Totschlagsprozess gegen Rentnerin 18 Fragen an Oma Elisabeth

Die Rentnerin Elisabeth S. gibt zu, für den Tod des siebenjährigen Ole, den sie betreute, verantwortlich zu sein - doch ihre Schilderungen sind widersprüchlich. Nun sollte sie einen Fragenkatalog des Gerichts beantworten.

Angeklagte S. (Archiv)
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Angeklagte S. (Archiv)

Von , Heilbronn


Warum lag auf der Kommode im Flur ein Messer? Haben Sie einen Brief an Ihren Sohn geschrieben, war es ein Abschiedsbrief? Mit insgesamt 18 Fragen schickte die 1. Große Strafkammer des Landgerichts Heilbronn Elisabeth S. am letzten Verhandlungstag zurück in ihre Zelle in der Justizvollzugsanstalt Schwäbisch Gmünd.

"Kriegen wir Antworten auf die Fragen, die wir gestellt haben - ja oder nein?", fragt der Vorsitzende Richter Roland Kleinschroth nun. "Natürlich!", antwortet Elisabeth S.' Verteidigerin. Das klingt beinahe zynisch. Bislang hat Elisabeth S. nämlich nur in überschaubarem Umfang dazu beigetragen, den Tod des sieben Jahre alten Ole aufzuklären.

Ole hatte in der Nacht auf den 28. April vergangenen Jahres im Haus der Rentnerin übernachtet. Seit Jahren hütete Elisabeth S. den Jungen immer mal wieder. Seine Eltern fanden Ole, als sie ihn am Vormittag abholen wollten, tot. Er lag erwürgt in der gefüllten Badewanne, Elisabeth S. war verschwunden.

"Für mich einer der wichtigsten Menschen der Welt"

Am achten Verhandlungstag will Elisabeth S. nun endlich Antworten geben auf die vielen Fragen, und besonders Oles Eltern erhoffen sich Gewissheit über seine letzten Lebensstunden.

Elisabeth S. spricht mit tränenerstickter Stimme. Es falle ihr "sehr, sehr schwer zu reden", sagt sie. "Ole war für mich einer der wichtigsten Menschen der Welt." Es sei unerklärlich, "wie ich in dieser Nacht reagiert habe".

Ole sei müde gewesen, er hatte am Nachmittag Tennis gespielt. Sie habe ihn gefragt, ob er baden und Haare waschen wolle. Er habe gewollt, sie habe Wasser in die Wanne gelassen. Dann habe er sich doch dagegen entschieden. Sie habe vergessen, das Wasser wieder abzulassen.

In der Nacht sei Ole aufgewacht, er habe schwer geatmet. "Ich habe gedacht, er habe etwas im Hals stecken, etwas verschluckt", sagt Elisabeth S. Mit beiden Händen habe sie den Jungen erst von vorne geschüttelt, dann am Hals gedrückt. "Ich hatte Angst um ihn, er hat nicht richtig geatmet."

Sie habe ihn rückwärts ins Badezimmer gezogen, an der Wanne nach vorne gebeugt und ihn mit Wasser bespritzt. Dabei sei Ole ins Wasser geglitten. Das Gericht hakt nach, stellt viele Fragen, die nicht auf der langen Liste stehen. Elisabeth S. aber beantwortet sie nicht, redet sich heraus.

Nicht ertragen, dass Ole älter wurde?

In Panik sei sie anschließend aus dem Haus gestürzt, vorbei am Friedhof, runter zum Fluss Kocher. Dort sei sie ins Wasser gerutscht. Bei Einbruch der Dunkelheit sei sie zurück zu ihrem Haus. Als sie sich auf die Rückbank ihres Autos gelegt hatte, wurde sie von Polizeibeamten entdeckt.

Vehement widerspricht Elisabeth S. der Annahme der Staatsanwaltschaft. Deren Vertreter Harald Lustig ist überzeugt: Die Rentnerin habe es nicht mehr ertragen, dass Ole - den sie seit fünf Jahren zeitweise tagelang betreuen durfte - aufgrund seines Alters seltener zu Besuch kam; deshalb habe sie sich dazu entschlossen, Ole zu töten.

"Ich hatte keine Angst, ihn zu verlieren", sagt Elisabeth S. am Montag. Es sei für sie klar gewesen, dass Ole größer werde und weniger Aufsicht benötige. "Ich habe nie gedacht, dass er mir gehört."

"Unser Junge ist nicht ertrunken"

Elisabeth S. präsentiert mit ihren Antworten eine ausführliche Variante einer Version, die sie dem Gericht schon einmal offeriert hat. Damals hatte sie sich dem psychiatrischen Sachverständigen Thomas Heinrich anvertraut.

"Es ist ganz furchtbar schlimm", sagt Elisabeth S. nun immer wieder. Sie wisse, wie furchtbar es besonders für Oles Eltern sei. Auch das klingt zynisch an diesem Tag und so ergreift Oles Vater erneut das Wort und spricht von einem "Taktieren der Frau S." Noch einmal betont der Vater, wie unerträglich es für ihn und seine Frau sei, dass die Angeklagte sich weigere, die Wahrheit zu sagen. "Unser Junge ist nicht ertrunken, unser Junge wurde erwürgt."

Alles, was Elisabeth S. hier vortrage, wie schlecht es ihr zuletzt gegangen sei, halten Oles Eltern für erfunden. "Sie war das blühende Leben. Sie ist eine unglaubliche Schauspielerin, die ganz genau wusste, was sie tat."

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