Totschlagsprozess gegen Rentnerin Warum musste Ole sterben?

Elisabeth S. betreute fünf Jahre lang den kleinen Ole. Als ihn seine Eltern abholen wollen, finden sie ihn tot im Haus der Rentnerin. Die 70-Jährige ist angeklagt wegen Totschlags. Vor Gericht sagte nun ihr Sohn aus.

Angeklagte (Mitte) im Heilbronner Landgericht (Archivfoto)
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Angeklagte (Mitte) im Heilbronner Landgericht (Archivfoto)

Von , Heilbronn


Oles Vater erinnert sich an eine Begegnung mit Stephan S. Es muss auf einer Geburtstagsfeier von dessen Mutter Elisabeth gewesen sein. Stephan S. war aus München in seinen Heimatort Künzelsau gereist, ins Haus seiner Eltern. "Na, ist das eine feindliche Übernahme", habe Stephan S. gescherzt. Oles Vater sagt, er sei darauf nicht eingegangen. Stephan S. sagt, sein Spruch sei ein Witz gewesen, mehr nicht.

Natürlich war es keine feindliche Übernahme. Vielmehr war die Verbindung zwischen Elisabeth S. und Oles Familie eine Konstellation, die allen Beteiligten einen Vorteil bescherte: Oles Eltern hatten in Elisabeth S. eine vertrauensvolle, zuverlässige Betreuerin für ihren Sohn gefunden; Ole selbst in Elisabeth S. einen Ersatz für die Großmutter, die in der Ferne wohnt; Elisabeth S. in Ole den Ersatz für das Enkelkind, nach dem sie sich sehnte.

Und Stephan S., der erwachsene und kinderlose Sohn von Elisabeth S., im fernen München wohnend, konnte sich freuen: Nach dem Tod des Vaters hatte seine Mutter neben ihren Brüdern weiteren familiären Anschluss. "Ole war immer präsent, er war wie ein Familienmitglied", sagt Stephan S.

"Sie mag Kinder"

Der 47-Jährige sitzt im Großen Strafkammersaal des Landgerichts Heilbronn. "Es war toll, dass es Ole für meine Mutter gab", betont er. "Sie mag Kinder." Ein Satz, der in diesem Verfahren wie eine Katastrophe klingt. Seine Mutter sitzt wenige Meter von ihm entfernt auf der Anklagebank: Sie soll Ole erwürgt haben, als er in der Nacht zum 28. April dieses Jahres bei ihr übernachtete. Die 70-Jährige ist wegen Totschlags angeklagt.

Staatsanwalt Harald Lustig ist davon überzeugt, dass Elisabeth S. ein inniges Verhältnis zu Ole hatte, doch die langen Trennungsphasen nicht mehr ertrug und sich deshalb entschied, das Kind zu töten. Elisabeth S. schweigt.

Was geschah am Abend des 27. April im Haus der Rentnerin?

Roland Kleinschroth, der Vorsitzende Richter der 1. Großen Strafkammer, und Jens Rabe, der Rechtsanwalt von Oles Eltern, bemühen sich seit Beginn der Verhandlung, eine Antwort auf diese Frage zu bekommen. Sie wissen, wie wichtig sie ist, damit Oles Eltern eine Chance bekommen, ihr Leben irgendwie weiterzuführen. Ebenso Oles Freunde, seine Klassenkameraden und Lehrer.

Kleinschroth und Rabe wissen aber ebenso, dass auch für Stephan S., den Sohn der Angeklagten, die Wahrheit lebenswichtig ist. Und sie wissen, dass er für die Angeklagte der wichtigste Mensch im Leben sein dürfte.

"Für die Eltern muss es schlimm sein. Aber auch für uns ist es ein Albtraum."

Elisabeth S. ist sichtlich bewegt, als Stephan S. am Nachmittag verkündet, er werde nicht von seinem Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch machen, er werde alle Fragen beantworten. Man kann die Hoffnung einiger Prozessbeteiligter spüren. Kleinschroth wartet ab, fühlt vor, dann fragt er direkt: "Haben Sie Ihre Mutter gefragt, was passiert ist?" - "Nein." - "Das ist doch die nahe liegendste Frage. Können Sie sich denn Oles Tod erklären?"

Stephan S. sagt, er könne es sich "überhaupt nicht" erklären. Seine Mutter sei eine "liebevolle, so sanfte Person". Er besuche sie im Gefängnis, so oft er dürfe, alle zwei Wochen. Meistens weine sie. Sie unterhielten sich über "völlig Banales", sie frage viel, was in seinem Leben passiere.

Elisabeth S., einst so lebenslustig und kommunikativ, wirke auf ihn jetzt "anders, bedrückt". Richter Kleinschroth wagt den zweiten Vorstoß: Vielleicht sei die Mutter auch bedrückt, weil sie nicht damit zurechtkomme zu schweigen. Vielleicht falle es ihr schwer, nicht über das zu reden, über das dringend geredet werden müsse.

Anwalt Rabe geht schließlich in die Offensive: "Wie ist es für Sie, dass Ihre Mutter nicht darüber spricht?" Stephan S. zögert. Er wisse nicht, ob sie einfach nicht mehr wisse, was passiert sei, oder ob sie es nicht mehr sagen könne. Juristisch gesehen sei es ihr gutes Recht zu schweigen. Dann bricht ihm die Stimme weg. "Für die Eltern muss es schlimm sein. Aber auch für uns ist es ein Albtraum." Er weint. Auch er hofft, dass die Wahrheit ans Licht kommt. "Es wird sonst für beide Seiten schwer."

Die Angeklagte wischt sich mit einem Taschentuch über die Augen

Kleinschroth lässt nicht locker. Man merke, dass Stephan S. ein enges Verhältnis zu seiner Mutter habe. Wenn sie denn die Wahrheit sagen würde über das, was sich an jenem Abend, in jener Nacht abgespielt hat: "Muss sie Angst haben, dass sie ihren Sohn verlieren würde?"

Stephan S. schüttelt den Kopf. Das Glück zweier Familien sei komplett zerstört, sagt er. Aber: "Es ist noch meine Mutter. Sie ist ein Mensch. Wir sind christlich erzogen worden, da gehört auch dazu, dass sie ein Mensch bleibt. Sie muss keine Angst haben, dass ich mich von ihr abwende." Elisabeth S. blickt auf den Tisch vor sich, wischt sich mit einem Taschentuch über die Augen.

Kleinschroth schaut immer wieder zu ihr. Besonders für Oles Eltern sei es wichtig, zu erfahren, warum ihr Sohn sterben musste, betont er am Ende der Befragung noch einmal. "Es will jeder wissen, was passiert ist", sagt Stephan S. Es ist sein letzter Satz vor Gericht.



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