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26. März 2009, 18:00 Uhr

Heilbronner Phantomjagd

"Plötzlich war die DNA nicht mehr da"

Von und

Sie ist die meistgesuchte Frau Deutschlands - doch gibt es diese Kriminelle überhaupt? Das "Phantom" könnte auch eine harmlose Mitarbeiterin eines Medizintechnikherstellers sein, deren DNA Polizisten mittels verunreinigter Wattestäbchen an die Tatorte trugen. Ein Skandal zeichnet sich ab.

Hamburg - Die Leiche war bis zur Unkenntlichkeit verbrannt - und die Ermittler standen vor einem Rätsel. Wer war dieser Mann, dessen sterbliche Überreste sie im französischen Forbach nahe der Grenze zum Saarland entdeckt hatten? Sie gingen die Vermisstenkartei durch und siehe da: Ein syrischer Asylbewerber war seit 2002 nicht mehr gesehen worden. Das konnte passen.

Doch wie sollte man den Beweis führen? Von dem verkohlten Leichnam konnte man keine Fingerabdrücke nehmen - und der Vermisste hatte nie eine DNA-Probe abgegeben. Die Ermittler ersannen einen Umweg, wie Ernst Meiners, Sprecher der Saarbrücker Staatsanwaltschaft, am heutigen Donnerstag sagte.

Die Beamten ließen Gen-Material aus den Fingerabrücken herausarbeiten, die der Mann bei seinem ausländerrechtlichen Verfahren hatte abgeben müssen. Dabei seien plötzlich Spuren des "Phantoms" aufgetaucht, so Meiners. "Das konnte einfach nicht sein." Denn die DNA der Gesuchten ist weiblich.

Der Fingerabdruckbogen des Asylbewerbers habe außerdem längere Zeit in einer Akte gelegen. Mit einem "garantiert DNA-freien" Wattestäbchen sei dann ein Gegentest gemacht worden. Das Ergebnis: "Plötzlich war die DNA des 'Phantoms' nicht mehr da", sagte der Sprecher. "Das ließ ja zumindest den begründeten Schluss zu, das Untersuchungsmaterial ist irgendwie nicht in Ordnung."

Harter Schlag für die Ermittler

Für die Kriminalisten war es ein Schlag, wie man ihn sich härter kaum vorstellen kann. Seit Jahren suchen Dutzende Beamte in mehreren Bundesländern mit größtem Aufwand die sogenannte "unbekannte weibliche Person" (uwP), die im Verdacht steht, seit Mai 1993 an zahlreichen Diebstählen, 16 Einbrüchen, einem Raubüberfall sowie mindestens zwei versuchten und drei tatsächlich erfolgten Morden beteiligt gewesen zu sein - darunter auch an der Erschießung der Polizistin Michèle Kiesewetter, 22, vor knapp zwei Jahren in Heilbronn.

Kriminaltechniker stellten an insgesamt 40 verschiedenen Tatorten in Deutschland, Österreich und Frankreich die DNA der Person sicher. Doch kein Zeuge schien das Phantom je gesehen zu haben, keiner konnte sich erinnern, niemand hatte eine Ahnung. Und dass die "uwP" brutal morden, dann wieder wie eine Kleinkriminelle Gartenhäuschen aufbrechen und zugleich einer hoch spezialisierten Bande von Autodieben angehören sollte, passte immer weniger in ein Täterprofil. "Es ist ein Fall, wie man ihn als Polizist höchstens einmal erlebt", sagte der Soko-Chef Frank Huber, 41, vor wenigen Wochen noch SPIEGEL ONLINE.

Obschon die Beamten das öffentlich immer bestritten hatten, scheint es nun plötzlich doch denkbar, dass es die Gesuchte gar nicht gibt. Die angeblichen DNA-Spuren der "Frau ohne Gesicht" könnten auf Verunreinigungen von Wattestäbchen der Kriminaltechniker zurückgehen. Das Landeskriminalamt Baden-Württemberg untersucht inzwischen, ob das Material, mit dem Spuren an Tatorten gesichert wurde, schon vorher die entsprechende DNA enthielt.

Die Greiner Bio-One International AG steht nach SPIEGEL-Informationen im Fokus der Ermittlungen. Sie teilte am Donnerstagabend offiziell mit, dass die Abstrichbestecke nicht für die DNA-Analytik zertifiziert seien. Die Wattestäbchen würden sterilisiert, doch "mögliche vorhandene DNA-Verunreinigungen menschlichen oder tierischen Ursprungs können durch eine Sterilisation nicht beseitigt werden".

Die Ermittler wollen nun die Details klären: "Aktuell sind wir dabei, den Vertriebsweg der Wattestäbchen nachzuvollziehen, um festzustellen, wo eine DNA-Verunreinigung stattgefunden haben könnte", sagte der Leiter des Kriminaltechnischen Instituts des Landeskriminalamts, Werner Kugler. Die in Frage kommenden Wattestäbchen seien aus dem Ausland importiert worden. Die Kunststoffröhren und der dazugehörige Deckel würden aber in Deutschland produziert. Eine Zulieferfirma in Deutschland füge die Einzelteile zusammen.

