Aussage von angeklagter Rentnerin Die Nacht, in der Ole starb

Im Fall des getöteten Ole aus Künzelsau hat die Angeklagte die Verantwortung übernommen. Doch ihre Erklärung vor Gericht ist unstimmig - und für die Eltern des Jungen kaum auszuhalten.

Angeklagte S. (Archiv)
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Angeklagte S. (Archiv)

Von , Heilbronn


Schlimmer könne es nicht kommen. So hat es Roland Kleinschroth formuliert, der Vorsitzende der 1. Großen Strafkammer am Landgericht Heilbronn. "Schlimmer wäre nur, wenn Oles Eltern nicht erfahren, was passiert ist. Das wäre für sie, als würde es noch mal passieren."

Nach dieser Ansprache des Richters in der vergangene Woche brach Elisabeth S. ihr Schweigen. Zwar nicht im Sitzungssaal, aber sie vertraute sich Thomas Heinrich an, dem psychiatrischen Sachverständigen. Ihm schilderte sie, was sich am Abend des 27. April vergangenen Jahres in ihrem Haus in Künzelsau zugetragen hat, als Ole in ihrer Obhut war.

Die Eltern des Jungen hatten den Siebenjährigen am Vormittag des 28. April tot im Badezimmer der Rentnerin gefunden. Die 70-Jährige selbst blieb zunächst verschwunden. Mehr als fünf Jahre lang war Ole für Elisabeth S. wie ein Enkel gewesen, sie für ihn wie eine Großmutter.

Gutachter Heinrich fasst an diesem Montag zusammen, was die Angeklagte berichtet hat. Er macht es kurz. Nachdem Oles Mutter den Jungen zu Elisabeth S. gebracht habe, habe die alleinstehende Rentnerin ihren Angaben zufolge zunächst mit ihm Hausaufgaben gemacht, Spielzeug aus dem Keller geholt und zu Abend gegessen. Sie habe bei dem Gespräch mit ihm zeitweise geweint und bedrückt gewirkt, aber habe sich ansonsten nicht auffällig verhalten, so Heinrich.

Nach dem Essen habe Ole baden wollen - ein Kind, dessen Eltern mehrfach vor Gericht schilderten, dass der Junge kaum mehr scheute als Wasser - deshalb habe sie die Badewanne eingelassen, behauptet Elisabeth S. Dann habe Ole doch nicht mehr baden wollen, im Schlafanzug habe er noch ferngesehen und Schokolade gegessen. Es gibt ein Foto, wie Ole so auf dem Sofa sitzt. Elisabeth S. hat es mit ihrem Handy aufgenommen.

In Panik aus dem Haus gestürzt

Zusammen hätten sich die beiden danach in Elisabeth S.' Bett gelegt, sie habe ihm eine ausgedachte Geschichte über eine Stadt- und eine Landmaus erzählt. Ole sei eingeschlafen, sie habe noch länger wach gelegen.

Im Dunkeln sei Ole aufgewacht, habe schlecht geatmet, sie sei in Panik geraten, habe ihn ins Bad gezogen und dort mit Wasser aus der noch immer gefüllten Wanne beträufelt. Ole sei ins Wasser geplumpst. Sie sei in Panik aus dem Haus gestürzt.

Die Würgemale an Oles Hals könne sie sich nicht erklären. Warum sie dem Kleinen etwas hätte antun sollen, habe Elisabeth S. den Psychiater gefragt. Sie habe keinen Hass gegen ihn gehegt, keinen Zorn, und sie habe auch keine Verlustängste empfunden, wie es ihr die Staatsanwaltschaft unterstellt.

Nach ihrer Festnahme hatte Elisabeth S. in einer ersten Vernehmung angegeben, Ole sei beim Hüpfen auf dem Bett gegen eine Kante geknallt. Sie habe bei der Reanimation alles falsch gemacht, was man falsch machen könne; sie habe das Kind in die Badewanne gelegt und sei weggelaufen.

Erst war es ein Unfall, jetzt eine Atemnot - Richter Kleinschroth wendet sich direkt an die Angeklagte: Was denn nun? "Sie weiß, dass außer ihr niemand infrage kommt", sagt ihre Verteidigerin Anke Stiefel-Bechdolf. Der Richter zeigt sich verwundert, bisher habe die Angeklagte keine Verantwortung für Oles Tod übernommen.

Elisabeth S. kauert über dem vor ihr stehenden Tisch, versteckt ihr Gesicht in beiden Händen und flüstert: "Ich übernehme die Verantwortung."

"Ich mache mir große Vorwürfe"

Im Anschluss an das Gespräch mit dem Gutachter rief Elisabeth S. nach Angaben ihrer Anwältin in deren Kanzlei an, um ihre Aussage gegenüber dem Sachverständigen zu ergänzen. Anke Stiefel-Bechdolf trägt diese Ergänzungen nun im Namen ihrer Mandantin vor: "Ich mache mir große Vorwürfe, ich möchte alles ungeschehen machen." Sie habe gedacht, Ole habe sich verschluckt, ihn deshalb geschüttelt und überall gedrückt. "Ich muss ihn auch am Hals gedrückt haben."

Worte, die für Oles Eltern eine Zumutung sein müssen. Sie treten in dem Verfahren als Nebenkläger auf. "Frau S., Sie waren Krankenschwester, viele Jahre lang, Ihnen ist der Unterschied zwischen Reanimation und Würgen vollkommen klar", sagt ihr Anwalt Jens Rabe. Der Gerichtsmediziner werde die Würgemale erklären. "Sie sagen, Sie seien verantwortlich für Oles Tod. Also haben Sie Ole gewürgt!"

"Habe ich nicht", flüstert Elisabeth S.

Ihre Erklärung für das, was an jenem Abend im April geschehen sei, sei "Schrott", sagt Nebenklageanwalt Rabe. "Frau S. hat keine andere", erwidert ihre Verteidigerin. "Mir tut alles so leid", sagt Elisabeth S. auf einmal. "Ich wollte Ole nie etwas tun. Ich habe ihn immer gut versorgt."

Die Kammer macht an diesem Tag keinen Hehl daraus, dass ihre Geduld nun zu Ende ist. Mehrfach hatte das Gericht versucht, auf besondere Weise auf die Angeklagte einzugehen, um die genauen Hintergründe dieses Verbrechens aufzuklären.

Auch Oles Vater zeigt noch einmal deutlich, welcher Qual die Angehörigen ausgesetzt sind. Es sei kaum auszuhalten, was sie sich anhören müssten, sagt er. Die Erklärung von Elisabeth S., wie Ole gestorben sei, verstärke ihren Schmerz. "Es macht es nur noch schlimmer."

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