Heineken-Entführer Willem Holleeder verurteilt "Er ist immer noch mein Bruder"

1983 entführte er den Chef des Heineken-Konzerns: Willem Holleeder ist der bekannteste Kriminelle der Niederlande. Nun ist er zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt worden - auch wegen der Aussage seiner Schwester.

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Als das Urteil gegen ihren Bruder gesprochen wird, sitzt Astrid Holleeder in einem Nebenraum des Amsterdamer Bezirksgerichts. Ihre Schwester ist da, Nichten und Neffen. Ein Monitor zeigt die Verhandlung gegen ihren Bruder ein paar Räume weiter. Astrid schließt die Augen.

Dann sagt der Richter, dass Willem Holleeder zu einer lebenslange Freiheitsstrafe verurteilt wird. Astrid spürt Erleichterung. Sie weint, umarmt ihre Schwester. So erzählt sie es später am Telefon dem SPIEGEL.

Sie hat erreicht, wofür sie jahrelang gekämpft hat: eine lebenslange Freiheitsstrafe für ihren Bruder. Wim, wie sie ihn nennt. Der ihr als kleiner Junge einen Vogel schenkte, den er bei einer Kirmes gewonnen hat. Wim, den sie später als Serienkiller bezeichnen wird.

Der Prozess der heute in den Niederlanden zu Ende gegangen ist, ist in vielerlei Hinsicht außergewöhnlich: der schiere Umfang, die Zeugen, die brutalen Taten. Doch in erster Linie steht er für die Geschichte einer Schwester, die sich von ihrem Bruder abwendet, ihn verrät - und ihn am Ende zu Fall bringt.

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Willem Holleeder: Ein kriminelles Leben

Vor Gericht stand Willem Holleeder, der bekannteste Kriminelle der Niederlande. 1983 entführte er mit einem Komplizen Freddy Heineken, Chef des gleichnamigen Bierkonzerns (lesen Sie hier mehr darüber). Die Gangster erpressten 35 Millionen Gulden, umgerechnet 16 Millionen Euro. Holleeder stieg zu einer Größe der Amsterdamer Unterwelt auf. Neun Jahre saß er wegen der Entführung im Gefängnis.

Im Februar 2018 hat ein weiterer Prozess gegen ihn begonnen. Sechs Menschen, so die Anklage, habe er auf dem Gewissen, alle waren in kriminelle Geschäfte verwickelt. Holleeder soll fünf Morde beauftragt haben, einen Totschlag, einen versuchten Mord und eine schwere Misshandlung. Außerdem soll er Teil einer kriminellen Organisation gewesen sein, mit dem Ziel, Morde zu begehen und Waffen zu beschaffen.

Nur ein "kleiner Gauner"

Holleeder hat die Vorwürfe zurückgewiesen. Er sei nur ein "kleiner Gauner". Seine Anwälte forderten Freispruch.

Doch das Gericht hat ihn nun in allen Punkten schuldig gesprochen. Er wurde zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt. Richter Frank Wieland sagte, Holleeder habe skrupellos und gleichgültig über das Leben anderer verfügt (lesen Sie hier das Urteil).

Astrid Holleeders Stimme klingt zerbrechlich am Telefon. Sie hört sich müde an, abgekämpft. "Wir freuen uns so sehr, dass das Gericht unseren Aussagen geglaubt hat", sagt sie. Das sei einer der wichtigsten Tage in ihrem Leben.

Astrid Holleeder als Mädchen in der Grundschule: Seit sie sich gegen ihren Bruder gewendet hat, fürchtet sie um ihr Leben. Deswegen hat sie der Veröffentlichung eines aktuellen Fotos nicht zugestimmt.
Privatbesitz der Familie Holleeder

Astrid Holleeder als Mädchen in der Grundschule: Seit sie sich gegen ihren Bruder gewendet hat, fürchtet sie um ihr Leben. Deswegen hat sie der Veröffentlichung eines aktuellen Fotos nicht zugestimmt.

Es ist gut sieben Jahre her, dass Astrid Holleeder entschieden hat, ihren Bruder zu verraten. Damals war Willem aus dem Gefängnis gekommen. Er hatte wegen Erpressung eingesessen. Astrid holte ihn nach seiner Freilassung ab.

Man muss wissen: Astrid Holleeder ist Anwältin für Strafrecht. Das einzige von vier Geschwistern, das das Gymnasium besuchte. Jahrelang zwang Willem sie, ihm zu helfen.

