Heilbronner Polizistenmord Aktenzeichen UWP ungelöst

Sie ist die meistgesuchte Frau Deutschlands: Seit 16 Jahren fahnden die Ermittler nach der brutalen Kriminellen, die auch an der Ermordung einer Heilbronner Polizistin beteiligt gewesen sein soll - jetzt gibt es eine neue Spur im Saarland. Besuch bei der Sonderkommission "Parkplatz".

Von , Stuttgart


Stuttgart - Frank Huber spricht nicht von "dem Phantom". Er nennt die Kriminelle, die er seit nunmehr genau 693 Tagen jagt und die ja in gewisser Weise seine unmittelbare Kontrahentin ist, auch nicht "die Frau ohne Gesicht", "Killerin" oder "Polizistenmörderin", wie Journalisten es gerne tun. Dazu ist der Kriminalrat Huber, 41, viel zu professionell. Also sagt er schlicht "sie" oder "Uh-We-Pe", was im abkürzungsverliebten Polizeijargon für "unbekannte weibliche Person" steht.

UWP ist die derzeit meistgesuchte Frau der Republik. Sie steht im Verdacht, seit Mai 1993 an 16 Einbrüchen, einem Raubüberfall sowie mindestens zwei versuchten und drei tatsächlich erfolgten Morden beteiligt gewesen zu sein. Hinzu kommen zahlreiche Diebstähle. Kriminaltechniker stellten an insgesamt 40 verschiedenen Tatorten in Deutschland, Österreich und Frankreich die DNA der Unbekannten sicher.

Am heutigen Mittwoch wurde bekannt, dass die Gesuchte in der Nacht zum 7. Juli 2007 in eine Grundschule eingebrochen sein soll. Spezialisten sicherten DNA-Material der Serientäterin in einer Saarbrücker Schule. Der Coup gehörte zu einer Serie von elf Einbruchsdiebstählen im Sommer 2007. Die Polizei ermittelte eine neunköpfige Teenager-Gruppe als Täter. Keiner von ihnen konnte jedoch eine Erklärung dafür liefern, wie das Genmaterial der UWP an den Tatort gelangt sein könnte.

Wie immer.

Kein Zeuge scheint das Phantom je gesehen zu haben, keiner kann sich erinnern, niemand hat eine Ahnung. "Es ist ein Fall, wie man ihn als Polizist höchstens einmal erlebt", sagt Huber.

Die Taubenheimstraße 85 in Stuttgarter Stadtteil Bad Cannstatt , in dem das Landeskriminalamt (LKA) Baden-Württemberg seit 1978 untergebracht ist, ist ein grauer, verwinkelter Waschbetonklotz: Resopalböden, Netzgardinen, grelle Installationen vor der Tür. Hier sitzen, im dritten Stock, Frank Huber und seine 30-köpfige Sonderkommission "Parkplatz" - die Phantomjagdtruppe der Polizei. "Wir wollen sie unbedingt kriegen", sagt Huber. "Und mit wir meine ich alle beteiligten Dienstellen."

Der Polizistenmord

Für den Beamten ist das nicht nur die große berufliche Chance, sondern auch eine "emotionale Angelegenheit", wie er sagt. Am 25. April 2007 wurden auf der Heilbronner Theresienwiese die Polizeimeisterin Michèle Kiesewetter, 22, und ihr Kollege Martin A., 24, in ihrem Streifenwagen überfallen.

Zwei Täter, davon gehen die Ermittler inzwischen aus, pirschten sich gegen 14 Uhr an den silbernen 5er BMW Kombi heran und schossen beiden Uniformierten jeweils einmal in den Kopf. Die Polizistin Kiesewetter starb, Martin A. überlebte nur knapp. Er kann sich jedoch an die Attacke nicht erinnern.

"Die Kollegen wurden regelrecht hingerichtet", sagt Huber, der zum Zeitpunkt der brutalen Tat seit einem halben Jahr die Heilbronner Kriminalinspektion 1 leitete und plötzlich seinen zweiten großen Fall auf dem Schreibtisch hatte. "Der erste war der Mord an einer Rentnerin. Der Nachbar hatte sie aus Geldnot überfallen und erstochen, wie wir nach vier Wochen herausgefunden hatten. Die klassische Beziehungstat eben", so Huber.

Das Phantom sollte ihm die Sache nicht so leicht machen.