"Dort sind gerade Kollegen, um herauszufinden, ob das Zusammenfügen der Teile automatisch oder händisch passiert", sagte Kugler. Es könnte sein, dass eine Mitarbeiterin die Wattestäbchen beim Zusammenfügen mit ihrer DNA verunreinigte. "Ein sicherer Ausschluss ist nur durch eine Vergleichsspeichelprobe möglich." Die ersten Ergebnisse gebe es Anfang nächster Woche.

Der Fall Ursula Herrmann

Als der Augsburger Oberstaatsanwalt Reinhard Nemetz am Donnerstagmorgen hörte, dass es im Fall des "Phantoms von Heilbronn" Zweifel an den DNA-Spuren gebe, musste er sofort an die 1981 erstickte Ursula Herrmann denken. 27 Jahre lang versuchte Nemetz, ihren Mörder zu finden. Gegen den tatverdächtigen Werner M. wird derzeit vor dem Landgericht Augsburg verhandelt. Im Frühjahr 2007 hatte sich bei einem routinemäßigen Abgleich herausgestellt, dass genetisches Material im Fall Herrmann mit einer Spur aus dem Mord an der 2006 Münchner Millionärin Charlotte Böhringer übereinstimmt. Die Aufregung war groß.

Der DNA-Treffer mit der Nummer "J 73.03.3" stammte von einer Holzschraube aus der Kiste, in der die entführte Ursula erstickt war. Mit neuester Kriminaltechnik war es Experten der Spurensicherung gelungen, daran einen genetischen Fingerabdruck sicherzustellen. Es war exakt der, der auch in Böhringers Wohnung an einem Glas in der Geschirrspülmaschine und am Griff einer Kommode gefunden wurde.

Wie kam es dazu? "Wir gehen von einer Verunreinigung aus", sagte Oberstaatsanwalt Nemetz SPIEGEL ONLINE. In den Ermittlungen zum Fall Herrmann habe die Spur daher keine besondere Rolle mehr gespielt. Schließlich wurde der Neffe des Opfers, Benedikt T., verurteilt. Der 33-Jährige beteuert noch immer seine Unschuld. Jetzt sagte sein Verteidiger Peter Witting SPIEGEL ONLINE: "Die DNA-Spur ist ein wichtiger Entlastungsbeweis für meinen Mandanten, auch weil sie nur im Fall Herrmann gesichert wurde."

Rache eines Polizisten?

Zeitweise wurde das Gerücht kolportiert, ein frustrierter Ermittler habe die Spuren absichtlich gelegt, um sich an seinen Kollegen zu rächen. Davon geht auch der erfahrene Strafrechtler Walter Rubach aus, Verteidiger des im Fall Herrmann tatverdächtigen Werner M.. Belegt werden konnte diese Version jedoch nicht.

Rubach kann die Aufregung um die mögliche Panne im Fall des "Phantom von Heilbronn" nicht nachvollziehen. Die DNA-Analyse als kriminalistische Methode hält er für überschätzt. "Es ist nur eines von vielen Beweismitteln." So manch einen Mordprozess habe er erlebt, in dem allein die Überprüfung der DNA-Spur viel Zeit gekostet habe: Wem gehörte die Tasche zuvor? Wer hat sie auch noch getragen? In welchem Auto war sie schon einmal? Wer kann sie noch berührt haben?

Auch der Berliner Rechtsanwalt Stefan König, der dem Strafrechtsausschuss des Deutschen Anwaltsvereins vorsitzt, warnt vor einer übertrieben Gen-Hörigkeit der Behörden. Man habe zu lange geglaubt, "mit der DNA-Analyse eine über jeden Zweifel erhabene Wunderwaffe zu besitzen", so König zu SPIEGEL ONLINE. Das sei "ein Irrtum".

Der Jurist sieht "atmosphärische Auswirkungen" heraufziehen, sollte sich der Fehler schließlich bewahrheiten. In Zukunft werde man aber auf jeden Fall "skeptischer mit DNA-Spuren umgehen und auf die Frage größeres Augenmerk verwenden, wie sie dort hingelangt sind, wo sie gefunden wurden".

Das werden sich auch die Wissenschaftler des Leipziger Max-Planck-Instituts für Evolutionäre Anthropologie sagen. Eine Zeit lang glaubten sie sich dort nämlich einer medizinischen Sensation auf der Spur: Es gebe genetische Hinweise, so hieß es, dass der Neandertaler und der Homo sapiens sich sexuell nähergekommen seien. Staunen. Doch dann die Kehrtwende: Die Erkenntnis war gar keine, sondern ein Fehler im Labor, bei der Arbeit mit DNA.

Mit Material von dpa und ddp

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