Großeinsatz gegen Hells Angels auf Mallorca Operation "Casablanca"

Razzien, Prozesse, Verbote: Den Hells-Angels-Boss Frank Hanebuth zog es nach Mallorca, weil ihm die deutsche Polizei stark zusetzte. Jetzt steckt er auch auf den Balearen in Schwierigkeiten, spanische Ermittler nahmen ihn fest. Geschichte eines Großverfahrens.
Polizeieinsatz beim Hells-Angels-Boss auf Mallorca: Millionen für Rennstrecke?

Polizeieinsatz beim Hells-Angels-Boss auf Mallorca: Millionen für Rennstrecke?

Foto: Montserrat T Diez/ dpa

Palma de Mallorca - Dem Anwesen im Landesinneren hat der Herr des Hauses einen hübschen Namen gegeben: "San Paradiso" heißt die aus vier Gebäuden bestehende Finca, deren Pracht selbst deutsche Ermittler beeindruckt. Doch am Dienstagmorgen um kurz vor 7 Uhr brachen in das Urlaubsparadies des Hells-Angels-Fürsten Frank Hanebuth, 48, schwerbewaffnete Einsatzkräfte der Guardia Civil ein. Operation "Casablanca" nannten spanische Ermittler ihre großangelegte Aktion gegen die Rockerbande.

Insgesamt durchsuchten mehr als 200 Beamte 31 Wohnungen und Häuser, in denen sich Hells Angels aufhielten. 25 Männer wurden festgenommen, darunter nach SPIEGEL-ONLINE-Informationen auch Hanebuth und mehrere seiner Kumpanen aus Hannover. Zudem beschlagnahmten die Ermittler 50.000 Euro in bar, Schusswaffen, vier schwere Motorräder, zehn teure Autos, Boote und Juwelen. Auch Mobiltelefone, Laptops, Kokain, Marihuana und Anabolika wurden sichergestellt.

Der Großeinsatz ist der vorläufige Höhepunkt eines bereits zweieinhalb Jahre dauernden Ermittlungsverfahrens mehrerer europäischer Polizeibehörden. Nach offiziellen Angaben geht es dabei um Drogen- und Menschenhandel, Erpressung, Geldwäsche und Bestechung. Die spanischen Ermittler legen den Hells Angels auf Mallorca zudem zur Last, eine kriminelle Organisation zu sein. Hanebuths Anwalt, Götz von Fromberg, sagte dazu auf Anfrage: "Das scheinen mir sehr pauschale Vorwürfe zu sein." Er habe allerdings bislang keinen Kontakt zu seinem Mandanten aufnehmen können.

Wollten die Rocker Schwarzgeld in eine Rennstrecke stecken?

Nach Angaben des Innenministeriums in Madrid sollen die festgenommenen Hells Angels über mehrere Millionen Euro Schwarzgeld verfügt haben. Demnach wollten die Rocker auf der Ferieninsel das aus Deutschland und der Türkei stammende Vermögen in den Bau einer Formel-1-Strecke investieren und auf diese Weise waschen. Hanebuth sowie die Hells-Angels-Bosse Fardad B., 33, und Necati A., 41, gelten den Ermittlern als besonders eng verbundene, international operierende Geschäftsleute mit besten Beziehungen in die Türkei.

Eine wichtige Einnahmequelle der Bande sei die sexuelle Ausbeutung von Frauen in Deutschland gewesen, heißt es in der Mitteilung der spanischen Behörden. Die Opfer seien in Deutschland zur Prostitution gezwungen worden. Einige von ihnen hätten Teile ihrer Einnahmen persönlich nach Spanien bringen und Mitgliedern des Rockerclubs aushändigen müssen. Weitere Einnahmen hätten die Hells Angels mit der Erpressung von Schutzgeld erzielt. Die Opfer seien überwiegend auf Mallorca lebende Ausländer gewesen.

Frank Hanebuth hatte sich ebenso wie einige andere ehemalige Mitglieder des Hannover-Charters der Hells Angels im vergangenen Sommer Richtung Mallorca orientiert. Zuvor löste der deutsche Chefrocker noch den Ableger in der niedersächsischen Landeshauptstadt auf, nachdem die GSG 9 sein Anwesen in der Wedemark gestürmt und einen Hund erschossen hatte. Das der Razzia zu Grunde liegende Ermittlungsverfahren der Staatsanwaltschaft Kiel verlief zwar im Sande - die Beamten waren wohl einem wenig glaubwürdigen Kronzeugen aufgesessen - doch Hanebuth hatte genug von Deutschland. In Spanien plante er einen Neubeginn. Er wolle einen Gastronomiebetrieb übernehmen, sagte er.

Nach allem, was man weiß, besuchte Hanebuth die Insel im Mittelmeer zu diesem Zeitpunkt schon sehr regelmäßig. Sein väterlicher Freund, die hessische Rotlichtgröße Paul E., hatte sich vor Jahren dorthin zurückgezogen, als er aus dem Milieu ausgestiegen war. "Thrombose-Paul" nennt man E. in der Szene, womit der Grund für den verfrühten Renteneintritt schon hinreichend beschrieben wäre. Ein Anruf auf E.s Handy brachte am Mittag keine neuen Erkenntnisse. "Zu diesem Zeitpunkt kein Kommentar", sagte eine Frauenstimme.

Hanebuth wiederum war vor wenigen Tagen mit seinem Sohn und seiner Freundin nach Mallorca aufgebrochen, um in einer Millionen-Villa Urlaub zu machen.

Vereinsverbote sind Symbolpolitik

Zum Verhängnis könnte den Hells Angels nun werden, dass die spanischen Behörden als vergleichsweise entschlossen im Kampf gegen Organisierte Kriminalität gelten. Während der einschlägige Paragraf im deutschen Strafgesetzbuch eine besonders hohe rechtliche Hürde ist, an der die Ermittler mit schöner Regelmäßigkeit scheitern, sind die Vorschriften in Spanien weitaus günstiger für die Strafverfolger.

"Deutschland leistet sich noch immer die weltweit komplizierteste Definition einer kriminellen Vereinigung", kritisiert der Vorsitzende des Bundes Deutscher Kriminalbeamter im BKA, Andy Neumann. "Außerdem fehlt den meisten Dienststellen Zeit, Personal und Expertise, um derart umfangreiche Verfahren erfolgreich zu führen." Oft flüchte man daher in Vereinsverbote, die nicht mehr seien als symbolische Aktionen und keinen einzigen Rocker zum braven Bürger machten, so Neumann: "Aktionen wie diese wird es bei uns erst geben, wenn wir die Banden konsequent als kriminelle Organisationen verfolgen." Dazu müssten jedoch die Ermittlungen endlich konzentriert werden.

Laut Europol geht von Rockern eine große Gefahr für die Allgemeinheit aus, weil sie zu einem "extremen Maß an Gewalt" neigen. Es würden alle Arten von Waffen und sogar Granaten eingesetzt, wenn sich rivalisierende Banden bekriegten, heißt es in einer aktuellen Mitteilung der europäischen Polizeibehörde. Gangmitglieder nutzten den schlechten Ruf der Gruppierungen wiederum dazu aus, um ihre Position auf örtlichen Kriminalitätsfeldern zu festigen.

Nach Angaben der Ermittler können in dem laufenden Verfahren weitere Festnahmen folgen - auch in Deutschland.

Mit Material von dpa