Nach seiner Freilassung 2012 sieht sie, dass er wieder in alte Muster verfällt. Im Interview mit dem SPIEGEL sagte sie im vergangen Jahr: "Für mich ist er ein Serienkiller, der nicht aufhören wird. Damit konnte ich nicht mehr leben."

Sie beschließt, die Gespräche mit ihrem Bruder aufzuzeichnen und mit der Polizei zusammenzuarbeiten. In ihrem Buch "Judas" beschreibt Astrid, wie Willem die Familie jahrelang terrorisierte. Wie er eine Waffe auf den eigenen Neffen richtete, wenn seine Schwestern nicht kuschten. Willem Holleeder macht Astrid für das jüngste Strafverfahren verantwortlich und bezichtigte sie der Lüge.

Seit sie sich gegen ihn gestellt hat, fürchtet Astrid Holleeder um ihr Leben. 2015 erfährt sie, dass Willem den Mord an ihr und ihrer Schwester Sonja in Auftrag gegeben haben soll - so schreibt sie es in ihrem Buch. Den Auftrag erteilte er im Amsterdamer Hochsicherheitsgefängnis, wie ein Mithäftling später aussagte. Die Ermittlungen konnten den Verdacht nicht erhärten, deshalb ist der Vorwurf nicht Teil der Anklage.

Doch die Angst bei Astrid blieb. Sie führte das Leben einer Gejagten. Wechselte ständig den Wohnort, fuhr gepanzerte Autos. Ihre Tochter und die Enkel sah sie selten. Zu groß war das Risiko für sie.

Auch die zweite Schwester Holleeders, Sonja, hat in dem Prozess gegen ihn ausgesagt. Richter Frank Wieland hob die Rolle der Schwestern in seiner Urteilsverkündung hervor. Ihre Aussagen seien glaubwürdig. Sie hätten aus Angst vor ihm ausgesagt und aufgrund der Art und Weise, wie Holleeder seine Familie behandelt habe, sagte Wieland laut der Zeitung "Telegraaf".

Freunde und Komplizen: Cor van Hout und Willem Holleeder in einem Hotel in Beauvais, Frankreich. Nach der Heineken-Entführung wurden die beiden dort 1984 festgenommen.
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Freunde und Komplizen: Cor van Hout und Willem Holleeder in einem Hotel in Beauvais, Frankreich. Nach der Heineken-Entführung wurden die beiden dort 1984 festgenommen.

Eines der Opfer ihres Bruders lag Astrid besonders am Herzen: Cornelis van Hout, genannt Cor. Willem und Cor kennen sich seit ihrer Schulzeit. Sie wurden enge Freunde, später heiratete Cor Willems Schwester Sonja. Cor wurde Familie. Astrid mochte ihn.

Cor und Willem begingen ihren größten Coup gemeinsam: Sie entführten Freddy Heineken. Doch das Geld, das sie erpressten, sagt Astrid, wurde ein Fluch. Sie stritten sich um die Millionen, schließlich überwarfen sie sich. 2003 gab Holleeder den Auftrag, van Hout ermorden zu lassen. Davon ist das Gericht überzeugt.

Van Hout stand vor einem chinesischen Restaurant in der Gemeinde Amstelveen, als sich zwei Männer auf einem Motorrad näherten. Sie feuerten mehrere Schüsse auf van Hout ab, er verblutete auf dem Bürgersteig.