Am Streifenwagen der niedergeschossen Kollegen fanden Kriminaltechniker später die DNA der Unbekannten. Berichte verschiedener Zeitungen, wonach diese auf dem Beifahrersitz und der Mittelkonsole sichergestellt worden sei, weist Huber nun jedoch entschieden zurück. "Das ist Unsinn." Genauer will er sich aus "ermittlungstaktischen Gründen" zu dem Thema nicht äußern. Der Beamte will kein Täterwissen preisgeben, das in möglichen späteren Vernehmungen wichtig werden könnte.

"Ich glaube das einfach nicht"

Als Michèle Kiesewetter getötet wurde, schufteten ganz in der Nähe des Tatorts mehr als 100 Schausteller, ein Volksfest sollte demnächst beginnen, Radfahrer und Spaziergänger zogen vorüber - dennoch will niemand etwas Ungewöhnliches bemerkt haben. "Ich glaube das einfach nicht. Es gibt bestimmt einen Augenzeugen", sagt Huber engagiert. Lediglich aus Angst, so seine Hypothese, habe sich derjenige bislang nicht an die Polizei gewandt. Dabei gebe es Möglichkeiten, dass der Name des Informanten absolut vertraulich behandelt werde.

Solange sich aber mögliche Zeugen in Schweigen hüllen, bleibt den Beamten nur die akribische Auswertung aller Spuren rund um die DNA-Treffer. 3700 Hinweise haben die Ermittler mittlerweile erhalten und einen Großteil davon abgearbeitet. Es ist eine unvorstellbare Puzzlearbeit, die sie leisten und bei der bislang jede aufkeimende Hoffnung auf einen baldigen Ermittlungserfolg enttäuscht wurde. Sicher ist bloß: Die Erbinformation, die diese 39 so unterschiedlichen Taten miteinander verbindet, stammt von einer Frau. Der Rest sind Vermutungen.

Die Beamten, darunter auch Profiler der LKA-Abteilung Operative Fallanalyse, gehen davon aus, dass die Gesuchte zwischen 20 und 50 Jahre alt ist. Sie habe Kontakte zur Drogenszene und bewege sich, mobil wie sie sei, vorzugsweise im südwestdeutschen Raum. Ein österreichischer Wissenschaftler habe zudem festgestellt, dass bestimmte Merkmale ihrer DNA vor allem in Osteuropa aufträten, sagt Huber. Aber was nützt das schon? Den Fahndern fehlt ein Gesicht.

Voller Widersprüche sind zudem auch noch die Taten, mit denen die Unbekannte in Zusammenhang gebracht wird. "Von sehr organisiert bis ziemlich planlos reicht die Bandbreite", so Huber. Einfache Einbrüche etwa in Lauben und Wohnwagen sind darunter, "bei denen wohl bloß Geld für Nahrungsmittel erbeutet oder eine Schlafstätte gefunden werden sollte". Dann wiederum geht es um Airbag- und Autodiebstähle, "für die man üblicherweise Auftraggeber hat. Das macht man nicht im Vorbeigehen", sagt der Chefermittler. Im Übrigen seien das Delikte, die für Frauen sehr untypisch seien.

Dazu passe, dass die mutmaßlichen Mittäter bei diversen Coups zwar Angaben zu ihrer eigenen Tatbeteiligung und zu der anderer Personen gemacht, jedoch nie von einer Frau gesprochen hätten. "Es könnte also sein, dass wir es mit jemandem zu tun haben, der trotz seiner eindeutig weiblichen DNA wie ein Mann wahrgenommen wird", so der Kriminalrat. "Zu diesem Aspekt bekommen wir sehr viele Hinweise."

Die bislang letzte Spur

Die vorletzte, die 39. Spur hinterließ das Phantom in einem Mehrfamilienhaus in Mannheim-Neckarstadt. An der Wohnungstür eines 29-jährigen Serben stellten Kriminaltechniker die DNA der Gesuchten fest, nachdem dort im Herbst 2008 der Mieter einen 36-jährigen Russlanddeutschen niedergestochen hatte.

Da sich aber nicht feststellen lässt, wann eine DNA-Spur gelegt wurde, bleibt den Ermittlern auch in diesem Fall nur eine Hilfskonstruktion: Die Tür, der sogenannte "Spurenträger", wurde im Oktober 2005 eingebaut, die UWP muss also in den folgenden drei Jahren an der Wohnung gewesen sein. Hunderte Befragungen und Speichelproben rund um den Fundort brachten aber bislang kein Ergebnis.

Er habe keine Angst zu scheitern, sagt Kriminalrat Huber betont gelassen und verschränkt die Arme vor der Brust. "Wir werden sie kriegen. Irgendwann muss ihre irre Glückssträhne einfach abreißen." Wer so viele Straftaten begehe, fliege früher oder später auf, da sei er sich sicher. "Es ist nur eine Frage der Zeit."

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