Heilbronner Polizistenmord Polizei untersucht neue Spur zum Phantom

Ermittlungen gegen einen österreichischen Ex-Drogenfahnder könnten auf die Spur der mutmaßlichen Polizistenmörderin von Heilbronn führen. Der Verdacht: Hat die europaweit gesuchte Kriminelle in seinem Auftrag einen Einbruch begangen?


Hamburg - Der Sicherheitsexperte aus Österreich wandte sich direkt an die Spitze des süddeutschen Konzerns. Er wisse, dass in einem ungarischen Werk des Unternehmens wertvolle Teile geklaut würden, ließ er das Management vor gut einem Jahr wissen. Und versprach, er könne Abhilfe schaffen. Eine Abordnung der Konzernsicherheit empfing den Mann. Doch zu einer Zusammenarbeit kam es nicht.

Denn erstens konnte der Konzern keine nennenswerten Diebstähle in Ungarn feststellen. Zweitens war der Mann schlecht beleumundet. Das ergaben diskrete Recherchen in Österreich - und noch viel mehr: Von dem selbständigen Sicherheitsberater und ehemaligen Drogenfahnder zieht sich womöglich eine Spur zur mutmaßlichen Polizistenmörderin von Heilbronn, einer europaweit gesuchten Kriminellen.

Tatort Heilbronner Theresienwiese: Spurensuche an der Geisterbahn
AP

Tatort Heilbronner Theresienwiese: Spurensuche an der Geisterbahn

Konkret ermittelt das Büro für Interne Angelegenheiten des Wiener Innenministeriums gegen den Mann - unter anderem wegen des Verdachts, Einbrüche bei Unternehmen fingiert zu haben, die er als Sicherheitsexperte beriet. Ein mutmaßliches Opfer solcher Aktionen ist die österreichische Elektrokette Niedermeyer. Sie hatte den Mann nach Auskunft von Geschäftsführer Paul Niederkofler eigens engagiert, um die zunehmende Zahl von Einbrüchen einzudämmen. Er sei nicht angestellt gewesen. Eigentlich hätte der Mann überhaupt keine privaten Sicherheitsdienste anbieten dürfen - denn er war noch immer im Polizeidienst.

Ein Einbruch in die Niedermeyer-Filiale Mauthausen am 6. Juli 2006 ist für die Ermittler besonders interessant: Hier wurde die Spur der späteren Polizistenmörderin von Heilbronn gefunden.

Die Polizeimeisterin Michèle Kiesewetter, 22, wurde am 25. April 2007 auf der Theresienwiese in Heilbronn ermordet. Die Täter hatten sich am helllichten Tag dem Streifenwagen von hinten genähert und den beiden Insassen in den Kopf geschossen. Kiesewetter starb, ihr 24-jähriger Kollege überlebte wie durch ein Wunder. Seine Erinnerungen an diesen Tag aber sind aus seinem Gedächtnis gelöscht.

Phantom mit Zahlencode

Im Streifenwagen fand die Polizei jene DNA-Spur, die seit 15 Jahren mehr als 30 Mal bei allen möglichen Verbrechen auftaucht. Meistens sind es kleine Delikte wie Einbruch oder Autodiebstahl. Doch die Spur fand sich auch bei mehreren Tötungsdelikten - Fälle, die so gar nicht zu den anderen Taten passen wollen.

Bis heute haben die Ermittler kein Bild von dieser Frau. Sie haben immer nur wieder die gleiche DNA-Spur, mehr nicht. Ein Zahlencode - aber unverwechselbar. Manches deutet darauf hin, dass die Frau aus Osteuropa stammt, aber sicher ist das keinesfalls.

Kann nun der ehemalige Wiener Polizist dem Phantom ein Gesicht geben? Immerhin war der Mann vier Wochen nach dem Polizistenmord in Süddeutschland, das belegt der Besuch bei dem Unternehmen jenseits der Grenze. Gab es möglicherweise sogar ein Treffen mit der mutmaßlichen Polizistenmörderin?

Das alles ist reine Spekulation. Möglich aber wäre, dass der Ex-Kriminaler sich in ihrem Milieu bewegt. Denn im Umfeld osteuropäischer Krimineller habe er das Personal für die Einbrüche rekrutiert, lautet der Verdacht der Wiener Ermittler.

Gab er auch den Einbruch in die Niedermeyer-Filiale in Mauthausen bei Linz in Auftrag, bei dem die Spur jener Frau gefunden wurde? Dort hatten vermutlich drei Täter mit einem Gullydeckel das Schaufenster eingeschlagen und die Auslage geplündert: Digitalkameras, Laptops, Handys. Es gelang der Polizei, einen der Täter festzunehmen. Die Ermittler vernahmen ihn nach allen Regeln der Kunst - aber er schwieg. Und auch nach dem Polizistenmord von Heilbronn und einer mittlerweile ausgelobten Belohnung von 150.000 Euro blieb er stumm.

Trinkfest und abenteuerlustig

Der Sicherheitsexperte aus Österreich bestreitet jede Verwicklung in den Fall. Die ihm zu Last gelegten Einbrüche seien in anderen Bundesländern gewesen, die Vorwürfe an den Haaren herbeigezogen. "Das ist ein Racheakt von Kriminellen, die ich zur Strecke gebracht habe", sagt er. Er sei absolut unschuldig.

Der Mann ist eine schillernde Figur. Er gilt als eitel, selbstbewusst und selbstgerecht. Jahrelang ermittelte er als Undercover-Polizist im Wiener Rotlichtmilieu. Er protzte mit seiner Trinkfestigkeit, sexuellen Abenteuern und seiner Risikolust. Er fand offenbar Gefallen an dem Leben in der Halbwelt und der Gefahr. Er brachte mehrere Dealer hinter Gitter - bis er schließlich selbst in Untersuchungshaft landete. Kokainkonsum gab er zu, angeblich zur Tarnung, die restlichen Anschuldigungen ließen sich nicht nachweisen, die Zeugen zogen ihre Aussagen wieder zurück. Auch damals habe sich jemand an ihm rächen wollen, sagt er.

Nach Abschluss der Ermittlungen musste er wieder die Uniform anziehen und normalen Polizeidienst machen. Doch das reichte dem Mann nicht, der sich selbst als Adrenalin-Junkie bezeichnet. Er suchte den Kick in der Sicherheitsbranche, und er machte ganz offensichtlich Eindruck im Gewerbe. Selbst ein angesehenes Schweizer Sicherheitsunternehmen, das hochkarätige Firmen zu seinen Kunden zählt, nimmt seine Dienste in Anspruch.

Seit einem Monat nun ist der Mann nicht mehr bei der Polizei, er ließ sich frühpensionieren. "Ich konnte den Polizeidienst nicht mehr mit meinem Gewissen vereinbaren", sagt er.



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