Chronik: Von der Heineken-Entführung zum Mordprozess
9. November 1983 - Entführung Freddy Heinekens
Willem Holleeder, sein Freund und späterer Schwager Cor van Hout und drei Komplizen entführen Alfred Heineken. Er ist Chef des Bierimperiums, das seinen Namen trägt. Drei Wochen halten sie ihn und seinen Fahrer Ab Doderer in einem Wellblechschuppen im Hafen von Amsterdam gefangen, auf einer dünnen Matratze, die Handgelenke an der Wand festgekettet. Holleeder und seine Komplizen erpressen 35 Millionen Gulden (rund 16 Millionen Euro). Von dem Lösegeld blieben 3,5 Millionen Euro verschwunden. Die Kidnapper werden 1984 in Frankreich festgenommen.
1992 - Willem Holleeder wird aus der Haft entlassen
Neun Jahre nach der Entführung Alfred Heinekens kommen Willem Holleeder und Cor van Hout frei.
24. Januar 2003 - Attentat auf Cor van Hout
Cor van Hout wird in Amsterdam erschossen. Schon Jahre zuvor hätten sich die beiden wegen der Heineken-Millionen überworfen, schreibt Astrid Holleeder in ihrem Buch. Die Staatsanwaltschaft wirft Willem Holleeder vor, den Mord veranlasst zu haben.
2006-2012 - Willem Holleeder im Gefängnis
Willem Holleeder wird 2002 wegen Erpressung zu neun Jahren Haft verurteilt. 2012 kommt er vorzeitig frei. Danach wird Holleeder ein zwielichter Star, er gibt sich geläutert, tritt im Fernsehen auf, schreibt eine Kolumne in einem Magazin.
Dezember 2014 - Festnahme Willem Holleeder
Im Prozess um den Mord an dem Kriminellen Thomas van der Bijl wird Fred Ros verurteilt. Vor Gericht sagt Ros aus, Willem Holleeder sei der Drahtzieher hinter dem Mord. Holleeder wird am 13. Dezember 2014 wegen Mordverdachts an van der Bijl und dem Kriminellen Kees Houtman festgenommen.
2015 - Auftrag zur Ermordung Astrid Holleeders
Astrid Holleeder erfährt, dass Willem Holleeder den Mord an ihr und ihrer Schwester Sonja in Auftrag gegeben hat - so schreibt sie es in ihrem Buch. Den Auftrag erteilte er im Amsterdamer Hochsicherheitsgefängnis, wie ein Mithäftling später aussagt.
Februar 2018 - Prozess gegen Willem Holleeder
Der Prozess gegen Willem Holleeder beginnt. Holleeder soll fünf Morde beauftragt haben, außerdem einen Totschlag, einen versuchten Mord und eine schwere Misshandlung. Außerdem soll er Teil einer kriminellen Organisation gewesen sein, mit dem Ziel, Morde zu begehen und Waffen zu beschaffen. Zu seinen Opfern gehörten laut Anklage: sein Komplize bei der Heineken-Entführung, Cor van Hout, der Immobilienhändler Willem Endstra und dessen Geschäftspartner David Denneboom sowie die Kriminellen Robert ter Haak, John Mieremet, Kees Houtman und Thomas van der Bijl.
März 2019 - Plädoyer der Staatsanwaltschaft
Die Staatsanwaltschaft fordert eine lebenslange Freiheitsstrafe für Willem Holleeder. Seine Motive ließen sich immer auf Geld, Macht oder die Erhaltung seiner Position im kriminellen Umfeld zurückführen.

Der Prozess ist nach Angaben der Staatsanwaltschaft und des Gerichts einer der größten Strafrechtsprozesse, den es in den Niederlanden je gegeben hat. Er dauerte fast eineinhalb Jahre, an 63 Tagen wurde verhandelt, 230 Zeugen wurden gehört. Die Akten zu dem Fall umfassen laut Staatsanwaltschaft eine halbe Million Seiten.

Die Verhandlungen haben Astrid Holleeder alles abverlangt, sagt sie. Ihr Bruder habe permanent versucht, sie vor Gericht "anzupissen", wie sie es nennt. Er habe sie als Verrückte und Lügnerin dargestellt. Es sei schrecklich gewesen, das zu erleben.

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Familie Holleeder: Nur drei schöne Erinnerungen

Dass ihr der Richter Glauben schenkte, fühle sich wie ein Sieg an, sagt Astrid Holleeder. Die Strafe für Willem hingegen nicht: "Er ist immer noch mein Bruder", sagt sie. Es klingt, als sei sie den Tränen nahe.

Sie fürchtet ihren Bruder noch immer - auch nach dem Urteil. "Er hat jetzt nur noch eine Ziel: Rache", sagt sie. Ihr Bruder habe nach dem Urteil nichts zu verlieren. Die kugelsicheren Autos, die Geheimwohnungen - all das will sie beibehalten.

Ihr Bruder habe bereits angekündigt, gegen das Urteil vorzugehen. "Wir werden uns im Gerichtssaal wiedersehen", sagt Astrid Holleeder.

Eines hat sich inzwischen geändert: Auch sie ist eine Art Berühmtheit geworden. Ihr Buch wurde ein internationaler Bestseller und verfilmt. Das Medieninteresse an dem Prozess war gewaltig. "Wenn mir irgendwas passiert, wissen alle, wer es war", sagt sie. Das sei ihre einzige Sicherheit.



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