Heilbronner Polizistenmord Jagd auf das Phantom

Weiblich, drogenabhängig, skrupellos: Das sind die Merkmale der Unbekannten, die vor fast genau einem Jahr in Heilbronn die Polizistin Michèle Kiesewetter erschossen haben soll. Jetzt ist eine neue Spur von ihr aufgetaucht.

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Hamburg - Ist sie jung oder alt? Kräftig oder mager? Blond oder brünett? Ist sie die Chefin einer Einbrecherbande, eine Gangster-Braut, eine Obdachlose?

Die Ermittler wissen es nicht.

Überhaupt es ist nicht viel, was die Polizeibehörden und Staatsanwaltschaften über jene Unbekannte zusammentragen konnten, die am 25. April 2007 auf der Heilbronner Theresienwiese die Polizeimeisterin Michèle Kiesewetter, 22, mit einem Kopfschuss getötet und ihren Kollegen Martin A., 24, schwer verletzt haben soll.

Dabei hat das "Phantom" in den vergangenen 15 Jahren nicht gerade wenig Spuren hinterlassen: Mindestens fünf Tötungsdelikte, ein Raubüberfall, Einbrüche und Diebstähle sollen auf das Konto der Frau gehen. Die Protokolle ihrer Untaten füllen meterweise Regale in deutschen, österreichischen und französischen Behörden. Allein im Büro des Kriminalhauptkommissars Klaus Appel von der Polizeiinspektion Idar-Oberstein stapeln sich mehr als 200 Leitz-Ordner zu dem Thema.

"Wir haben einfach kein Gesicht zu der Frau", sagt er. Genau das ist das Problem.

Appel soll den Mord an Lieselotte Schlenger aufklären, den ersten Fall in der mysteriösen Straftatenserie der Unbekannten. Die Leiche der 62-Jährigen aus Idar-Oberstein wurde am 26. Mai 1993 in ihrer Wohnung gefunden. Die Rentnerin war mit einem Blumendraht erdrosselt worden. Es gab keine bekannten Fingerabdrücke, keine Zeugen. Die Ermittlungen verliefen im Nirgendwo.

Das Tatwerkzeug wurde nie entdeckt

Acht Jahre später nahmen sich die Ermittler den ungelösten Fall noch einmal vor. Alle vorhandenen Asservate wurden jetzt mit dem neuen polizeilichen Allheilmittel untersucht, der DNA-Analyse. Und siehe da: Es wurden zwei Spuren gefunden, die eines Mannes und die einer Frau.

Die DNA der Frau war ein Treffer. Sie war ein Dreivierteljahr zuvor auch in Freiburg sichergestellt worden. Dort war am 24. März 2001 der alleinstehende Frührentner Josef Walzenbach erst gewürgt und dann erschlagen worden. Vermutlich ein Raubmord. Das Tatwerkzeug wurde nie entdeckt, doch für die Polizei ist der Fall seither Nummer zwei in der kriminellen Karriere der mysteriösen Unbekannten.

Sechs Monate später, am 11. Oktober 2001, verletzte sich dann im rheinland-pfälzischen Gerolstein ein Siebenjähriger an einer Heroinspritze. Die Polizei fand in der elf Zentimeter langen Insulin-Einwegspritze Reste eines Heroingemischs - und Hautschuppen der Unbekannten. Selbst an einem Keks, der wenig später in einem aufgebrochenen Wohnwagen in Mainz-Budenheim herumlag, sicherten Beamte DNA-Material - und landeten einen weiteren Treffer.

Unverwechselbare Spur an mindestens 22 Tatorten

Im Januar 2003 dann brach das "Phantom" in ein Büro in Dietzenbach bei Offenbach ein, hinterher fehlte die Kaffeekasse. Auch hier: DNA. Im Dezember wurde in Heilbronn ein Auto gestohlen, als der Wagen wieder auftauchte, war der bereits bekannte genetische Finderabdruck auf dem Tankdeckel.

