ein Engel ist."

Elisabeth S. sitzt gebückt auf ihrem Stuhl, eine elegant angezogene Frau im Blazer, die grauen Haare schulterlang. Auch sie weint. Sie will an diesem ersten Verhandlungstag keine Angaben machen - weder zu ihrer Person noch zur Sache.

Ihr Mann starb vor zehn Jahren

So berichtet der psychiatrische Sachverständige, mit dem sie in der Haft sprach, aus ihrem Leben: Wie sie als Krankenschwester ihren Mann, einen Patienten, kennenlernte, ihn heiratete, 1971 einen Sohn bekam, der heute in München lebt. Wie sie mit 58 Jahren in Vorruhestand ging, um ihren Lebensabend zu genießen, zu reisen, auszugehen. Doch ihr Mann starb 2008.

Seither konzentrierte sich Elisabeth S. auf ihren Freundeskreis, ging ins Kino, besuchte Museen und Konzerte. Und sie ging offensichtlich auf in der Betreuung des kleinen Ole, dessen Eltern sie über eine Nachbarin kennengelernt hatte.

Der Vater sagt, "die Chemie zwischen ihr und Ole passte einfach". Es sei solch eine Freude gewesen, die beiden zu beobachten, wenn sie aufeinandertrafen. Elisabeth S. sei für Ole die Oma gewesen, die in der nahen Umgebung wohnte. Sie stellte Fotos von ihm in ihrem Haus auf, zeigte Bilder von ihm ihren Freunden. Für sie war er der Enkel, auf den sie seit langem wartet.

Was ist an jenem Abend passiert? Warum musste Ole sterben?

Seine Eltern sind verzweifelt. "Ich würde dich bitten, Elisabeth, dass du uns nicht zurücklässt in diesem schwarzen Loch", bittet die Mutter noch einmal im Gericht. Die Verteidigerin verspricht, die Angeklagte werde sich äußern. "Aber nicht heute."

Als der Notruf vorgespielt wird, in dem der Nachbar einen Rettungswagen für Ole bestellt, verlassen die Eltern des Jungen den Saal. Ihr Weg führt sie erneut an der Frau vorbei, die ihr Sohn voller Zuneigung "Oma Elisabeth" nannte.



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