Hells Angels und Bandidos Polizei schließt Rockerclubs im Norden

Die Kieler Landesregierung greift durch: Erstmals hat die Polizei in Schleswig-Holstein örtliche Clubs der Hells Angels und Bandidos verboten. Die Rocker sind empört - und wollen dagegen juristisch vorgehen.

Aus Neumünster und Kiel berichtet


An dem ersten Tag, an dem es sie in Neumünster nicht mehr geben darf, sitzen die Bandidos auf der gefliesten Terrasse ihres Vereinsheims und halten Kriegsrat. Draußen stehen große Autos und schwere Motorräder, allesamt schwarz und auf Hochglanz poliert. Drinnen bestimmen breite Rücken und ernste Gesichter das Bild. "Das werden wir uns auf keinen Fall gefallen lassen", sagt einer von ihnen. "Dagegen gehen wir vor." Und jetzt, bitte schön, keine Fragen mehr. Alles Weitere werde man - sehr bald - sehen.

Die Verunsicherung der Rocker ("ganz schlimme Scheiße") ist spürbar - wahrscheinlich hatten sie wirklich nicht mehr damit gerechnet, dass Polizei und Politik tatsächlich ernst machen würden. Seit vielen Wochen diskutieren Sicherheitsexperten zwar erregt darüber, ob ein Vereinsverbot eine wirksame Waffe im Kampf gegen die "Outlaw Motorcycle Gangs" sein könnte, doch passiert ist seither - nichts. Allerdings sollte sich das schlagartig am Donnerstagmorgen ändern.

330 Beamte, darunter auch Spezialeinsatzkommandos (SEK), durchsuchten von 7 Uhr an zehn Wohnungen und Vereinsheime der Rocker in Schleswig-Holstein. Dabei wurden den 17 Mitgliedern der "Bandidos MC Probationary Chapter Neumünster" und den zwölf Mitgliedern der "Hells Angels MC Charter Flensburg" auch schriftlich bekanntgegeben, dass ihre Clubs mit sofortiger Wirkung verboten sind.

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Rocker-Vereinsverbot: "Ganz schlimme Scheiße"
"Beide Vereine verstoßen gegen die Strafgesetze und richten sich gegen die verfassungsmäßige Ordnung", begründete der Landesinnenminister Klaus Schlie die ungewöhnlich drastische Aktion und setzte gleich nach: Auch über den übrigen Ablegern der Angels - die Bandidos gibt es damit im Norden offiziell nicht mehr - schwebe "das Damoklesschwert eines Verbots". "Wir weichen keinen Schritt zurück. Das Gewaltmonopol liegt beim Staat", tönte der CDU-Politiker und kündigte eine "Null-Toleranz-Strategie" an.

"Es handelt sich nicht um harmlose Motorradclubs"

Nach Ansicht des Innenministeriums dienen beide Vereine allein dem Zweck, kriminelle Kraft zu entfalten und ihre jeweiligen Gebiets- und Machtansprüche gegen die Konkurrenz durchzusetzen - auch mit Waffengewalt. Gegen zahlreiche Mitglieder der Hells Angels und Bandidos, darunter ist auch der ehemalige NPD-Landesvorsitzende Peter B., laufen derzeit Ermittlungsverfahren, etwa wegen versuchter Tötungsdelikte, gefährlicher Körperverletzung, Verstößen gegen das Waffengesetz oder Nötigung.

"Die Straftaten stellen sich sichtbar als Aktivitäten der Vereine dar", so Schlie. Sie seien zwar von einzelnen Mitgliedern verübt worden, gingen aber auf das Konto der beiden Gruppierungen. Das sei entscheidend für deren Verbot gewesen. "Es handelt sich nicht um harmlose Motorradclubs, deren Mitglieder sich zu friedlichen Wochenendausflügen treffen", sagte Schlie.

Das Verbot, so unvermittelt es im Moment auch erscheinen mag, ist nicht beispiellos. 1983 waren die Hells Angels in Hamburg, 2001 in Düsseldorf verboten worden. Und auch wenn die Höllenengel von "Harbour City" seither darauf verzichten, sich in der Hansestadt in Kutten sehen zu lassen und inzwischen im Mecklenburgischen residieren, mischen sie doch weiterhin im Milieu mit: Auf der Reeperbahn sind die "Rot-Weißen", wie sie dort wegen ihrer Clubfarben genannt werden, eine feste Größe. In Düsseldorf ist es kaum anders.