Einbrüche in Freiburg und Österreich, ein Raubüberfall in Frankreich folgten - auch hier hinterließ die Unbekannte ihre DNA. Ingesamt wurde die unverwechselbare Spur der Frau an mindestens 22 Tatorten gefunden. "Da passt nichts zusammen", bilanziert Polizeisprecher Peter Lechner. "Warum sollte jemand eine Polizistin umbringen, wenn er vorher ein Gartenhaus aufgebrochen und dort eine Flasche Bier geklaut hat?"

Zwar könnten Kriminaltechniker aus dem Erbmaterial sogar Wissen etwa über die ethnische Herkunft der Unbekannten gewinnen und damit Rückschlüsse auf eine mögliche Haar- und Augenfarbe ziehen. Doch das Gesetz erlaubt es den Beamten nur, die nichtcodierten Abschnitte der DNA zu analysieren. Die jedoch tragen keine Erbinformationen.

Speichelprobe von allen Frauen - ohne Erfolg

So zog das "Phantom" weiter: Am 6. Mai 2005 feuerte der damals 47 Jahre alte Möbelhändler Randolf W. in Worms mehrmals auf seinen Bruder. Eine Kugel traf ihn in den Bauch. W. gehört zu einer mehr als 200 Mitglieder umfassenden Großfamilie, es gab Streit um die Führungsrolle, der eskalierte, als es um die Grabpflege für den verstorbenen Vater ging.

Bei der Spurensuche sicherte die Polizei die DNA-Spur des "Phantoms" an einem Projektil aus der Tatwaffe, das in der Wand steckte. Ermittler befragten die ganze Sippe, sie ließen von allen Frauen eine Speichelprobe nehmen - ohne Erfolg. Die Beamten mussten die Version glauben, die ihnen angeboten wurde: Die illegale Waffe sei schon lange in Familienbesitz und habe dem verstorbenen Vater gehört. Wieder eine Sackgasse.

Und nun plötzlich taucht der Unbekannten genetischer Fingerabdruck erneut auf - und verbindet auf ebenso spektakuläre wie rätselhafte Weise zwei der aufsehenerregendsten Verbrechen, die in jüngerer Zeit in Deutschland verübt wurden.

In dem weißen Ford Escort des gebürtigen Irakers Talip O., 36, fand sich Gen-Material der Gesuchten. O. wird verdächtigt, gemeinsam mit dem Somalier Ahmet H., 26, im Januar in Heppenheim die Georgier Spartak Aruschanow, 39, Pavle Egadze, 48, und Giogi Gabroschwili, 28, getötet zu haben.

Wann kam die Spur in den Wagen?

Besonders brisant wird die Sache auch deshalb, weil Talip O. als V-Mann des rheinland-pfälzischen Landeskriminalamtes (LKA) arbeitete, und der weiße Ford Escort, in dem sich nun die DNA-Spur fand, ihm von der Polizei im Oktober 2007 zur Verfügung gestellt worden war. Die Fragen, der die Ermittler nun nachgehen müssen, lauten: Wann kam die Spur in den Wagen? Und von wem stammt sie?

Nach Angaben der Staatsanwaltschaft Frankenthal haben Talip O. und Ahmet H. bislang keine Angaben zur Sache gemacht, "die weiterhelfen", wie Oberstaatsanwältin Gisa Thermann SPIEGEL ONLINE sagte. Die Vernehmungen hätten keine "sachdienlichen Hinweise" erbracht. Meint wohl: O. und H. können sich im Verhör nicht daran erinnern, eine Frau mitgenommen zu haben.

Doch auf diese Weise haben die Ermittler nun wohl vorzugehen, wollen sie das "Phantom" fassen. Die Beamten der eigens gegründeten, 20-köpfigen Sonderkommission "Zelle" müssen rekonstruieren, wem der neuneinhalb Jahre alte Ford bisher gehört hat und welche Frauen jemals dort eingestiegen sind oder auch bloß hineingelangt haben. "Das ist wirklich kriminalistische Kleinarbeit", sagte LKA-Sprecher Herbert Klein SPIEGEL ONLINE. "Ein enormes Unternehmen."

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