"Bestreben der Hells Angels: die Bandidos aus dem Land drängen"

Auch in Schleswig-Holstein ließ man die Hells Angels über viele Jahre gewähren. Erst als sich im Frühjahr 2009 die Bandidos zum ersten Mal in den Norden wagten, der Konkurrenz das Terrain streitig machten und es in der Folge immer wieder zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen den Lagern kam, musste die Polizei reagieren - zumeist mit aufwendigen Großeinsätzen.

"Das Bestreben der Hells Angels scheint es zu sein, die Bandidos wieder aus dem Land zu drängen", sagte bereits im Dezember 2009 der LKA-Dezernatsleiter für Organisierte Kriminalität, Detlev Zawadzki, SPIEGEL ONLINE. Die Bandidos hingegen, in Neumünster beheimatet, wollten ihren Brückenkopf im Norden unbedingt halten und damit auch die Nähe zu ihren "Brüdern" in Dänemark.

Die Sonderkommission "Rocker", die Zawadzki leitet, zählte seinerzeit etwa 50 Mitglieder der verfeindeten Clubs in Schleswig-Holstein, hinzu kämen noch einmal etwa 50 sogenannte Unterstützer, oftmals schlagkräftige Typen, die als Sturmtruppen gegen den jeweiligen Rivalen angesetzt würden.

Besondere Brisanz gewann die ohnehin instabile Situation dadurch, dass sich Führungsfiguren beider Lager bereits seit Jahren kennen und verabscheuen. So gerieten der Neonazi und ehemalige NPD-Landesvorsitzende Peter B., inzwischen Vizepräsident bei den Neumünsteraner Bandidos, und der Hells Angel Dennis K. schon früher aneinander. Der Altrocker K. erlitt dabei schwere Stichverletzungen, ein Gericht erkannte jedoch auf Notwehr und sprach B. frei.

"Alle juristischen Mittel ausschöpfen"

Beide Parteien reagieren nun mit heftiger Empörung auf das vereinsrechtliche Verbot. Sie hätten das Gewaltmonopol des Staates niemals in Frage gestellt, so Bandidos-Sprecher Micha zu SPIEGEL ONLINE. Das Vorgehen des Innenministers sei unverhältnismäßig und beruhe "weitestgehend auf Vermutungen und Legenden, was unser Zusammenleben anbelangt". Sie würden daher "alle zur Verfügung stehenden juristischen Mittel ausschöpfen, um gegen das Verbot des Chapters in Neumünster vorzugehen". Auch Hells-Angels-Sprecher Rudolf "Django" T. kündigte auf SPIEGEL-ONLINE-Anfrage rechtliche Schritte an: "Auf jeden Fall!"

Schlies Vorstoß stieß bei einigen seiner Amtskollegen auf Skepsis. Nach Einschätzung des nordrhein-westfälischen Innenministers Ingo Wolf (FDP) lösten regionale Verbote die Probleme "nicht langfristig, weil sie nur zu einer Verdrängung führen". Für ein Verbotsverfahren ist aus seiner Sicht allein der Bund zuständig. Brandenburg plädiert ebenfalls für eine Diskussion über ein bundesweites Vorgehen gegen die Outlaws. In Niedersachsen und Bremen sieht man keinen konkreten Handlungsbedarf. Schlie will die Rockerkriminalität bei der Innenministerkonferenz im Mai wieder zum Thema machen, wie er sagte.

Für den Augenblick scheinen vor allem die Hells Angels Nutznießer der Polizeiaktion zu sein. Was ihnen in fortgesetzten Verhandlungen mit den Bandidos nicht gelungen ist, nämlich die Konkurrenz in Schleswig-Holstein wieder loszuwerden, hat nun der Innenminister via Polizei für sie erledigt. Und dass dabei auch ihr vergleichsweise junges Charter in Flensburg geschlossen wurde, nun ja, das nennt man wohl Kollateralschaden.

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